Der Fluch Apolls

Theater in Gefahr: Thomas Melles „Ode“

IM HOCHDRAMATISCHEN RAUM.  Die „stücke“ in Mülheim, ein rot notiertes Datum im Kalender vieler Schauspielfreunde, versammeln jedes Jahr im Frühling an der Ruhr die wichtigsten „stücke“, die im letzten Jahr uraufgeführt worden sind, um den „Dramatiker (oder die Dramatikerin) des Jahres“ zu wählen. Es soll dezidiert um StückeschreiberInnen und ihre Stücke gehen, nicht im Inszenierungen und Regisseure (wie beim Berliner Theatertreffen).

Ein Schwachpunkt des Wettbewerbs, der unter der Leitung von  Stephanie Steinberg in den letzten Jahren immer mehr Ausstrahlung verloren hat, war und ist, dass das Publikum die Stücke nicht liest, sondern Inszenierungen sieht. Regisseure stellten sich zwischen AutorIn und Zuschauer – und verfälsch(t)en häufig den Eindruck. (Wenn ich an eine Handke-Aufführung [Untertagblues. Ein Stationendrama, 2005 in MH] denke, ärgere ich mich noch heute).

Die Jury hat ihre Arbeit getan, acht Stücke (aus über 110) ausgewählt, aber sie können nicht aufgeführt werden – Corona! Warum das nicht als Chance begreifen?! Jede(r) kann die Stücke lesen (bleibt zu Hause, verschmutzt keine Umwelt) und sich ein Urteil bilden, unverfälscht von Regisseursinterpretationen. Der Nachteil, dass man die Bühnentauglichkeit des Stücks schwer einschätzen kann, wird mehr als aufgewogen durch den Vorteil, dass blasse Regisseure mit ihrer unmaßgeblichen Meinung die Stücke kontaminieren.

Deshalb hab ich mir vorgenommen, die Stücke zu lesen und Ihnen vorzustellen. Mein Vorschlag an den „stücke“-Wettbewerb: Stellen Sie bitte die Stücktexte ins Internet, damit Interessiertinnen sie mit einem Klick abrufen können.

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„Ode“ nennt Thomas Melle sein Stück – es ist nicht, wie bei Schiller, eine Ode an die Freude, es ist eine an die Freiheit. Und eigentlich ist es auch keine „Ode“, keine lyrische Form, obwohl manche Verdichtungen im Text eher an Gedichte denken lassen als an Dialog.

Foto: Dagmar Morath

Gleichwohl unterliegt der  „Ode“ ein dramatisches Prinzip, ein Streit, ein Konflikt. Das Theater, seine Freiheit, ist bedroht – von der WEHR. Verteidiger des Theaters, so wie es jetzt ist, sind FRATZER im ersten, ORLANDO im zweiten und PRÄZISA im letzten Teil des Dreiakters. Schon mit der Namensgebung der Figuren weist Melle darauf hin, dass er sein Stück in der Tradition verortet. Er spielt im Stück nicht nur auf Bertolt Brecht und Virginia Woolf an, sondern auch auf Sophokles, auf Shakespeare und auf Heiner Müller.  (undundund…)

Thomas Melle befrachtet, ja überfrachtet seinen Kahn, weniger um vor seinen Zuschauer mit seiner Bildung zu prunken – vielmehr geht es ihm mutmaßlich darum, den Wert des Theaters so hoch wie möglich zu hängen – denn die WEHR bedroht diesen Wert. Sie will auch das Theater, aber sie will ein simples, einfaches, seiner Komplexität und seiner Tradition beraubtes Theater.

Am Anfang steht die Beschreibung eines Irrwegs – der Versuch eines antifaschistischen Theaters, einer antifaschistischen Theorie scheitert, weil er zu schwierig ist und zu wenige erreicht – ein elitäres Konzept. Die Freunde, die dieses Projekt getragen und vertreten haben, zerstreiten sich, laufen auseinander. Selbstkritik nützt nichts, sie führt auf einen neuen Holzweg. Der schließlich zur Konfrontation führt. PRÄZISA (nomen est omen), eine künstliche Figur, die die Quintessenz allen Verteidigungswillens enthält, wird das letzte Wort eingeräumt: „Es lebe die Kunst“.

