Thomas Mann als schwuler Spießer

 

Uraufführung der Dramatisierung von Peschinskis Roman „Königsallee“ in Düsseldorf

Von Günther Hennecke

Düsseldorf – Düsseldorf glänzte. Vor dem Haus Künstler in Aktion, im Haus Theaterfans, die sich in Schale geworfen hatten. Chic war nicht nur bei den Damen Trumpf, ganz dem Klischee der einst kurfürstlichen Stadt am Rhein verbandelt. Kein Wunder, erlebte doch ihre Prachtstraße, die „Königsallee“, kurz und prägnant „Kö“ genannt, die Ehre, einem Theaterstück den Namen zu leihen. Nach zwei Stunden durften sich Regisseur Wolfgang Engels und das Ensemble der Uraufführung im Beifall sonnen. Ihr Thema: Thomas Manns lebenslang unter allen bürgerlichen Decken gehaltene Homophilie.

Was der Abend zeigt, könnte so gewesen sein. Doch war es auch so? Thomas Mann, 79, trifft, mit seinem „Felix Krull“ 1954 in Düsseldorf auf Lesereise, im Nobelhotel „Breidenbacher Hof“, auf seinen „Geliebten von einst“. Es ist Klaus Heuser, seinerzeit 44. Dem Düsseldorfer war der Nobelpreisträger offenbar einst verfallen, nennt er den 17-Jährigen im Tagebuch vom 29.8 1954 doch „meine letzte Leidenschaft“. Eine Leidenschaft, die ihn bei einem Sylt-Urlaub gepackt hatte. Real oder nicht. Der Stoff war wohl reif für die Bühne. Ilja Richter hat den Roman „Königsallee“ von Hans Pleschinski aus dem Jahr 2013 als „Düsseldorfer Fassung“ dramatisiert. Eine Fiktion möglicher Realitäten.

Olaf Altmanns Bühne ist ein modernes Labyrinth. Hoch aufragende massive Blöcke, von der Drehbühne in immer neue Perspektiven verschoben, verändern permanent Auf- und Einsichten. Ein Conférencier (mitreißend voluminös Martin Reik) beginnt, von Mischpult-Musik begleitet und durch Lautsprecher verstärkt, das hohe Lied auf Düsseldorf, durchwirkt freilich von einem Schuss böser Ironie.

Derweil knutscht ein weiß gekleidetes Männerpaar in einem der Gänge. Wir ahnen: Das muss Heuser sein, der sich, oft in Ostasien unterwegs, einen jungen Indonesier unter den Nagel gerissen hat. Prompt folgt – die Drehbühne tut ihr Bestes – der Gegenentwurf dieser Lockerheit: Thomas Mann (grandios in seiner spießigen Würde) und Frau Katia (Tanja von Oertzen) , sie mehr als einen Kopf kleiner als der mürrische Heroe, hocken auf Stühlen wie Salzsäulen, ergänzt um die erst später frech auftrumpfende Tochter Erika (Claudia Hübbecker). Greller können verschiedene Welten nicht ins Bild gesetzt werden. Umso unglaubwürdiger scheint es, dass dieser Mann namens Mann ein Verhältnis mit dem unentwegt seinen Spielknaben küssenden Heuser hatte.

Hatte er aber – an diesem Abend wurde die Fiktion Realität. Denn irgendwann treffen beide aufeinander. Dabei traut sich der steife Hanseat, im feinen Streifenanzug an einen Mafioso erinnernd, nicht einmal, seinem Ex-Geliebten in die Augen zu sehen. „So ist es, wenn man sich überlebt“, ist seine schwache Ausrede. Und wenn sie sich schließlich doch noch, in einem langen statischen Showdown, Aug` in Auge gegenüberstehen, bringt Mann sein Gefühlsleben auf den Punkt: “Dass ich dich liebte – was geht`s dich an“. Damit ist das groteske Liebes-Spiel vergangener Tage zu Ende. Selbstverliebte Arroganz hat Gefühle abgetötet.

Aufführungen am 4., 11., 15., 23., 30. September; Karten unter 0211 – 36 99 11; 2 Std. ohne Pause; www.duesseldorfer-schauspielhaus.de