Grandiose Tanz-Uraufführung bei der Ruhrtriennale in Essens Weltkulturerbe Zeche Zollverein
Von Günther Hennecke
Essen – Er kam, hoch gerühmt als Chef der Münchner Kammerspiele, voller Innovationsdrang an die Ruhr, um, verteilt auf 18 Spielstätten in ehemaligen Zechen und Industriehallen zwischen Bochum und Essen, Dinslaken und Oberhausen, Duisburg und Gladbeck, der diesjährigen Ruhrtriennale ganz eigene Impulse zu verleihen. Ende September (26.9.) werden wir wissen, ob Johan Simons der angestrebte Höhenflug gelungen ist. Dann werden 150 Veranstaltungen mit 40 Produktionen hinter ihm liegen. 17 Uraufführungen sind dabei, 33 Eigen- und Koproduktionen, bei denen 1300 Künstler aus 20 Ländern ihre Akzente gesetzt haben werden. Tanz und Schauspiel, Oper und Konzerte durchmischen die sechs Festival-Wochen, während der selbst Zola und Rilke, Mozart und Proust ihre Duftmarken hinterlassen.
Am letzten Wochenende (14.8.) ging`s los. In der ehemaligen Zeche Lohberg in Dinslaken ließ Simons selbst, gemeinsam mit Philippe Herreweghe und dem Collegium Vocale Gent, Pier Paolo Pasolinis „Accattone“ („Bettler“), verflochten mit Bach-Kantaten, zu zweifelhaften Theater-Ehren kommen. Erste Kritiker- Stimmen sind jedenfalls mehr als zurückhaltend.
Richard Siegals „Model“-Tanz-Uraufführung
Eine Uraufführung ganz anderer Art lieferte der Tanzabend „Model“ des US-Choreographen Richard Siegals. Mit zehn zeitgenössisch und klassisch ausgebildeten Tänzerinnen und Tänzern triumphierte er am Tag nach Simons` Start im Salzlager der Zeche Zollverein Essen, einem bereits vor vielen Jahren in den „Welterbe“-Himmel gehobenen Industrie-Tempel.
Siegals adelte ihn ein weiteres Mal. Mit einer Tanz-Performance, die sich nicht nur wegen ihrer Akustik-Hämmer tief ins Sinnengemüt des Publikums eingraviert haben dürfte. Auch die Bewegungs-Rhythmik der vier Tänzerinnen und sechs Tänzer, ein Wunder an Musikalität und Präzision, ist ein Highlight moderner Tanz-Performance. Ob auf Spitze oder mit grauweißen Söckchen an den tänzerisch begnadeten Füßen, die glorreichen Zehn des US-Choreographen beherrschten Gefühl und Körper.
Ein greller Hammer-Schlag durchzuckt das Dunkel der einst industrieträchtigen Halle. Ein Lichtblitz, mal hier, mal da auf den dunklen Boden einschlagend, holt Figuren ins Licht, die sich dem harten Sound der Musik Lorenzo Bianchi Hoeschs fügen. Die Arme strecken sich gen Himmel, Körper und Beine sind steingewordene Menschen ebenso wie zuckende Lebensadern. Noch sind wir beim 20-Minuten-Rhythmik-Wunder des „Metric Dozen“, einem Vorspiel zu „Model“. Unter gleißend hellen Lampen-Blitzen entstehen Bilder, in denen die Kakophonie von Hammer-Schlägen und Licht-Blitzen zu einer sinnbetörenden Einheit verschmilzt.
Dann kommt, nach der Pause, „Model“. Was anfangs wesentlich bedächtiger, viel zurückgenommener erscheint, entwickelt sich in 40 Minuten freilich zu einem Marktplatz ungewöhnlicher Bewegungs- und Choreographie-Glanzlichter. Ein Stakkato aus Stahllärm und gleißenden Lichtbahnen entwickelt sich. Von einem Paradies ist die Rede, Dantes „Inferno“ stand Pate für Siegals Choreographie. So kommt, was kommen musste: Versuche, den jeweils anderen zu beherrschen und ihm seine eigenen Bewegungsabläufe aufzuzwingen. Soli stehen dafür, Duette vor allem lassen Zuneigung und Kampf Bild werden, choreographisch einander grandios zugeordnete Gruppen changieren zwischen Chaos und Ordnung. Siegals „Model“-Uraufführung ist zweifellos ein erster Höhepunkt der diesjährigen Ruhrtriennale. Großer und lang anhaltender Jubel.
Aufführungen noch am 21. und 22. August; 1 ½ Std., eine Pause; www.ruhrtriennale.de