Ursula Krechels neues Buch: „Vom Herzasthma des Exils“
Ursula Krechel hab ich kennengelernt, als ich ihren Roman „Landgericht“ gelesen habe – vor Jahren. Ich hab mich im Studium mit Exilliteratur beschäftigt, deshalb interessierte mich das Buch: es handelt von einem Juristen, der vor den Nazis floh, in Kuba ein Exil fand und nach dem Krieg nach Deutschland zurückkehrte.
Er kam in einem „Landgericht“ unter und wurde schwer geschnitten. Alle Kollegen hatten wohl die Befürchtung, er verurteile sie, weil sie in der Nazizeit geblieben waren, einige waren auch Nazis geworden, gewesen – und sie wollten ums Verrecken nicht erinnert werden.
Ein komplexes Gefüge – und das Thema Exil ist wohl Ursula Krechels Lebensthema – der Titel ihres neuen Buchs weist darauf hin: „Vom Herzasthma des Exils“ greift eine Wendung Thomas Manns auf, selbst ein Exilant.
Der relativ kurze Text – keine 200 Seiten – weist keinen Gattungshinweis auf, er ist kein Roman, aber auch kein wissenschaftliches (trockenes) Werk. Ursula Krechel weist auf viele Exilanten hin, skizziert ihr Leben, den Grund ihrer Flucht, kommt aber auch nicht zu einem Mosaik – es sind nicht nur nebeneinander gestellte Schicksale – es ist wirklich die Beschreibung der Krankheit, des Herzasthmas – sehr schmerzhaft und lebensgefährlich. Herzasthma ist auch eine gesellschaftliche Krankheit, Herzensenge, Geistesträgheit. Deutsche Gegenwart.
Es ist ein Buch, in dem immer mal wieder nachschlagen kann, wer ein Einzelschicksal nachlesen möchte, aber vor allem ist es eine Reflexion über das Verhältnis der Bleibenden und der Gehenden – und eine Reflexion gegenwärtiger Herzlosigkeit. Die Gedanken um die Schicksale derer, die bei uns um Schutz flehen – und wie wir sie im Stich lassen. Vor allem der Rückgriffauf die Behördensprache überzeugt, dass wir da, wo wir helfen müssten, versagen.
Das Buch macht einem das Herz schwer, ohne zu entmutigen, eher im Gegenteil: es ermutigt, zu helfen, wo man kann, ermutigt zur Einfühlung.
Und nicht zu vergessen. Zum Schluss stellt Ursula Krechel noch einmal Namen einiger Exilanten hintereinander. Ihre letzte Erinnerung gilt einem kleinen Jungen, dessen Foto um die Welt ging:
„Alan Kurdi, der zweijährige Junge aus einer kurdisch-syrischen Familie, dessen Leichnam 2015 an der türkischen Mittelmeerküste angeschwemmt wurde.“
Ulrich Fischer
Ursula Krechel: „Vom Herzasthma des Exils“. Klett-Cotta, Stuttgart 2015, 167 S., 18,00 €