Das hört sich, wie es sich für eine ordentliche Ode gehört, pathetisch an – und pathetisch ist das ganze Stück. So mächtig, wie die „WEHR“ dargestellt wird, sind die neuen Konservativen und die alten Nazis nicht – noch nicht, dürfte Thomas Melle wohl mahnend meinen, deshalb warnt er – jetzt.

Aber erreicht er nicht wieder nur all jene, die wie er denken? Und verfehlt jene, die er erreichen möchte?

Das Stück beeindruckt durch seinen Kenntnisreichtum und durch seine Sprachwucht – aber es wirkt, als überfordere es die Bühne, sei mehr ein Lesedrama. Weil der Leser noch einmal nachlesen kann, während der Zuschauer mit der Vorstellung weitereilen muss, auch wenn ihm eine Passage nicht klar geworden ist.

Aber es gibt auch Stellen von großer Klarheit. ORLANDO versucht, um seine Gegner, seine Feinde, die WEHR zu bekämpfen, deren Standpunkt einzunehmen: „Dies ist also/ Das Ende des Theaters, wie wir es kennen/Bitte nicht streichen, ja diese Szene bitte nicht streichen, sehr wichtig/Wir zeigen hier den Tod des Theaters/…“

Für diesen Passus hat Thomas Melle eine besondere Schreibweise gewählt, rechtsbündig:

„Dies ist also

Das Ende des Theaters, wie wir es kennen

Bitte nicht streichen, ja diese Szene bitte nicht streichen, sehr wichtig

Wir zeigen hier den Tod des Theaters…“

Hervorhebung von mir – U.F.

Um den Gegensatz der streitenden Standpunkte im Notat kenntlich zu machen, werden von Anfang an die gegnerischen Dialogteile linksbündig geschrieben – und die vermittelnden natürlich mittig. – Nicht nur ein Hinweis an Schauspieler und Regisseure, sondern auch ein Argument dafür, das Stück zu lesen.

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FÜR den Dramatikerpreis spricht das Thema, der Ernst, die Form

und alle drei Argumente sprechen   auch gleichzeitig dagegen:

DAGEGEN spricht das Thema, weil das Theater sich mal wieder nur mit sich selbst beschäftigt (obwohl das nicht ganz stimmt, die Freiheit des Theaters steht für die Freiheit aller – aber das ist die Krux); gegen den Ernst spricht, dass es ja noch lange nicht so weit ist. Vom Tod des Theaters zu reden wirkt überdramatisch, man möchte raten: „Nu mach mal halblang!“ – obwohl das einem Theatermenschen schlecht geraten werden kann, es ist gegen seine Profession. Aber die Form ist eigentlich überschwer, überfordert den Zuschauer – wie so oft auch bei Heiner Müller.

Und da ist der kontradiktorische Widerspruch: Die Forderung der Rechten: „Theater für alle!“ ist berechtigt. Thomas Melle entzieht sich dem in seiner „Ode“, sie ist schlicht zu elitär.

Thomas Melle könnte den Dramatikerpreis bekommen, weil seine „Ode“ in aller Widersprüchlichkeit zeigt, dass diese Art Theater scheitert, scheitert an dem Anspruch, die Wahrheit zu sagen und doch nicht jene zu erreichen, die sie hören sollen. Die „Ode“ erinnert an Kassandra: Die Seherin sagte die Wahrheit und keiner glaubte ihr.

Das ist der Fluch Apolls

                                                                                              Ulrich Fischer

Thomas Melle: Ode – rowohlt Theater Verlag

Ein Link: https://www1.muelheim-ruhr.de/sites/www1.muelheim-ruhr.de/files/2020_stuecke_programmheft.pdf