Roberto Ciullis kongeniale Inszenierung von Koltès` „Rückkkehr in die Wüste“ bei den Ruhrfestspielen
Von Günther Hennecke
Recklinghausen – Knöcheltiefer Sand bedeckt die Bühne. Die Wüste lebt. Altertümliche Koffer, ein Stuhl, einige Schuhe und ein karges Bett sind wahllos verteilt. Vor einer niedrigen Backsteinmauer ein blattloser Baum, der die Gedanken zum klassischen Bühnenrequisit in Becketts “Godot“ lenkt (Bühne Gralf-Edzard Habben). Hier ist nichts auf Dauer, schon gar nicht für die Ewigkeit gebaut. Alles deutet auf eine Durchreise mit kurzem Zwischenstopp hin.
Doch es ist eine Heimkehr, die bürgerliches Leben ins Wanken bringt: Mathildes „Rückkehr in die Wüste“. Eine Rückkehr aus Algerien in ein moralisch angefaultes Frankreich. Wie weit es ihre Heimat gebracht hat, lässt der Ruf eines Muezzin erahnen, den Roberto Ciullis Inszenierung von Bernard-Marie Koltès´ 1948-1989) Stück bereits zu Beginn hören lässt. Houellebecqs fiktiver Roman „Unterwerfung“, der die Herrschaft eines muslimischen französischen Staatspräsidenten zum Schrecken an die marode Wand malt, hat seine Regie-Hand spürbar mitgesteuert.
Es sind die 60-er Jahre, denen Koltès ein Gesicht gibt. Ein Gesicht mit Narben und Schrunden, dem die Seelen-Profile entsprechen. Mathilde (Petra von der Beek) kommt aus Afrika zurück in die französische Provinz. Bruder Adrien (Steffen Reuber) hatte die Schwester und zweifache Mutter einst übel verleumdet, sie in die „Wüste“ geschickt und sich die elterliche Fabrik unter den Nagel gerissen.
Nun setzt sich Schwesterchen im Eltern-Haus der beiden fest – und eine doppelgesichtige Geschwister-Schlacht beginnt. Sie will Rache, ist aber zugleich ihrem Bruder in mehr als nur in schwesterlicher Hassliebe ergeben. Merkwürdig genug, denn der ist nichts als ein kleiner spießiger Gernegroß mit großer Klappe. Ein Provinzler, der sich selbst voller Pseudo-Selbstironie zum „Affen“ stilisiert – als Chauvinist und Nationalist, der seinen Sohn Mathieu zum Spiel-Pferdchen degradiert . Mathildes Nachwuchs, ebenso unbedeutend wie unselbständig, versteigt sich entweder in lachhafte Posen, wie Edouard, oder als eine versponnen- verträumte Fatima.
Was dekadent und dunkel erscheint, bricht Koltès gleichwohl immer wieder mit Komik auf. Ciullis Regie steht dem Autor in nichts nach. So zaubert er immer wieder Lachfalten in die Zuschauer-Gesichter. Das ist bei diesem Bilder-Zauberer nicht alltäglich, zeigt aber einmal mehr, dass Alter auch Weisheit gebären kann. Eine Ebene, auf der sich der mittlerweile 81-Jährige Roberto Ciulli mit immer wieder hinreißenden Farb-Tönen traumhaft sicher bewegt.
Theater an der Ruhr in Koproduktion mit dem Ruhrfestspielen; die Inszenierung ist in der kommenden Spielzeit 2015/2016 fester Bestandteil des Repertoires. www.ruhrfestspiele.de