Patrick Marbers „Roter Löwe“ in London uraufgeführt
LONDON. Patrick Marber hätte sich für die Uraufführung seines neuen Stück „The Red Lion“ („Der Rote Löwe“) keinen besseren Zeitpunkt aussuchen können. Denn die unglaubliche Geschichte, die die amerikanische Justizministerin gerade über den Großen Fußball und die FIFA enthüllt, erzählt Patrick Marber über den Kleinen.
„Der Rote Löwe“ ist ein Fußballklub in der finstersten Provinz Englands, bestenfalls halbprofessionell. Aber auf einmal öffnet sich die schäbige Tür und ein Junge kommt herein, der, um das mindeste zu sagen, hochbegabt ist. Sofort beginnt der Wettbewerb zwischen Kidd (geldgeil) und Yates (redlich) um das vielversprechende Talent. Yates ist das Faktotum des Vereins, er macht sauber und kümmert sich um alles – seine Erfahrung und seine Leidenschaft machen ihn für die Jungs vertrauenswürdig. Ganz anders Kidd, der nicht mehr ganz taufrische Manager. Er sucht nicht nur verzweifelt nach dem Durchbruch, er braucht ihn auch dringend, ihn quälen schreckliche Geldsorgen.
Bloß raus hier
Deshalb will er das Talent an einen größeren Verein verscherbeln – und Jordan, den jungen Fußballgott, übers Ohr hauen. Doch dazu kommt es nicht. Das Stück endet, trotz humoriger Passagen, mit einer Katastrophe, als Tragödie.
Anthony Ward hat für die Uraufführung am Mittwoch im Dorfman, der Studiobühne des Nationaltheaters in London, eine geradezu naturalistische Bühne entworfen – der runtergekommene Umziehraum des Clubs, das Reich Yates‘. Liebevoll sind die Uraltleitungen nachgezogen, die Tünche(!) blättert und hat alle Farbe verloren – dies ist die Hässlichkeit des Mangels. Ein kluger Entwurf, denn er begründet, warum alle rauswollen aus dieser Misere. Fußball – das ist auch eine Klassenfrage. Wer es schafft, lässt dieses Elend hinter sich. Genau diesem Gedanken fühlt sich auch Ian Rickson, der (berühmte, Royal Court) Regisseur, verpflichtet. Er lässt seine drei Männer das Englisch der arbeitenden Klasse sprechen –wer Schulenglisch gelernt hat, sollte besser den Text vorher lesen. Denn wir haben das Englisch der besseren Kreise gelernt – und das ist von dem, das die meisten Engländer sprechen (von Briten gar nicht zu reden), doch sehr verschieden. Ästhetisch ist diese Grundentscheidung vergleichbar etwa mit Gerhart Hauptmann, der seine Weber Schlesisch sprechen ließ – und damit ganze Dimensionen theatralischer Freiheiten für die Bühnen erschloss, auch wenn der Kaiser das nicht gut hieß.
Ein Jüngling, schön wie ein griechischer Gott
Peter Wight spielt Yates als einen Fußballfreund der leidenschaftlichen Art, er mag auch die Jungs, ohne sie zu bedrängen, und wenn er ein Talent trifft, dann erfüllt sich für ihn ein Traum, das ist sein Lebenssinn. Wight gewinnt als weißbärtiger schwerer Männerspieler die Sympathie des Publikums, und natürlich auch Calvin Demba als Jordan – Demba sieht aus wie ein junger Gott, ein Athlet ohne Fehl und Tadel, er spielt auch schwere Kontroversen überzeugend. Am heftigsten streitet er sich mit Kidd, den Daniel Mays als Windhund spielt – das dürften Charaktere sein, die man auch bei der FIFA findet. Nur: Die haben’s geschafft, Kidd scheitert. Daniel Mays zeigt, wie die Gier seinem Kidd immer weder dazwischen kommt. Er ist zu dumm – zum Vergnügen des Publikums: Dumm ist komisch. Es wurde viel gelacht bei dieser makellosen Uraufführungsinszenierung im Dorfman.
Patrick Marber (bei uns vor allem mit „Closer“ bekannt) hatte eine schwere Schaffens- und Lebenskrise. Mit seinem neuen Stück hat er sie hoffentlich/offenbar überwunden. „Der Rote Löwe“ erinnert von fern an Kleists „Zerbrochenen Krug“ – ein Lust- und Trauerspiel zugleich. Übersetzen! Nachspielen!
Ulrich Fischer
Boxoffice: 0044 20 7452 3000 – Internet: nationaltheatre.org.com