RECKLINGHAUSEN. Françoise Sagan (1935 – 2004) landete mit nur achtzehn Jahren einen Wahnsinnserfolg, mit dem ihr gleich der internationale Durchbruch gelang: „Bonjour tristesse“ (dt.: „Guten Tag, Traurigkeit“). Jetzt hat das St. Pauli Theater in Hamburg den schmalen Roman für die Bühne adaptiert und präsentierte im Rahmen der Ruhrfestspiele am Samstag in der Halle König 1/2, der Werkstattbühne der Ruhrfestspiele, die Uraufführung. Ulrich Waller, der künstlerische Leiter des St. Pauli Theaters, hätte wissen können, dass der Film das angemessenste Medium für den Stoff ist, und obwohl es nie gelang, auch nur ansatzweise das erotische Flair auf der Bühne zu beschwören, das den Roman durchweht, gibt es einen guten Grund für die Wiederentdeckung des Stoffs auf der Bühne – aber dazu später mehr.
Ränke, Ränke
Cécile ist siebzehn, etwa so alt wie ihre Schöpferin. Sie genießt in den Sommerferien an der Côte d’Azur die Freiheit, die ihr Vater, ein wohlhabender Mann, ihr lässt – die sexuellen Eskapaden, die der Roman andeutet, trugen wesentlich zum Skandalerfolg bei. Céciles Freiheit wird bedroht, als sich ihr Vater von einer halbseidenen Freundin, die er aushält, ab- und einer alten Flamme zuwendet. Anne ist seriös, sie greift nicht nur nach der Hand des Vaters, sondern auch nach der Herrschaft über Cécile. Die sinnt auf Abhilfe, und es gelingt ihr mit einer raffinierten Intrige, die Hochzeit der machtgierigen Beinahestiefmutter mit dem Vater zu hintertreiben – Anne verliert bei einem Autounfall das Leben, vermutlich hat sie sich umgebracht. Cécile meint, sie habe wegen ihrer Ränke ihre Unschuld und damit ihre jugendliche Unbeschwertheit verloren: „Bonjour, tristesse.“
Kein Fortschritt, nirgends
Françoise Sagan wurde gerühmt, weil sie die innere Befindlichkeit ihrer Zeit, vor allem der Jugend, treffend beschrieben habe. Dania Hohmanns wackere Uraufführungsinszenierung beweist – diese Analyse lässt sich auf heute übertragen. Das Ensemble verkörpert Figuren, die damals gelebt haben, aber ebenso gut unsere Zeitgenossen sein könnten. Am brillantesten spielt Uwe Bohm; er überflügelt mühelos selbst Josephin Busch, die als junge, intrigante Cécile glänzt. Bohm skizziert Céciles Vater Raymond als eitlen Gockel, der sich dagegen wehrt, älter zu werden und an viriler Anziehungskraft zu verlieren. Diese Schwäche nutzt die psychologisch geradezu unheimlich einfühlsame Cécile aus. Die junge Generation zeichnet sich durch Scharfsinn, Egoismus, Faulheit und Selbstmitleid aus – damals wie heute. Die Mütter- und Vätergeneration sollte sich hüten. Doch „Bonjour tristesse“ ist alles andere als ein Trauerspiel: die tragischen Elemente werden von den komischen aufgewogen.
Das St. Pauli Theater und die koproduzierenden Ruhrfestspiele erinnern zurecht und heiter an einen Roman und seine Verfilmung, die mehr Aktualität aufweisen, als uns lieb sein kann.
Ulrich Fischer
Kartentelefon: 02361 9218 – 0 – Internet: www.ruhrfestspiele.de
Aufführungen: 24. und 25. Mai – Die Aufführung ist eine Koproduktion mit dem St. Pauli Theater Hamburg und wird ab 11. Nov. übernommen. Spieldauer: 100 Min.
