Ein Wechselbad der Gefühle

Burkhart Klaußner als „Galilei“ in Lars-Ole Walburgs Brecht-Inszenierung in Düsseldorf

Von Günther Hennecke


Düsseldorf – Burkhart Klaußner als Bert Brechts „Galilei“: Das ließ einiges erwarten, zumal der Schauspieler sich bereits im letzten Jahr in Heinrich Breloers Doku-Drama „Brecht“ als der ältere Brecht hervorgetan hat. In Düsseldorf überzeugte er zuletzt zudem als „Heisenberg“ und als Shylock im “Kaufmann von Venedig“.

Auftakt zur Festwoche
Nun galt es freilich, besonders zu überzeugen. War Brechts Stück doch der Auftakt zu einem zweiwöchigen Fest, das an die Eröffnung des vor 50 Jahren unter heftigen Jugend–Protesten eingeweihten Schauspielhauses erinnert, dem Architekt Bernhard Pfau die Schnittigkeit eines Ozean-Liners mit auf den Dramen-Weg gab. 

Es begann mit Büchners „Danton“
NRW-Ministerpräsident Achim Laschet würdigte Pfau und das nach langen Modernisierungsarbeiten neue eröffnete Haus, das der ebenfalls ins Lob überwechselnde OB Düsseldorfs, Thomas Geisel, vor einigen Jahren noch in ein Einkaufscenter banalisieren wollte. Es war übrigens Georg Büchners  „Dantons Tod“, mit dem am 16. Januar 1970 das Flaggschiff eröffnet wurde.

Auf der Suche nach der „Wahrheit“
Nun also machten sich Klaußner und Regisseur Lars-Ole Walburg daran, der Frage nach der „Wahrheit“ nachzugehen. In einer Epoche, in der nicht nur Fake News  Hochkonjunktur haben. Schließlich rannte auch Galilei vergeblich gegen eine Mauer von Lügnern und Leugnern an. Dass er im Recht war, recht hatte, – das zu erkennen dauerte seine Zeit. Brecht schrieb „Das Leben des Galilei“ 1939. Über 70 Jahre später – und „Galileis“ Kampf geht weiter. Heute etwa gegen die Verleugner des Klimawandels. Da steht, so scheint es, die Wissenschaft gegenüber der Großmachtpolitik auf ebenso verlorenem Posten wie einst in Galileis religiös-dogmatisch okkupiertem Europa. 

Riesiges Fernrohr als Symbol
Es beginnt unprätentiös, fast spielerisch. In einem Lichtkegel, der die ansonsten dunkle Bühne beherrscht, liegt ein älterer Mann. Wenig später wird er sich erheben und Andrea, dem Sohn seiner Haushälterin, mit einfachsten Worten die Welt erklären – wie er sie sieht. Für diese neue Sicht steht ein riesiges, diagonal den Raum beherrschendes Fernrohr, mit dem er Welten erblickt, die der Gewissheit, die Erde läge  im Zentrum des Universums, den Garaus machen wird.

Galilei – ein Mann auch des Genusses
Dieser Galilei ist ein Mann der Wissenschaft; aber, nicht zuletzt, auch einer des Genusses, für den er manches zu opfern bereit ist. Gut leben zu wollen, wird ihn später immer wieder  mit seiner der Wissenschaft zugewandten Seite in die Quere kommen lassen. Galilei, von der Inquisition vor die Wahl gestellt, seiner Lehre abzuschwören oder qualvoll zu leiden, entscheidet sich für das Leben – für sein Leben. Was ihn freilich nicht daran hindert, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse in einer Kopie für die Nachwelt zu retten. Brechts „Galilei“ ist kein Märtyrer. Sein Schwanken, vor allem der Widerruf seiner Lehre, bringt ihn unter seinen Anhängern in Misskredit. Schließlich waren sie auf ihn eingeschworen – und meiden von nun an seine Gesellschaft.

Eine Welt von Scheintoten und Geistern
Nur schade, dass sich der Abend, dass sich die Inszenierung immer wieder in geisterhaft wirkende Bilder verliert. Wenn sich die Gelehrten zu kleinen Gruppen versammeln, sich aneinanderschmiegen und jeder von Ihnen aus seiner Sicht Galileis Lehre verteufelt, wirkt das doch recht altmeisterlich. Wie überhaupt immer wieder Bilder und Szenen die Bühne beherrschen, als wäre die damalige Welt eine von Scheintoten und Geistern. Einzelne Gestalten bewegen sich in schmalen Lichtbahnen, halten ein, verlassen die Szene wieder. 

Unübersehbare Hinweise aufs Heute
Gleichwohl irrlichtern durch Stück wie Inszenierung unübersehbare Hinweise aufs Heute. Stehen sich doch auch heute Welten gegenüber – die der „Guten“ und die der  „Bösen“, Klimaretter und Klima-Apokalyptiker. Doch wie argumentiert Galilei alias Brecht: „Wer die Wahrheit nicht weiß, ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und Lüge nennt, der ist ein Verbrecher“.

Das Publikum jubelte geradezu frenetisch

 Auff.: 7., 18., 27. Februar; 4., 26. März; www.dhaus.de

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„Leben des Galielei“

Von Bertolt Brecht

Premiere 16. Januar 2020

Düsseldorfer Schauspielhaus

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Regie: Lars-Ole Walburg

Bühne: Olaf Altmann

Kostüm: Ellen Hofmann

Licht: Jean-Mario Bessiére

Musikalische Leitung: Matthias Herrmann

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Kurz und bündig: Eine Inszenierung, die sich allzu sehr im Ungefähren bewegt. Kaum wirklich mitreißende Szenen.