Zusammenhänge

John Irvings neuer Roman „Königin Esther“

Finis Origine Pendet“ – Das Ende hängt vom Anfang ab – so lautet das Motto der Academy, auf der Jimmy sein Studium absolviert. Jimmy, der eigentlich James heißt, ist der Protagonist – und das Motto, das  John Irving häufig in seinen neuen Roman „Königin Esther“ einflicht, zielt auf mehrere Bedeutungsebenen: zwei der wichtigsten: „Königin Esther“ ist ein intertextueller Roman, am Ende fügt Irving eine „Bibliographie“ ein, in der Verweise von Dickens (ein Schwerpunkt) bis zum Tagebuch der Anne Frank reichen; zweitens fallen Irving-Aficionados Bezüge zum Leben Irvings selbst auf, bis gegen Ende des Buches der Autor fast schon ausdrücklich auf biographische Daten und Romane hinweist – freilich vermischt mit Fiktivem, wie so oft bei Irving, wie wohl immer in Romanen. Kunst und Leben – Irvings Bemerkungen verdichten sich insgesamt zu Elementen seiner Poetik. Alles hängt mit Allem zusammen, ganz gewiss auch das Ende mit dem Anfang: Finis Origine Pendet.

Das Sonderbare, Sonderliche ja Absonderliche, Kauzige ist eins von Irvings Markenzeichen. Jimmy z. B. hat zwei Mütter – eine Mutter, die ihn zur Welt bringt, die andere, die ihn erzieht. Die leibliche Mutter ist Esther, sie verschwindet, nachdem sie Jimmy zur Welt gebracht hat, aus dem Gesichtskreis der anderen Figuren und der LeserInnen nach Israel. (Bezüge zum Alten Testament sind schwer zu übersehen.) Esther ist überzeugt, Jüdin zu sein und stellt sich mutmaßlich dem Geheimdienst zur Verfügung – dem entsprechend lässt sie alle im Ungewissen, wo   genau sie sich wann aufhält, was sie tut – nichts soll auf ihre Spur führen. Offenbar verliert sie bei einem Einsatz einen Arm, was sie mit bewundernswertem Gleichmut (Berufsrisiko)  hinnimmt – wenn die Anekdoten, die wir über sie erfahren, stimmen sollten.

Jimmys andere Mutter steht Männern kritisch gegenüber und will weder die Zeugung dulden (kein Penis rein) noch die Geburt (kein Baby raus) erleiden – wohl aber ein Kind haben. Sie erzieht Jimmy in ihrer großen Familie, in der Frauen dominieren, hingebungsvoll, und damit Jimmy auch ausreichend Bezüge zu Irving bekommt, wird er Schriftsteller – ein erfolgreicher Schriftsteller, wie Irving.

Er ist, wie seine Familie, linksliberal, tolerant und hat Schwierigkeiten mit dem Sex – bis er seine Tochter gezeugt hat, muss er viele Hürden überwinden, Hürden, die Irving mit ausschweifendem Gebrauch des Wortes Penis begleitet – Penis klein, Penis Groß und manchmal auch steif. Die Schilderung des Geschlechtlichen ist bei Irving nie peinlich, nie pornographisch, oft witzig. Es geht nicht zuletzt darum, immer noch bestehende Tabus zu brechen, der Lust und der Heiterkeit Raum zu geben. Peter Torberg und Eva Regul erweisen sich mit ihrer deutschen Übersetzung allen Herausforderungen gelassen gewachsen, man meint ihr Schmunzeln zu hören.

Der autobiographische Aspekt dieses Romans, seine poetologischen Aufschlüsse sind am interessantesten; aber in unserer Epoche, die von einem GROSZEN AMERIKANISCHEN PRÄSIDENTEN geprägt wird, drängt sich die Frage auf, ob ein großer amerikanische Autor nicht ein anderes, bedeutsameres Thema hätte wählen sollen, um ratlosen Lesern, die Amerika und Irving lieben, Wege zum Verständnis zu weisen. Schließlich Finis Origine Pendet.

Irving: Königin Esther. Roman.  Aus dem amerikanischen Englisch von Peter Torberg und Eva Regul. Diogenes, Zürich  2025. 551 S., 32 €