Das Theater und der Klimawandel

 

Die „Lecture Performance“ – Ein Gelehrter auf der Bühne

 

HAMBURG. Die drohende Klimakatastrophe macht das Deutsche Schauspielhaus in dieser Spielzeit zum Schwerpunktthema. Nach einem großen Projekt von Rimini-Protokoll („Die Welt-Klimakonferenz“) folgte am Mittwoch „2071“, ein Einpersonenstück – ebenfalls im Großen Haus. Chris Rapley tritt auf – und spielt sich selbst. Rapley ist ein namhafter Gelehrter. Der Naturwissenschaftler hat viele Ämter im Bereich Klimaforschung in Großbritannien inne und vertritt das Vereinigte Königreich in internationalen Gremien, die Regierungen über die Gefahren des Klimawandels informieren.

 

Aber der Professor stellt sich nicht hinter sein Katheder, das er auf der Bühne aufstellt, und hält eine Vorlesung – er sucht vielmehr eine theatrale Form. Duncan Macmillan, ein bei uns noch nicht so bekannter britischer Dramatiker, gliedert Rapleys Monolog, der, ohne den wissenschaftlichen Anspruch aufzugeben, so verständlich ist, dass auch ein Laie gut folgen kann. Rapley erzählt von seiner Kindheit, als er in seinem Atlas auf der Karte der Antarktis noch viel Weißes vorfand, ein unbekanntes Gebiet, das nie eines Menschen Fuß betreten hatte. Diese Region wurde im Lauf seines Lebens immer weiter erforscht wurde – er hat kräftig dazu beigetragen.

 

 

Ein guter Ruf schafft Überzeugungskraft

 

 

Vom Eis der Antarktis ist es nicht weit bis zur Schmelze, der Erwärmung, dem steigenden Meeresspiegel.

 

Rapley hat nicht nur den Dramatiker zur Stütze, sondern auch eine Regisseurin, Katie Mitchell. Sie platziert den Professor im Großen Haus in einen eleganten freischwingenden Stahlrohrsessel, Rapley trägt einen braunen Anzug, Pullover und Kragen ohne Krawatte, informell, schlicht – und erzählt mehr als dass er vorträgt – Rapleys Gestik ist wohltuend zurückhaltend, britisch. Dadurch gewinnt die Analyse an Überzeugungskraft – wegen der Konzentration. Nichts lenkt ab – 70 Minuten pures Thema. Auf die Leinwand im Hintergrund der riesigen Bühne des Schauspielhauses werden Diagramme, Graphiken, Weltkarten projiziert, ein wenig verhaltene Musik trägt zum Fluss bei – und am Ende fordert Rapley uns auf, eine Frage zu beantworten: „What kind of future do we want to create?“ – Welche Art Zukunft wollen wir schaffen? (Rapley spricht [ein wunderbar klares] Englisch, die deutsche Übersetzung wird auf das Portal projiziert.)

 

Die Antwort legt Rapley nahe: 2071, der Titel, bezeichnet das Jahr, in dem seine Enkelin so alt ist, wie Rapley heute ist. Wird die Welt dann noch in Ordnung sein? Und hundert Jahre später?

 

 

An die Nachgeborenen

 

 

Wir müssen die Weichen stellen. Wir können jetzt eingreifen.

 

Ein engagierter Abend – engagiertes Theater. Die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Bühne ist zu diesem Thema gelungen – die Glaubhaftigkeit des angesehenen Wissenschaftlers stützt das Anliegen; hätte ein Schauspieler den Text vorgetragen, hätte die(se) Autorität gefehlt. Aber nicht nur der Gelehrte leiht dem Theater seine Aura, die Kunst der Bühne dient seiner Verständlichkeit, Rapley bekommt ein (weiteres) Podium – die gute Sache verbindet beide.

 

 

„2071“ ist eine Koproduktion des Deutschen Schauspielhauses mit dem Royal Court; nach der Uraufführung in London notierte der „Guardian“: „Es gibt viele Theaterabende, die gute Unterhaltung bieten. Dieser ist jedoch besser als gut: er ist notwendig.“

 

Ulrich Fischer