Christine Wunnickes Roman „Wachs“
Zwei ganz unterschiedliche Frauen rückt Christine Wunnicke in den Mittelpunkt ihres neuen Romans „Wachs“ – sie leben im Paris am Ende des 18. Jahrhunderts, kurz vor und dann in der Großen Revolution in Paris. Sie werden Freundinnen, ein Liebespaar. Beide haben unterschiedliche, aber ungewöhnlich stark ausgebildete künstlerische Talente: Marie modelliert, bildet Organe nach, Madeleine zeichnet Blumen.
Beide sind Genies, finden FörderInnen, aber nicht die Anerkennung, die ihrem Genie eigentlich zukäme. Sie sind halt nur Frauen, wären sie Männer gewesen , sie hätten mehr Aufmerksamkeit gewonnen. „Wachs“ ist ein feministisches Buch.
Das wird auch bei der Zeichnung der Männer deutlich – sie sind seltsam, ja bizarr. Einer macht sich zum Diener der älteren Freundin, warum wird nicht ganz klar. Ein anderer, ein berühmter Dichter (der wirklich gelebt und mit sentimentalem Schmalz großen Erfolg gehabt hat), ist ungewöhnlich masochistisch.
Vieles bleibt offen – ein Interesse der Autorin scheint darin zu bestehen, Leerstellen zu schaffe, Leerstellen für Vermutungen der Leser. Und Raum für Skepsis. Eines der zehn Kapitel hat die Überschrift „Der Geist der Revolution“ – es ist schwer, ihn zu ergründen, wenn man „Wachs“ liest. Wer Fortschritt in der Französischen Revolution sucht, trifft bei Christiane Wunnicke auf Skepsis. „Fortschritt“ – dieser Begriff liegt ganz außerhalb des Romans. Antje Haack hat das Covermotiv entworfen: grüne Blätter, eine weißblaue Blüte (Passionsblume) und eine Miniaturguillotine – die Motive stehen unverbunden nebeneinander: eine Collage. Als Umschlag gut gewählt, eine Collage ist auch der Roman – wobei „Roman“ als Gattung nicht recht zutrifft – eher dessen Dekonstruktion, auch hier steht, wie in der Collage auf dem Umschlag, viel unverbunden nebeneinander. Beunruhigend, dass der Leser, der eben erfahren hat, dass die ältere Freundin zu ihren Müttern versammelt wurde, wenige Absätze später liest, dass sie als Greisin weiterlebt (und dann ein zweites Mal stirbt). ?!
„Wachs“ – der Titel nimmt Bezug auf das Material, das die Jüngere nutzt, um innere Körperteile nachzubilden, Knochen z.B., die der Königin so gefallen, dass sie sie kauft. Damit dürfte ein solider Grund für Wohlstand gegeben sein, allerdings versiegt nach der Verhaftung Marie Antoinettes diese Geldquelle – es geht den Freundinnen später materiell wohl recht schlecht.
Am Ende steht die Frage: Hab ich das Buch verstanden? Ist es zu verstehen? Gibt es einen Kern? Sollte ich es noch einmal lesen? Handelt es sich um ein künstliches Fragment? – Wer in der Realität Rat sucht, erfährt:
Christine Wunnicke wurde in diesem Jahr mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Die Deutsche Akademie begründet ihre Wahl, das „Erzählwerk“ Wunnickes sei „stets überraschend und souverän konzipiert“. Das ist gewiss wahr.
Es gibt reizvolle Passagen. Und die Französische Revolution ist bis heute nicht vollendet.
Ulrich Fischer
Christine Wunnicke: Wachs. Roman. Diogenes, 223 S., 15,00 €.
