Von Günther Hennecke
„Tête-à-tête“ mit Frankreich
Juliette Binoche und Michel Piccoli bei den Ruhrfestspielen im Mai
Recklinghausen – „Ein dramatisches Rendezvous mit Frankreich“ soll es werden, ein „Tête-à-tête“ der theatralischen Art. Durch die Terror-Anschläge und Morde in Paris bekamen die diesjährigen Ruhrfestspiele (1. Mai – 14. Juni), das älteste Theaterfestival Europas (seit 1946/47), zudem noch eine unerwartet aktuelle Gewichtung. Namhafte Produktionen, von Klassiker-Inszenierungen bis zu Uraufführungen junger Autoren, werden geadelt durch französische Schauspieler-Legenden wie Juliette Binoche und Michel Piccoli, Hervé Pierre und André Marcon. International und national gefeierte Künstler, unter ihnen Jane Birkin und Isabella Rosselini, Ute Lemper, Nina Hoss und Corinna Harfouch ergänzen die Phalanx der zu erwartenden Ereignisse und Künstler. Ihre Uraufführung erlebt die Performance „Francois & Claire“ des renommierten französischen Regisseurs Jean Michel Bruyère. Insgesamt werden an 17 Spielstätten in und um Recklinghausen 110 Projekte in 317 Aufführungen zu sehen sein. Moliere und Eugène Labiche, Gustave Flaubert und Émile Zola führen ins klassische Theater-Frankreich. Bernard-Marie Koltès und Yasmina Reza, Joel Pommerat und Olivier Py lenken den Blick auf die Moderne. Für einen weiten zeithistorischen Bogen sorgen zudem so renommierte Theater wie das „Théâtre de la Manufacture“ aus Nancy und das „Festival d`Avignon“. Uraufführungen aus den Federn von Albert Ostermaier, Christoph Nußbaumeder, Armin Petras und Dirk Laucke ergänzen das weit gefächerte Programm. Hinzu kommen Gastspiele internationaler Tanz-, Musik- und Artistik-Truppen aus ganz Europa. www.ruhrfestspiele.de
Schwarzer Hamlet aus Rio
- Shakespeare-Festival im rheinischen „Globe“ in Neuss:
Neuss – Deutschlands einziges „Shakespeare-Festival“ feiert. Seit einem Vierteljahrhundert bietet ein Zwölf-Eck auf der Neusser Galopprennbahn, ein verkleinerter Nachbau des legendären Londoner „Globe“, allabendlich ein Eintauchen in die Welt des Elisabethanischen Theaters. Hart sind die Bänke für die 500 Besucher, hochaufragend die zwei Ränge überm Parkett. Vom 28. Mai bis 27. Juni geben sich Truppen aus England und Spanien, Brasilien, Österreich und Deutschland die Klinke in die Hand. Sie präsentieren sechs Komödien, drei Tragödien, eine Historie und eine „Impro-Oper“ des großen Elisabethaners. Dabei immer dem Streben verpflichtet, dem Geist des Shakespeare-Theaters nahe zu kommen. „Aus der Favela in die Welt“ kündigt sich eine „Trans Hamlet Formation“ aus dem brasilianischen Rio an. „Els Pirates“, eine junge Truppe aus Barcelona, verspricht mit „Was ihr wollt“ ein „schwungvolles und perfekt musizierendes“ Bühnenspektakel. Erstmals in Deutschland zu sehen sind zudem drei Produktionen aus England. Die „Shakespeare at the Tobacco Factory“ aus Bristol holt „Romeo und Julia“ wieder ins Liebesleben zurück, „Shakespeare und Partner“ senden die frohe Botschaft „Wie es Euch gefällt“ nach Neuss, und die „Piper Productions“ aus London, Gewinner von zwei „Off West End“ und einem „Broadway World Award“ für die beste Regie, tauchen in die mörderische Welt von „Macbeth“ ein. Die „bremer shakespeare company“ ist mit „Shakespeares Könige. Mord Macht Tod“ ebenso dabei wie die „Theaterachse Salzburg“ mit Windsors „Lustigen Weibern“. Seine ganz eigene Sicht auf den „Sommernachtstraum“ bietet Dominique Horwitz gemeinsam mit der Berliner „Lautten Compagney“ in einer Revue.
www.shakespeare-festival.de
Beschwörung von Europas Werten
Theater aus Griechenland, Spanien und Italien zu Gast in Mülheim
Mülheim/Ruhr-Europa – das ist seit Jahren vor allem ein Tummelplatz für Finanzjongleure. Das Bewusstsein gemeinsamer Werte droht dabei mehr und mehr verloren zu gehen. Alte Feindschaften brechen auf, und was auf einem guten Weg schien, menschliche Nähe und Zusammenwachsen, werden von Misstrauen zerfressen. Wie gehen Künstler damit um, werden sie überhaupt noch wahrgenommen? Roberto Ciulli geht mit seinem Theater an der Ruhr, Deutschlands international offenster Bühne, einmal mehr seinen eigenen Weg. Er hat zu einem kleinen Festival (25. bis 30. April) nach Mülheim eingeladen. „Theaterlandschaft Südeuropa“ ist das Thema, „Aktuelles Theater aus Griechenland, Spanien und Italien“ will mit den Problemen dieser Länder in vier Inszenierungen vertraut machen. „Innovative Truppen“ aus Griechenland und Spanien verspricht Regie-Altmeister Ciulli, der grade mal, am 1. April, 81 wurde. Hinzu gesellen sich zwei renommierte Truppen aus Italien. So ist die mittlerweile weltweit als Regisseurin anerkannte Sizilianerin Emma Dante mit ihrem Stück „Die Schwestern Macaluso“ am Mülheimer Raffelberg zu Gast (29.4.). Marco Martinelli inszeniert ebenfalls ein eigens Stück, „Rumore di Acque“, das am 30.4. zu sehen sein wird. Mit seinem „Blindspot-Theater“ aus Athen präsentiert Michalis Konstantatos das Stück „X-Tokyo“ seines Landsmanns Stelios Lykouresis (25. und 28.4.). Aus Spanien kommt die „Compania Increíble“ an die Ruhr und erzählt „Die unglaubliche Geschichte des Mädchens, das letzte wurde“ von Carla Guimaraes (27.4.). Soziale Verwerfungen, die das Finanzchaos in Europa vielfach verursacht hat, sind dabei ebenso zentrale Themen wie die Flüchtlingstragödien auf dem Mittelmeer. Gespräche und Diskussionen umrahmen die Aufführungen.
Theater an der Ruhr, Mülheim; Auff. 25. – 30.April; www.theater-an-der-Ruhr.de