„Vermächtnis“ im umfassenden Sinn

John Grishams neuer Roman „Vermächtnis“ – ein Juwel

John Grisham, einer der erfolgreichsten Bestsellerautoren der USA, engagiert sich mit seinen Romanen immer wieder gegen Unrecht und Schlamperei; er kritisiert kenntnisreich die Justiz seines Landes, während er die Gesetze und deren Geist hoch hält. Als Meister der Spannung krönt er seinen neuen Roman, „Das Vermächtnis“,  auf einer der letzten Seiten mit einer brillianten Attacke:  „In den letzten dreißig Jahren sind mindestens einundvierzig Personen in Virginia verurteilt worden, nur um geraume Zeit später für unschuldig erklärt zu werden. Im ganzen Land wurden die Urteile von über dreitausend Unschuldigen aufgehoben, und bei so gut wie allen waren diese Urteile die einstimmige Entscheidung einer Jury.“ (S.425)

„Das Vermächtnis“ fängt vor etwa zehn Jahren in einer verschlafenen Kleinstadt in Virginia ganz harmlos an –  im Mittelpunkt eine Anwaltspraxis, die ihren Chef, Simon, mehr schlecht als recht ernährt. Die Handlung setzt ein, als der elend-eintönige Alltag durch eine alte Dame, die ein Testament machen möchte, gründlich aufgestört wird: das Volumen des Erbes verspricht ein Wahnsinnshonorar, das Ende aller Geldsorgen Simons. Er kümmert sich um seine Klientin, sie hat keine Verwandten und braucht nicht nur einen Rechtsberater, sondern auch menschlich jemand, der für sie da ist. Simon macht sich nichts vor, sein Motiv ist nicht mitmenschlich, sondern schlicht Habgier. Es ist gar nicht so einfach, zu überlegen,  was frau nach ihrem Tod mit dem vielen Geld tun soll(te). Den Stiefsöhnen darf es auf keinen Fall in die Klauen fallen, die alte Dame ist zu enttäuscht von ihnen. Beratung ist nötig, 500 Dollar die Stunde.

[Geld spielt eine zentrale Rolle im Roman, immer wieder ganz konkrete Summen – das erinnert an Meister des Realismus, z. B. Balzac (Père Goriot nur ein Beispiel). Noch ausdifferenzierter als dort weist Grisham darauf hin, wo genau das Einkommen jemanden gesellschaftlich verortet – nicht nur die „alte Dame“ (s. Dürrenmatt), sondern auch die Rechtsanwälte – der arme Kerl in der finstersten Provinz, der sich mit 250 Dollar für ein Testament zufrieden geben muss,   auch der beste Anwalt in der kleinen Stadt, der schon mal 1000 Dollar für die Stunde liquidieren kann, aber als armer Schlucker betrachtet werden muss angesichts der Honorare, die in New York (Metropole) kassiert werden. Punktgenaue Schilderungen der diversen Büros, ihrer Lage und Einrichtung,  illustrieren die Abgründe, die nur Marxisten als Klassenunterschiede bezeichnen würden. In diesem Fall weist die genaue Bezeichnung des Honorars nicht nur auf Lebensumstände (bei Simon prekär, ganz schön prekär) hin, sondern auch auf die Gesellschaft (kapitalistisch) und entsprechend die Justiz, der  allerdings eine egalitäre Gesetzgebung gegenübersteht („All men are created equal“). Für Grisham, der sich in eine lange und ruhmvolle Reihe von realistischen Schriftstellern einreiht, erscheint die Einordnung als amerikanischer Realist der Gegenwart zwingend – ebenso zwingend, dass der Bestsellerautor höchste literarische  Qualitäten für sich beanspruchen kann, ein Literat, der sich nicht im elitären Elfenbeinturm verkriecht, sondern Leser in großer Menge sucht und anzieht. Dass er dabei gute Honorare kassieren kann – nur ein weiterer Vorteil.]

Was steckt hinter dem Vermögen der alten Dame?, fragt sich der geübte Leser, der Grisham nicht über eine Seite traut, und ist dann aber rasch begeistert übertölpelt, als er in die zweite spannende Geschichte eintaucht – nachdem die alte Dame auf höchst verdächtige Weise erkrankt und stirbt; aber dass Simon des Mordes verdächtigt wird – wer hätte das gedacht. Ein Coup de roman!

Simon gerät in eine zermürbende Krise. Er braucht viel Kraft, seinen Prozess durchzustehen, Kraft und Freunde – neue Freunde, die alten lassen ihn im Stich.

Grisham verzahnt die soziologisch höchst aufschlussreichen Geschichten  überzeugend, baut die Gestalten plastisch; die Übersetzung von  Imke Walsh-Araya und Bea Reiter mutet   mühelos an, die juristischen Fachbegriffe perlen kristallklar. Simons Kinder treiben Sport –   hier ins Deutsche zu übertragen ist unmöglich, weil so viele Spiele bei uns unbekannt sind. Da macht es dann nichts aus, amerikanische Begriffe zu belassen – der Leser und die Leserin dürfen sich aufs Funktionale zurückziehen und wie der stolze Vater beobachten, wie tüchtig die Kinder sich schlagen.

Grishams Figuren machen die Amerikaner so menschlich, liebenswürdig, klug, stark und optimistisch, wie sie tatsächlich ja auch sind, und lassen reale Politiker, die heute so viel Sympathie kosten, für Stunden vergessen.

Der Titel „Das Vermächtnis“ meint nur in einer oberflächlichen Dimension das Testament der alten Dame, es weist darüber hinaus auch und vor allem auf das Erbe der Amerikaner, das US-Recht, das sie freilich erst erwerben müssen, um es zu besitzen. Grisham bemüht sich erfolgreich, jeder, der seinen Roman liest, bemüht sich auf höchst unterhaltsame und spannende Weise mit ihm zusammen. Grisham beschwört ein Vermächtnis, das alle veredelt, die Leserinnen und Leser wie den Autor.

                                                                                Ulrich Fischer

John Grisham: Das Vermächtnis.  Aus dem Amerikanischen von Imke Walsh-Araya und Bea Reiter. Heyne. 425 S. – 24,00 €.