Caryl Churchills „Buckinghamshire in hellem Licht“ in London neu inszeniert
LONDON. Caryl Churchill ist (wie ihr weitläufig Verwandter Sir Winston) weltbekannt. Sie schreibt Hör- und Fernsehspiele, vor allem aber für das Theater. 1936 geboren, wandte sie sich nach einem Englischstudium in Oxford der Bühne zu – ihr überragendes Talent wurde rasch erkannt, viele ihrer Stücke im Royal Court in London uraufgeführt. Das Royal Court ist d a s Avantgardetheater im englischen Sprachraum. Ihr wohl erfolgreichstes Stück, „Top Girls“, wurde auch in Deutschland viel gespielt.
In den „Top-Girls“ wird das Profil Caryl Churchills anschaulich: sie überschreitet souverän Zeitgrenzen, ist politisch, kompromisslos progressiv, und sie ist eine engagierte Feministin.
Ein frühes Stück
„Light Shining In Buckinghamshire“ könnte man vielleicht übersetzen mit „Buckinghamshire in hellem Licht“. Der Zweiakter wurde 1976 in Edinburgh uraufgeführt und kam dann nach London ins Royal Court. Zwanzig Jahre später, also 1996, wurde die Chronik aus dem 17. Jahrhundert zum ersten Mal im National Theatre erarbeitet, die Premiere gestern im Lyttleton, dem Kammerspiel des National Theatres, ist bereits die zweite Inszenierung. Offenbar gibt es kaum ein besseres englischsprachiges Stück, das zu aktuellen politischen Problemen, die tief in der Geschichte der Insel wurzeln, als eben „Light Shining In Buckinghamshire“.
Churchill skizziert ihre Szenen mit sicherem Strich. Für eines der wichtigsten Bilder von „Light Shining in Buckinghamshire“ braucht die Dramatikerin lediglich zwei Figuren. Hochwürden sitzt an der Tafel, hinter ihm sein Diener. Er muss nur wenig sagen, „Ja, Herr. Nein Herr“. Der Herr erläutert die Lage. Man könne nichts machen. Er wisse, dass sein Diener einen Sohn habe, der im Sterben liege, und er wünsche ihm alles Gute, aber wenn er sterben werde, so sei es Gottes Wille, und man müsse das ergeben hinnehmen.
Wie alles andere auch. Z. B. dass der hochwürdige Herr tafelt, während sein Diener hungert. Das war schon immer so. Nur hört man inzwischen anderes in England in der Mitte des 17.Jahrhunderts, während der englischen Revolution. Gott liebe alle seine Kinder gleichermaßen, er bevorzuge niemand. Der Gleichheitsgedanke im Christentum ist das Feuer an der Lunte der revolutionär zugespitzten Lage. Churchill weist mit ihrem Geistlichen auf Tendenzen der Kirche, sich den Mächtigen anzupassen. Opportunisten, die christliche Prinzipien dem guten Leben opfern, Geistliche überhaupt sind dankbare Figuren für Dramatiker. Im zweiten Akt tritt der Vicar abermals auf. Seine Herren wechseln – der Aristokrat muss sein Land aufgeben, ein Parlamentarier beerbt ihn. Kein Problem für den Geistlichen, er ist schmiegsam und biegsam – die harte Haltung gegenüber den Armen braucht er nicht zu ändern; sie ist die gleiche wie die der alten Herren. Die Epoche der Restauration hat begonnen.
Hartherzigkeit hat eine lange Halbwertzeit
Eine verblüffend aktuelle Szene handelt von einer Landstreicherin. Sie ist in einer Stadt aufgegriffen worden, aus der sie nicht stammt, und steht nun vor Gericht. Die Stadtväter wollen kein Geld für sie als Arme aufwenden, deshalb wird sie verurteilt, weiterzuziehen. Dorthin woher sie kam. Die Argumente der Richter sind die gleichen wie die der Innenminister unserer Zeit gegenüber Flüchtlingen aus Afrika: „Wir können nicht aller Welt helfen!“ Die Szene prangert die Hartherzigkeit der Wohlhabenden an, den Mangel an Nächstenliebe derer, die nicht müde werden, sich Christen zu nennen.
Der revolutionäre Aufschwung währt nur kurz. Caryl Churchill beschreibt im zweiten Akt, wie die Reichen Einfluss gewinnen und die Sozialrevolutionäre, die Levellers, zurückdrängen. Kaum haben die Armen als Soldaten nützliche Dienste geleistet, den tyrannischen König wie den hochmütigen Adel im Kampf besiegt, sollen sie wieder in ihre elenden Hütten zurückkehren.
Regie und Dramatikerin ziehen an einem Strang
Lindsey Turner arbeitet ganz im Sinn von Caryl Churchill in ihrer Neuinszenierung wesentliche Tendenzen der englischen Revolution heraus. Beide, die Regisseurin wie die Dramatikerin, bedauern, dass das Licht über Buckinghamshire nur kurz schien und schon bald wieder erloschen ist. Sie verbergen ihre Neigung für die Erniedrigten und Beleidigten nicht, sind systemkritisch und agitieren für eine klassenlose Gesellschaft.
Eine Schulstunde über wenig beachtete Ereignisse im England des 17. Jahrhunderts? Viel mehr! Das Stück steckt nicht nur voller Wissen über die sozialrevolutionäre Bewegung, die Levellers, sondern auch voller Leidenschaft. Was wäre wenn? fragt Caryl Churchill. Was wäre, wenn nicht die Reichen, sondern die Levellers gesiegt hätten? Das riesige, über vierzigköpfige Ensemble sorgt dafür, dass Licht und Schatten gerecht verteilt werden. Trotz der Parteinahme für die Armen – oder vielleicht gerade deswegen, eine starke Ensembleleistung.
Bei der Uraufführung 1976 kam Max Stafford-Clark mit nur sechs Schauspielern aus – im National Theater waren mitunter über vierzig Akteure auf der Bühne – opulentes Theater. Aber von der Konzeption her ist „Light Shining in Buckinghamshire“ armes Theater. Für arme Leute. Die Fülle der Inszenierung in London war unnötig und lenkte mitunter von der zentralen Botschaft Caryl Churchills ab: Noch heute sind die Folgen der fehlgeschlagenen Revolution in England schmerzhaft spürbar.
Ulrich Fischer
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