Isabelle Huppert

 

Ganz allein – beim Festival d’Avignon im Ehrenhof des Papstpalastes

 

AVIGNON. Isabelle Huppert ist auf Tournee mit einem Leseabend. Texte vom Marquis de Sade unter dem Titel: „Juliette et Justine, Le Vice et la vertu“ – „Laster und Tugend“ – trug sie zum ersten Mal in Frankreich im Rahmen des Festival d’Avignon im Ehrenhof des Papstpalastes vor. Der ist riesig – Platz für 2000 Zuschauer. Zweitausend! Gegen alle Erwartung – die Vorstellung war ausverkauft.

 

 

Madame wirkt im Kontrast zu den riesigen hohen steinern Mauern zierlich, verletzlich – und so wird die Lektüre, die sich gegen Gott richtet, unerschrocken. Eine wunderbare Umgebung, die die Kühnheit der Gedanken vom Marquis des Sade ins rechte Licht rückt, ja, die Kühnheit des Menschen, des Revolutionärs, der es wagt, das Allerheiligste, Jahrhunderte unantastbar, eine „chimère“, eine Chimäre zu nennen.

 

Der Wind

 

Madame trug ein bis zum Boden reichendes blutrotes Kleid, das im Wind flatterte. Der Mistral wehte heftig, spielte sich als Sturm der Geschichte auf, und wühlte rücksichtlos in ihrem halblangen Haar. Immer wieder musste sie sich eine Strähne aus dem Gesicht wischen, um ihr Manuskript lesen zu können, das ihr nächtliche Böen, wie es schien, aus der Hand zu reißen versuchten. Sturmumtoste Höhe.

 

Den Text hatte Raphaël Enthoven collagiert – Juliette und Justine, zwei Schwestern, die eine dem Laster zugewandt, die andere der Tugend. In der Lesung fügte Isabelle Huppert beide zusammen zur Reflexion einer Frau, die sich fragt, wie sie leben soll.

 

Isabelle Huppert machte unmissverständlich, ganz im Sinne de Sades, klar, dass das lasterhafte Leben das erfüllendere sei. Als einmal von einem Mann die Rede ist, dessen Glied alle Vorstellungen und Maße sprengt – eine Männerphantasie über eine Frauenphantasie – kicherten Damen im Publikum vernehmbar gekitzelt, ein klein wenig er- und angeregt. Am schärfsten klangen die Angriffe auf Gott – der nichts mehr sei als eine von Menschen geschaffene Vorstellung, andere, Dümmere, Ängstlichere, zu unterjochen.

 

Die Lesung war meisterhaft – Isabelle Huppert las überwiegend stehend, manchmal auf ihren goldenen, an Kothurne erinnernde Schuhen auf der riesigen Bühne hin und her gehend. Am Ende setzte sie sich in einen Sessel und wollte ein schwarzes Jackett überziehen – aber der Wind riss es ihr fast aus den Händen – sie musste von ihrem Vorhaben ablassen – das Publikum lachte einverständig über die Unvorhergesehenheit – die Huppert hatte ihre Zuschauer fest in der Hand.

 

Freiheit und Glück

 

Den Gegensatz der beiden Frauen und Geisteshaltungen deutet sie mit wenigen Gesten und der Haltung des Kopfes, mit der Modulation der Stimme an. Isabelle Huppert setzt ganz auf die Intelligenz und Einbildungskraft ihres Publikums – zu recht. Das folgte, achtzig Minuten lang – und dankte dem Star mit nicht enden wollendem Beifall. Ein großer französischer Abend mit einer großen französischen Aktrice, die einen großen französischen Text liest, verstörend revolutionär noch heute, ganz dem Glück und der Freiheit gewidmet. Und gerade in dieser Umgebung. Die Päpste dürften sich in ihren Gräbern umgedreht haben.

Ulrich Fischer

 

Internet: www.festival-avignon.com