Vergeblich?

Jubel für Volker Löschs Neuinszenierung von Gerhart Hauptmanns „Ratten“

 

 

DÜSSELDORF hält sich mit Beifall meist zurück: so lauter, nicht enden wollender Jubel, wie ihn Volker Lösch (*1963) und sein Ensemble verbuchen konnten, hat Seltenheitswert. Das Publikum würdigte mit seinem temperamentvollen Beifall nach der Premiere am Samstagabend in Düsseldorfs Großem Schauspielhaus Löschs Neuinszenierung von Hauptmanns (1862 -1946) „Ratten“. Der Regisseur hat das Stück stark veränderte, um ihm im Kern treu bleiben zu können.

 

Laienchor

 

Star des Abends sind sechzehn Frauen; sie bilden den „Chor der alleinerziehenden Mütter aus Düsseldorf“. In einer langen Agit-Prop Szene stellen sie sich in einer Reihe nebeneinander an die Rampe und schleudern ihre Anklagen gegen die Männer, die sie im Stich gelassen haben, und gegen die Gesellschaft, die sie ihrer Lebenschancen beraubt, ins Publikum. Dieses Engagement für an den Rand gedrängte Frauen und gegen die Armut, gegen deren Verzweiflung, bildet auch das dramatische Gravitationszentrum von Hauptmanns „Ratten“.

 

Laienchöre stellen ein Kernelement aller Inszenierungen Löschs dar. Er sucht mit seiner Dramaturgin Christine Lang Frauen und/oder Männer aus, die einen bestimmten Ausschnitt sozialer Realität aus eigener Erfahrung kennen. Sie erzählen ihre Geschichte. Sie wird aufgezeichnet, konzentriert und in Theatersprache (vor allem von der Dramaturgin) übersetzt. Diesen Text müssen die Chormitglieder auswendig lernen und chorisch sprechen – eine ungeheure Anforderung an und Arbeit für Laien, die aber stark zur Überzeugungskraft der Inszenierungen beiträgt: Die Chormitglieder sind Spezialisten des Elends, wissen, wovon sie reden.

 

Engagement gegen Egoismus

 

Ein anderer Schwerpunkt ist der Kampf um ein engagiertes Theater. In einer kabarettistischen Szene werden die deutschen Bühnen unserer Tage aufs Korn genommen: selbstverliebt, auf Erfolg getrimmt und unendlich eitel feiern Herr Hassenreuter und seine Leute, aufgekratzt, als hätte jeder gerade ein halbes Pfund Kokain geschnupft. Eben ist Hassenreuter zum Intendanten gewählt worden, da gibt er sein Programm bekannt: Er schmeichelt gewissenlos dem gerade herrschenden Publikumsgeschmack und verrät für Applaus und eine gute Gage alle künstlerischen Prinzipien, die je das Unglück hatten, von ihm vertreten zu werden.

 

Ansonsten bauen Lösch und seine Dramaturgin Christine Lang Hauptmanns „Ratten“ um, aber im Vordergrund bleibt, wie bei Hauptmann, der Kampf zweier Kunstrichtungen. Der alte Theaterdirektor Hassenreuter will ein erhabenes, der Wirklichkeit entrücktes Theater, sein Vorbild ist Goethe; Erich Spitta, sein junger Gegenspieler (der Züge Hauptmanns und Löschs trägt), stellt das Prinzip auf: „Echte Dramen sind immer Gegenwart“. Spitta scheint zunächst zu gewinnen, die Schauspieler lassen Hassenreuter im Stich, um dem vielversprechenden  jungen Theatermann zu folgen. Aber sie verlassen ihn sofort wieder, als Hassenreuter Intendant wird und mit Gagen und Engagements lockt. Alle sind Opportunisten. Hassenreuter erweist sich als der wendigste: Er engagiert Spitta als „soziales Gewissen“ seines Theaters. Spitta ist verzweifelt, er weiß, dass er dem hedonistisches Unterhaltungstheater als kritisches Feigenblatt dient – eine Szene voller Selbstkritik, in der Lösch sich über seinen eigenen radikalen Ansatz eines modernen sozialen Theaters Rechenschaft ablegt, dessen Stärken, vor allem aber auch dessen Schwächen: Spitta ist allein auf der kahlen, grauen Bühne wie König Lear im Sturm auf der Heide. Melancholisch schlägt er Purzelbäume – der schwermütige Narr, der die Wahrheit kennt, die niemand hören mag. Lache, Bajazzo!

 

Vielfalt des Realismus

 

Das gesamte Ensemble (ohne eine einzige Ausnahme) zeigt Facetten seines Könnens von psychologischer Einfühlung über Seifenoper im Billigfernsehen bis zu exaltiertem Expressionismus und würzt den Tiefgang der Bearbeitung mit treffsicherem Humor, oft derb, häufig überspitzend. Die Laien, die sechzehn Düsseldorferinnen, dürfen einen Großteil des Beifalls sich zuschreiben – sie haben die schwierigen Chorpartien über weite Strecken gemeistert. Lösch hat sein Konzept weit ausgearbeitet; es wirkt durch seine Komplexität, sein überzeugendes Engagement, das Bemühen um Authentizität und den unterhaltsamen Witz fast vollendet.

 

Der begeisterte Beifall war verdient.

Ulrich Fischer

 

 

Aufführungen am 6., 13., 18., 23. und 27. Dezember – Spieldauer: 2 Std.

 

Kartentelefon: 0211 36 99 11 – Internet: www.duesseldorfer-schauspielhaus.de