Kein Ausweg. Nirgends.

 

 

Frank Castorf inszeniert Hans Henny Jahnns „Pastor Ephraim Magnus“ in Hamburg

 

HAMBURG. „Pastor Ephraim Magnus“ ist ein chaotisches Stück. Es ist Hans Henny Jahnns (1894 – 1959) allererstes, er hat es als junger Mann während des 1. Weltkriegs geschrieben. Es ist nicht nur eine Brandfackel gegen den Krieg, sondern auch eine Abrechnung mit der alten Welt und eine Suche nach einer neuen. Das Alte hat sich als untauglich erwiesen, es hat zum Weltenbrand geführt, eine Revolution muss her, Umsturz.

 

Frank Castorf geht die Regie des schwierigen und selten gespielten Dramas mit einer Doppelstrategie an. Zunächst unterstreicht er das Chaotische. Lange Dialoge bleiben stehen, in denen eine neue Weltanschauung formuliert wird, halb Nachfolge Christi, halb Blasphemie. Wichtig ist der Zusammenhang von Gewalt und Lust, Sadismus und Masochismus. Schwerpunkte bilden Kreuzigung, Köpfen und Kastrieren.

 

Lust und …

 

Das ist widerlich und abstoßend, aber weil Castorf den Feuerkopf hinter dem Drama sichtbar macht, muss man auch schmunzeln. Das geht schon am Anfang los. Josef Ostendorf spielt den alten Pastor Magnus, Vertreter der Vätergeneration. Ostendorf ist ein schwerer Männerspieler, sehr, sehr schwer. Seine Korpulenz deutet der alte Pastor aber nicht als zu viel Fett von gutem Essen, er meint, an Verstopfung zu leiden, greift hinter sich, steckt einen Finger ins Gesäß, in der Hoffnung, für Abfluss zu sorgen. Starkes Lachen im Deutschen Schauspielhaus. Dann zieht der Alte den Finger heraus, aber er ist nicht mit Kot beschmiert, sondern mit Blut. Noch mehr Gelächter. Dann leckt sich der Pastor die Finger ab …

 

Nach der Pause gibt es denn schreckliche Dialoge zwischen den Kindern des Pastors: Es geht um Mord und Selbstverstümmelung – Genaueres will ich Ihnen ersparen. Chaos pur, verworrene Verwirrungen.

 

… Qual

 

Wer genauer hinschaut, erkennt, dass Castorf darauf achtet, dass die Schauspieler vor Bildern stehen, die den Zeithorizont des Stücks überschreiten, auf die Naziära hinweisen, die Nachkriegszeit, dann wieder auf unsere Gegenwart. Einmal, als es um Spirituelles geht, summen die Schauspieler das Lied aus Polanskis „Rosemary‘s Baby“, ein andermal, als der Diskurs über Sexualität geht, die „Erlösung“ schaffen soll, läuft im Hintergrund in einem Schwarzweißfernseher ein harter Porno. Die Verweise sind eindeutig: In all dem Chaos kann man doch auch die Hellsichtigkeit Hans Henny Jahnns erkennen. Trotz der massiven Anfängerfehler des Stücks ist hier sichtlich auch ein kühner Kopf am Werk, dessen Werk es wohl zu spielen gilt. Jahnn sah viele Dinge voraus, die später eintrafen – allerdings anders als gedacht. Die Befreiung der Sexualität aus dem körper-und menschenfeindlichen Korsett des Christentums hat nicht jene „Erlösung“ gebracht, die Jahnn sich erhoffte, sondern eben auch zu der Pornoflut geführt, die Castorf andeutet. Überhaupt: Die Hoffnungen des jungen erotomanen Revolutionärs haben sich knapp hundert Jahre später nicht erfüllt. Revolutionen scheitern. Diese pessimistische, aber auch immer wieder heiter vorgetragene Bilanz Castorfs ist die Stärke seiner Inszenierung.

 

Frank Castorf macht das gut, seine Schauspieler sind teilweise überfordert, die Textgebirge bewältigen sie nur mit der Souffleuse (allzeit bereit: Evelyn Wietfeld), die stets auf der Bühne präsent ist und einhilft, sobald es nötig ist (wie bei René Pollesch). Christoph Luser spielt Ephraim, den Sohn, als überspannten, seherischen jungen Mann, Jeanne Balibar die Schwester, die den Bruder übers erlaubte Maß hinaus liebt, als etwas realitätsnähere junge Frau, die aber gegen den versponnenen Bruder nicht ankommt. Die expressionistischen Szenen, vor allem im zweiten Teil, fordern Kraft.

 

Anspruchsvoll

 

Auch für das Publikum ist es eine Anstrengung, fünf Stunden auszuhalten mit langen Dialogpassagen, die oft Ausflüge in die Gefilde der Lyrik machen, vor allem in hermetische Ecken. Aber, wenn man nicht versteht, nur ahnt, wovon die Rede ist, hat man Zeit, sich das wunderbar üppige Bühnenbild von Aleksandar Denič anschauen – es hat so viele Details, dass man gar nicht alle Einzelheiten wahrnehmen kann – es gibt eine Menge zwischen einer Riesenorgel und einem Kühlschrank für Coca Cola, lebenden Hühnern im Käfig (Leghorn, zwei muntere weiße Hennen), einem Meer von schweren Kirchenkerzen, Marienstatuen, Gartenzwergen und einer guten alten Streckbank für Folterszenen.

 

Eine gelungen Inszenierung von Regiemeister Frank Castorf, die sich anschauen sollte, wer seine Kenntnisse der deutschen Dramenliteratur des 20. Jahrhunderts vervollständigen möchte.

 

Ulrich Fischer

 

Aufführungen am 28. März; 2. und 30. April; 6. Mai – Spieldauer: 5 Std.

Kartentel.: 04024 87 13 – Internet: www.schauspielhaus.de