Shakespeares „Hamlet“, von Frank Castorf vergegenwärtigt
Alexandar Denić hat ein sprechendes Bühnenbild für Frank Castorfs neue „Hamlet“-Inszenierung im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg entworfen: ein riesiges Tor auf der riesigen Bühne, das entfernt an ein KZ erinnert, „Hamlet“ steht über dem Eingang, etwas kleiner „TM“, „Trade Mark“, eingetragenes Warenzeichen. Ein dezenter Hinweis auf den Kapitalismus. Als deutsche Übersetzung hat Castorf die von Heiner Müller gewählt – Heiner Müller spielt überhaupt eine große Rolle – der in der späten DDR tonangebende Dramatiker hebt die Grausamkeit des Textes wie der Handlung und der Figuren hervor.
Die betonen auch die neun Schauspieler, die oft schrien, brüllten – so laut, dass die Worte, die Sätze gar nicht mehr zu verstehen waren – Vernunft spielt keine Rolle, „welch edler Geist ward hier zerstört“. Heiner Müller bekommt neben der Übersetzung viel Raum – einige Texte von ihm werden zwischengeschaltet – die Handlung wird immer wieder unterbrochen – auch andere schwer verständliche Texte zur Geschichte kommen zu Gehör – prominent Antonin Artauds „Theater und die Pest“, luzid vorgetragen von Angelika Richter. Im Einzelnen unverständlich, insgesamt ein kohlrabenschwarzer Pessimismus: die Gegenwartsbezüge beweisen, dass niemand aus Shakespeares Tragödie gelernt hat, Theater ist nutzlos, es geht alles so weiter; konkret kam der Eindruck auf, dass wir jetzt, in unseren Tagen, wieder in einer Vorkriegszeit leben.
(Ge)wichtige Stationen in diesem absurden epischen Theater waren Stalin und ein KZ-Blues – aber auch die unmittelbare Gegenwart: ein boshaft-bösartiger, giftiger Kommentar zum Regisseur, zu Frank Castorf, seinen Weibergeschichten, seiner Verlogenheit und seinen autoritären Anwandlungen – alle Narrative über seine Zivilcourage seien erfunden, Propaganda, er sei geld- und anerkennungsgeil, nix weiter. Das Publikum reagierte mit anerkennendem Gelächter: in Shakespeares „Hamlet“ gibt es einen Handlungsstrang mit Theater, die Schauspieler können die Mörder überführen – dieser Optimismus ist verloren gegangen, das Theater nutzlos geworden.

Das Stück hat kein wirkliches Ende – es könn(t)en immer noch weitere Episoden angefügt werden. Nach über sechs Stunden bricht die Vorstellung ab.
Es war zu viel. Mehr Ökonomie wäre wünschenswert gewesen. Aber das Publikum war zufrieden, keine Buhrufe, einhelliger, lauter und langer Beifall, den ein zufriedener Castorf mit seinem Ensemble entgegennahm. Ein zeitgenössischer Hamlet.
Der Rest ist Schweigen.
Ulrich Fischer