Langweilig

Armin Petras‘ „Hundeherz“ in Hamburg uraufgeführt

„Hundeherz“ greift auf eine alte, oft und in verschiedenen Variationen erzählte Geschichte zurück: ein Gelehrter will Gott spielen und unterfängt sich, einen künstlichen Menschen zu schaffen. Bei uns wird die Fabel als Schauergeschichte erzählt: Dr. Frankenstein. Er schafft ein Monster, das sich seiner Fesseln entrafft und eine Blutspur hinter sich lässt.

Im Deutschen Schauspielhaus wird die Geschichte in einer ganz anderen Fassung von Armin Petras gespielt, der sich auf eine Satire von Michail Bulgakow bezieht. Professor Truman-Lomonossow, Chirurg und Eugeniker, operiert einen Hund und verwandelt ihn in einen Menschen. Das Experiment misslingt. In Episoden zeigt sich, was alles schief geht: das Essen (Nahrungsaufnahme)  wirkt widerwärtig, eher hündisch als menschlich, am schlimmsten aber ist die Heirat.

Bettina Stucky, Sandra Gerling, Maximilian David Scheidt – Foto: Thomas Aurin

Die Inszenierung von Claudia Bauer reiht brav Episode an Episode, müht sich redlich um Heiterkeit, gelangt aber mit den komischen Effekten nur selten über die Rampe. Das Publikum lacht (zu) selten. Tiefsinn fehlt,  kein spannender Handlungsablauf. Am unglücklichsten wirkt sich eine zentrale Regieentscheidung aus: Claudia Bauer entscheidet sich für Pop, im Bühnenbild, im Kostüm, in Musikelementen. Andreas Auerbach betont das Flache seiner Wolkenkratzer, sie dienen hauptsächlich als Projektionsflächen – das entscheidende Formelement ist das Zweidimensionale – und das wirkt als Verflachung – Verflachung auch des Themas, dabei geht es ja  um eine Grundfrage des Theaters: Was ist der Mensch? Ohne Not entscheidet sich Claudia Bauer für die Beraubung des Themas um eine ganze Dimension. So bleibt oft unklar, worum das „Hundeherz“ geht, auch weil ein Chor singt und damit immer wieder den Dialog übertönt. Oscar Olivo müht sich, den Hund und seine Vermenschlichung darzustellen, er heult und bellt, hat Mühe, auf seinen Hinterpfoten zu gehen – aber unterhaltend wirkt das nicht. Eher bemüht. Das Publikum scheint nicht erheitert, eher befremdet. Beim Schlussbeifall aber klatschte es freundlich.

Bei Bulgakow ist Unterhaltsamkeit  auch nicht die Hauptsache – er greift die Absicht des Sozialismus an, einen neuen Menschen zu schaffen. Die Wandlung vom Hund zum Menschen schafft bei Bulgakow kein neues, veredeltes Wesen, sondern im Gegenteil ein Untier – also jene, die mit Gewalt ihre Mitmenschen umwandeln wollen. Ein satirischer Angriff – auf wen soll(te) er heute zielen?

Die Frage bleibt in Hamburg unbeantwortet. Dabei könnte man in unseren Tagen wohl so einige Tendenzen zum Angriff auf die Menschlichkeit finden – bei uns und anderswo. Dass Fehlen dieser Konkretion verbunden mit dem Ausweichen in Pop sind die  größten Mangel dieser Inszenierung, ihr fehlt der Mittelpunkt.

Bulgakow war besser. Die Hamburger Aufführung ist, trotz brillanter Schauspieler und obwohl sie nur zwei Stunden dauert, ohne diesen satirischen Mittelpunkt, schlicht langweilig.

                                                                                              Ulrich Fischer