Durchschnitt & Langeweile

Tschechows „Möwe“ im Deutschen Schauspielhaus Hamburg

Anton Tschechow ist einer der bedeutendsten Dramatiker Russlands. Mehr, er leuchtet hell am Firmament der Weltliteratur. Seine Stücke sind meist elegisch, obwohl er selbst sie als „Komödie“ eingeordnet hat – auch die „Möwe“, an deren Ende  ein Selbstmord steht.

Yana Ross hat in ihrer Neuinszenierung der „Möwe“ zunächst die Komik betont. Sie zeigt die Figuren, die auf  einem herrschaftlichen Gut Sommerferien verbringen, als Gelangweilte, vor allem aber als Verliebte – aber wenn A B liebt, liebt B C – kein Töpfchen bekommt das passende Deckelchen – dementsprechend herrscht Liebesleid vor. Das ist wohl mitunter für Zuschauer komisch, aber doch auch tragisch. Die Schauspieler zeigen kaum   Momente zum Lachen – aber das liegt vor allem an der Regisseurin, die nicht inspiriert wirkt, geschweige denn inspirierend. Sie wird nie Tschechow gerecht – eine der entscheidenden Qualitäten des Dramatikers liegt in seiner präzisen Konturierung der Figuren, Yana Ross bringt es bestenfalls zu verwaschenen Umrissen.

Bettina Stucky und Samuel Weiss – Foto: Lucy Jansch

Die ersten drei Akte schleichen mühsam dahin. Bettina Stucky  hat die reizvollste Rolle – sie spielt Irina Arkadina, eine mittelmäßige Schauspielerin. Eine sehr gute Darstellerin (im wirklichen Leben: die Stucky) kann ihre Kunst hervorragend zeigen, wenn sie eine Schauspielerin darstellt, die nur durchschnittlich spielen kann- sie hat viel Raum für Komik, wenn sie die üblichen Schauspielerinnenfehler an den Pranger stellt.  Sie kann, besser könnte, müsste die Differenz zwischen Brillanz und Mediokrität sichtbar machen, das (die) ist komisch. Bettina Stucky kommt aber hier nicht zum Zuge. Selbst die beste Szene, wenn  die Arkadina um ihren Geliebten kämpft, der die alternde Freundin ganz gern für eine jüngere aufgeben würde, wirkt fad. Tschechow ist (am Ende des Dritten Aktes) ein Meisterwerk an szenischem Witz gelungen, wenn die Arkadina ihrem Geliebten leidenschaftliche Liebe vorgaukelt, spielt, dass sie aus Liebe um ihn kämpft, dabei aber weder den Geliebten noch das Publikum  überzeugen kann, weil sie nur spielt, und eben durchschnittlich agiert. Die komplexe, hochartistische Szene, auf die sich jeder Tschechow-Freund freut, verschenk Yana Ross, die Regisseurin.

Schade, Yana Ross wirkt überfordert, Regieeinfälle wie Lieder und Schlager die performt werden, Tanzeinlagen, wirken matt, drohend erhebt schon nach der ersten Spielstunde die Langeweile ihr graues Haupt. Yana Ross schreibt im Programmheft, sie habe Tschechows „Möwe“ „bearbeitet“ – sie hätte sich besser bemühen sollen, dem Meister näher zu kommen.

Nach den drei schwachen ersten Akten mit hilfloser Möchtegernheiterkeit folgt die Pause und schließlich der vierte und letzte Akt. Im Boden der Bühne gähnt jetzt ein riesiges rundes Loch. Alle tanzen umher und rufen Bingo, obwohl ein ernstes Thema angesprochen wird, der Tod. Der Abgrund ist ein unübersehbares Zeichen, Konstantin, der Sohn der Arkadina, ist todunglücklich. Er möchte gern ein großer, zukunftsweisender Dichter sein, bemerkt aber, dass seine Kräfte nicht reichen.  Er verzweifelt und stürzt sich in den Abgrund.

Die anderen bemerken es nicht einmal, sie tanzen weiter.

Vorhang.

Trotz des ernsten Endes, trotz des glücklichen szenischen Gedankens für das tragische Ende – Yana Ross‘ Inszenierung ist bestenfalls mittelmäßig. Schade, bei so einem Meisterwerk.

                                                                                              Ulrich Fischer

Weitere Aufführungen: 25. 1.; 7., 19. und 24. 2. – Spieldauer:  2 Std und 45 Min.

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