Die Achtsamkeit im Fadenkreuz

Karsten Dusse: Achtsam Morden

Ziel des Spotts in Karsten Dusses Roman „Achtsam morden“ ist die Achtsamkeit. Und er trifft ins Schwarze.

Wer den Roman offen liest, schreibt Dusse im Nachwort, „wird merken, dass mir Achtsamkeit – bei allem Humor – wichtig ist. Eine achtsame Lebenseinstellung macht vieles leichter. Achtsamkeit ist allerdings kein Heilmittel für alles …“. Au contraire.

Dusse ist Rechtsanwalt, wie sein Held. Der bezeichnet sich als nicht gewalttätig und bringt seinen ersten Menschen auch erst mit zweiundvierzig um. Opfer ist sein Mandant. Denn dieser Anwalt hat in einer Rechtsfirma einen Schwerkriminellen zugewiesen bekommen, den er immer aus allen Schlamasseln freipauken muss.

Als es zu einem nicht wieder gutzumachenden MordundTotschlag kommt, den über fünfzig Schulkinder sehen und filmen,  bleibt unserm Anwalt nichts übrig, als seinen Mandanten im Kofferraum seines Dienstwagens versteckt vom Tatort zu fahren – und ihn drin zu lassen, um ihn dort nicht wieder lebend herauszulassen. Der erste Teil der Problemlösung,  die  Beseitigung des Toten  folgt.

Der Roman schildert die Versenkung der Leichenteile in einem idyllischen See sowie einige weitere ausgewählt phantasievolle Morde mit Bravour und nur ganz wenig Längen auf über vierhundert Seiten. („Achtsam morden“ ist der erste Roman Dusses und Dusse zeigt unübersehbar Talent.) Wir erfahren alles, was wir schon immer wissen wollten, über die Zusammensetzung   erfolgreicher Banden und vor allem viel über die heilsame Wirkung der Achtsamkeit: „Lassen Sie nur an Ihrem Leben teilhaben, was Ihnen guttut. Menschen, Gegenstände, Gedanken und Gespräche, die Sie belasten, dürfen Sie getrost wie Wolken an sich vorbeiziehen lassen. Von allem, was Sie nicht weiterbringt, was Sie belastet oder was Ihnen nicht behilflich ist, dürfen Sie sich jederzeit trennen.“ Das schreibt der (fiktive?) Achtsamkeitsberater des Anwalts in seinem immer wieder zitierten (fiktiven?) Buch „Entschleunigt auf der Überholspur – Achtsamkeit für Führungskräfte“ unter dem Stichwort:  „Minimalismus“.  Das Werk verzeichnet 37 Stichworte, so viele wie Dusses (reales!) Buch Kapitel. Das letzte heißt „Tod“.

Es berichtet vom spektakulären Untergang des Feindes von dem brutalen Gangster, den unser achtsamer Anwalt am Beginn des Romans beseitigt hat. Dieser Abschied macht den Weg frei für den Protagonisten, an die Spitze beider Banden zu treten und deren Geschäfte gemeinsam zu führen (Synergieeffekte garantiert) – geschützt von dem Aushängeschild seiner neu gegründeten Anwaltspraxis.

Karsten Dusse stellt bloß, dass „Achtsamkeit“, von der so häufig zur Zeit (viel zu positiv und unkritisch) geredet und geschrieben wird, wenig mehr ist als eine Form schrankenlosen Egoismus‘.  Übertreibung ist sein bis zur Ausschweifung genutztes Stilmittel dieser Groteske, und der Autor unterhält mit seinem schwarzen Humor blendend – bis zum Schauder. A cold faint fear thrills through my veins.

                                                                                                               Ulrich Fischer

Karsten Dusse: Achtsam morden. Roman. Heyne. 413 S. 9,90 €