Realistissimistischer Roman

Es reicht!

Nathan Thrall wurde 2024 für seinen faktengesättigten und -unterfütterten Roman „A Day In The Life Of Abed Salama“ mit dem  renommiertesten Buchpreis der englischsprachigen Welt, dem Pulitzer Prize, ausgezeichnet – zu Recht. Es geht um das Unrecht in unseren Tagen.

Ein kleiner palästinensischer Junge kommt bei einem Busunfall ums Leben.

Das Wetter ist schuld, es regnet cats and dogs, man hätte gar nicht losfahren dürfen.

Der Busunternehmer ist schuld, sein Klappergefährt ist zwölf Jahre alt und dürfte längst schon nicht mehr auf die Straße.

Der Bus knallt in einen schweren Lastwagen, der sich quergestellt hatte. Der LKW- Fahrer war schuld, er hat Gas gegeben und die automatische Bremse betätigt – gleichzeitig. Der Busunternehmer war schuld, er hätte diesen inkompetenten Fahrer gar nicht beschäftigen dürfen.

Israel ist schuld, es hätte die Fahrt nicht über derartige Umwege leiten dürfen, eine Schikane gegen Palästinenser – die Kinder hatten schulfrei und solltenwollten zu einem Spielplatz – der ohne Umweg nur Minuten entfernt war.

Die Schulleitung war schuld, sie hätte angesichts dieses Busses und dieses Wetters die Fahrt abblasen müssen.

Die Mutter war schuld, sie hatte gegen die Entscheidung des Vaters dem drängelnden Sohn doch erlaubt zu fahren.

Und es gibt noch einige andere Verantwortungen – warum kam   Hilfe erst so spät? Warum blieben israelischen Rettungsfahrzeuge aus, obwohl sie so nah waren? Warum mussten palästinensische Sanitäter zeitraubende Umwege fahren?

Warum meinen israelische Jugendliche, Palästinenser wären keine Menschen und hätten keine Rechte?

217 Seiten umfasst der Report von Thrall, der bewundernswert genau recherchiert und minutiös aufschreibt was geschah, welche lang zurückreichenden Gründe  nicht unbeachtet bleiben sollten, welche Verrücktheiten der Konflikt in Palästina gebiert, um, wenige Zeilen vor dem wuchtigen, anklagenden Schluss, zu der wohlüberlegten und -begründeten, herz- und hirnzerreißenden Quintessenz zu gelangen:

For all the blame that was cast, no one – not the investigators, not the lawyers, not the judges, – named the true origins of the calamity. No one mentioned the chronic lack of classrooms in East Jerusalem, a shortage that led parents to send their children to poorly supervised West Bank schools. No one pointed to the separation wall and the permit system that forced a kindergarten class to take a long dangerous detour to the edge of Ramallah rather than driving to the playgrounds of Pisgat Ze’ev, a stone’s throw away.“ (S. 216)

Aber, lesen Sie selbst!

Ulrich Fischer

Nathan Thrall: A Day in the Life of Abed Salama

Penguin 2024 –  10,99 Pfund, 254 S.