Erst gefeiert, dann gefeuert – Science Fiction mit Ibsen an der Limmat

Stefan Pucher landet mit Dietmar Daths Bearbeitung von Ibsens Der Volksfeind“ im Land der Fiktion

Von Günther Hennecke

Zürich – Vom erklärten Volksfreund zum ausgestoßenen „Volksfeind“ ist es ein kurzer Weg. Im Zürcher Schauspielhaus, dem „Pfauen“, landete Stefan Pucher mit seiner Inszenierung von Henrik Ibsens „Ein Volksfeind“, von Dietmar Dath mit Videos, Internet und Bloggern ausgestattet, inmitten unserer fiktionalen Gegenwart, in der das Wort Verantwortung zur unverbindlich-beliebigen Floskel abgestürzt ist. Der Kurarzt Dr. Tomas Stockmann verheddert sich mit seinen rigiden Moralvorstellungen im Kleinstadt -Filz von Korruption und bürgerlicher Feigheit. Mit eigenwilliger Handschrift und ungewöhnlichen Gags und Aktionen begann nun die Spielzeit in Zürich.
Wenn Ibsens „Volksfeind“ im „Pfauen“ endgültig aus dem Ruder zu laufen scheint, ist Stefan Puchers Inszenierung in Wirklichkeit in ihrem Kern angelangt. Theater gerät zur öffentlichen Bühne. Barbara Ehnes‘ Spielfläche, zuvor mit Video-Kameras, Smartphones und Projektionen voll gespickt, ist nun fast leer. Im realen Foyer hat sich derweil Ungewöhnliches etabliert: Teile des realen Publikums, zur Wahl eines Versammlungsleiters im Casus Dr. Stockmann von einem der Akteure nach draußen gebeten, beweisen, zur Debatten-und Demokratie-Kultur  und zu Stockmanns Thesen befragt, Daths und Puchers These: Demokratie führt letztlich zur Feigheit und schafft sich selber ab. Keiner der Befragten traute sich nämlich, seine Meinung zu äußern. Test gelungen, Feigheit öffentlich gemacht. Stockmann setzt als letzte Waffe dagegen: „Der stärkste Mann der Welt ist der, der alleine steht“.Da steht er nun und kann nicht anders.
Dr. Stockmann, eine moderne Version des Kleist’schen Michael Kohlhaas, wird in der „Schweizer Fassung“ dieser Ibsen-Adaption aber auch leicht vom Flair der Arroganz umgeben. Selbstbewusst, kämpfend bis zur Selbstaufgabe, droht Sturheit seine Position als ehemaliger Heiliger der Wahrheit zu unterminieren. Immerhin hat er herausgefunden, dass das Fracking der das wirtschaftliche Schicksal des kleinen Kaffs beherrschenden Firma zur Vergiftung des Kurwassers und des Bodens geführt hat.
Das hinauszuposaunen, würde zur wirtschaftlichen und finanziellen Katastrophe führen. Glauben alle. Auch die, die es besser wissen müssten. Doch der Kurarzt ist erledigt, aus dem Heiligen erwächst der Teufel. Der großartig agierende Markus Scheumann ist dieser Verstiegene, der für die einmal erkannte Wahrheit durch Wände geht. Für bedingungslose Übernahme von Verantwortung.
Ob das noch Ibsen ist, sei dahingestellt. Doch Dath gelingt es, mit Puchers Pusher-Regie, den bürgerlichen Revolutionär des Norwegers zu einem revolutionären Bürger in der Welt des Internets, der Blogger und fiktionaler Realität zu verwandeln. Ibsens Stück aus dem Jahre 1883 ist im Heute gelandet. Geblieben ist dabei freilich lediglich der Kern: Aus den Fäulnisstoffen, die den Arzt in Ibsens Original auf die Barrikaden treiben, zum Held werden lassen, um wenig später wie eine heiße Kartoffel fallengelassen zu werden, ist ein Kämpfer gegen durch Fracking verseuchtes Wasser geworden.
Aus dem Helden wird auch in Zürich rasch der „Feind“ des „Volkes“, weil wirtschaftlich alles den Bach runterging, wenn die gifterzeugende Firma „die Kurstadt mit der fortschrittlichsten Kommunalverwaltung aller Zeiten“ verließe. Demokratie wird zur Feigheit der Vielen, denen finanzielle Verluste über moralische Werte gehen.
Ein Abend, der sich, nach anfänglich recht verquält wirkenden Ansätzen, zunehmend steigert. Bis zur grandiosen Philippika eines Mannes, der alles opfert, um alles, was ihm Wert ist, zu gewinnen. Ein Triumph von Individualität und tragischer Größe. Kein enthusiastischer, aber langanhaltender Applaus.
Auff.: 13., 18., 23., 24., 26. September; Karten: (0041) – (0)44 258 77 77; 2 Std. Ohne Pause; www.schauspielhaus.ch