Verrückt

Unterhaltsame Studie über die Spaltung der US-Gesellschaft

Stephen King überfordert anfangs in seinem neuen Roman „Kein Zurück“ seine Leser: zu viele Figuren, zu viele Namen. Aber die Unübersichtlichkeit lichtet der US-amerikanische Bestsellerautor bald, rasch bildet er zwei Handlungsstränge heraus. Holly, eine Figur die schon in früheren Romanen auftrat, arbeitet diesmal als Bodyguard für eine Bestsellerautorin und Sister Betty beginnt an ihrem Lebensabend eine zweite Karriere: sie ist eine Sängerin mit außergewöhnlicher Stimme und einem Leibesumfang, der sie immer wieder behindert. Sie ist ein Ziel eines Massenmörders, der den zweiten Handlungsstrang dominiert.

Hollys Auftraggeberin engagiert sich in der Frauenbewegung und propagiert: Mein Körper gehört mir! Auf ihrer Lesereise für ihr neuestes Manifest genießt sie nicht nur die enthusiastische Unterstützung vieler Fans, sie provoziert auch leidenschaftlichsten Widerspruch. Das mag angehen, aber der Vorwurf „Babymörderin!“ geht zu weit. Und das reicht noch nicht: sie soll sterben. Eine Kirche hetzt nicht nur gegen die erfolgreiche Schriftstellerin, die setzt auch eine fanatische Gläubige auf deren Spur – das Porträt dieser Eifererin ist ein Höhepunkt des Romans. King zeichnet sie als  bewusstseinsgespalten, nicht nur Frau, auch Mann. Chris/Chrissy ist   bereit, ihr/sein eigenes Leben in die Schanze zu schlagen, um die Feindin, möglichst massenwirksam, zu ermorden, erschießen, hinzurichten, schlachten, metzeln …

Ein zweiter Kranker möchte gerne zwölf Mitbürger umbringen – sein Motiv ist wirr. Er will Unschuldige erschießen, deren Tod darauf hinweisen soll, dass zwölf Geschworene   einen Unschuldigen verurteilt haben. Nun will der Mörder aber nicht die pflichtvergessenen Geschworenen, umbringen, sondern völlig Unbeteiligte. Dieser sadistische, blutgierige und  hinterhältige Gestörte unterhält sich oft mit seinem Vater, der schon längst tot ist, vor allem über die Mutter, die weg sein soll – wo, ist leicht zu erraten. Der Vater ist ein Schwerverbrecher, mit der Skrupellosigkeit seines Sohnes nicht zufrieden. Da ist noch Platz nach oben.

Stephen King schreibt unterhaltsam wie eh und je – und gesellschaftskritisch. Die Spaltung der Bürger in den USA heute, die Erbitterung, mit der sie aufeinander losgehen, der Hass und die Abwesenheit von Toleranz bilden den Hintergrund der Geschichte –   einen sehr plausiblen Hintergrund. Man kann es kaum glauben, aber tatsächlich gelingt es Kings Sarkasmus (auf Deutsch dank der fluiden Übersetzung von  Bernhard Kleinschmidt bestens verständlich), diesem bedrückenden Thema Humor abzugewinnen. Die Dummheit, seit tausenden von Jahren die treue Gefährtin der Komödienautoren,  gibt immer wieder Grund zum Schmunzeln – eine wunderbare Sommerlektüre in einem von Dummheit & Trump bestimmten Jahr.

                                                                                              Ulrich Fischer

Stephen King: Kein Zurück. Roman. Heyne. München 2025. 640 S., 28,00 €.