{"id":1401,"date":"2019-05-26T08:27:15","date_gmt":"2019-05-26T06:27:15","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=1401"},"modified":"2019-06-02T20:24:50","modified_gmt":"2019-06-02T18:24:50","slug":"%ef%bb%bfdie-masse-ist-ein-trauriges-kapitel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=1401","title":{"rendered":"\ufeffDie Masse ist ein trauriges Kapitel"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Rafael Sanchez&#8216; bildkr\u00e4ftige Inszenierung von D\u00f6blins Roman &#8222;Pardon wird nicht gegeben&#8220; in K\u00f6ln<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Von <strong>G\u00fcnther Hennecke<\/strong><br><br>K\u00f6ln &#8211; Sein Roman \u201eBerlin Alexanderplatz\u201c, 1929 erschienen, hat ihn ber\u00fchmt gemacht. Den 1878 in Stettin geborenen deutschen Juden Alfred D\u00f6blin, der 1933 \u00fcber Z\u00fcrich nach Paris floh. Wenig sp\u00e4ter erschien sein Roman \u201ePardon wird nicht gegeben\u201c. Es wurde ein Misserfolg, der bis heute anh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gro\u00dfe Bildkraft in riesigem Raum<\/strong><br>Nun machte sich der \u00f6sterreichische Autor Eberhard Petschinka, der nur mit seinem Nachnamen im Programm-Heft auftaucht, daran, mit einer B\u00fchnenfassung den sehr autobiografischen Roman D\u00f6blins ins Bewusstsein zu heben. Am K\u00f6lner Schauspiel brachte Rafael Sanchez sie als Erstauff\u00fchrung heraus. Sie wurde, gute 3 Stunden lang, zu einem gro\u00dfen Publikumserfolg. Zurecht, sch\u00f6pft die Regie, bestens unterst\u00fctzt durch Videos und Live-Kameras, die die W\u00e4nde des riesigen offenen Spielraums (B\u00fchne Thomas Drei\u00dfigacker) zum passenden Rahmen des Schau-Spiels machen, doch aus dem Vollen. Bildkraft fast cinematographischen Ausma\u00dfes begleitet das Leben und Scheitern einer Familie in den 30-er Jahren des letzten Jahrhunderts.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zwang zur Erhaltung der Familie<\/strong><br>Arm sind sie, bettelarm. Mama (Lola Klamroth) und ihre drei Kinder: Karl (Simon Kirsch), der kleine Erich (Justus Maier) und die noch kleinere Marie. Papa hat alles versoffen \u2013 und ist auf und davon. Hart und unerbittlich scheint die Mama &#8211; und will sich wenig sp\u00e4ter das Leben leben. Die Kinder retten sie, lieben ihre H\u00e4rte, ihren geradezu verkrampften Zwang, die Familie zusammenzuhalten. Es wird ihr nicht gelingen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der \u00e4lteste Sohn bricht aus<\/strong><br>Karl ist der erste, der ausbricht. Der 16-J\u00e4hrige, arbeitslos und aggressiv, \u201ewill weg\u201c. \u201eIch muss gehen\u201c dr\u00e4ngt er die Mutter \u2013 und herzt und k\u00fcsst sie dabei. Raus will er aus dem Schlamassel, in dem so viele in der Gro\u00dfstadt Anfang der Drei\u00dfigerjahre stecken. Da f\u00e4llt er Paul in die revolution\u00e4ren Arme. Auch kein Weg, die Misere zu beenden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aus bitterer Armut an die Spitze<\/strong><br>Erst Onkel Karl (Martin Reinke), Chef einer M\u00f6belfabrik, stellt ihn auf sichere F\u00fc\u00dfe. Karl &nbsp;schafft es vom Lehrling bis zum Chef \u2013 und wird zu einem jener Gro\u00dfkopfeten, die Paul und er einst als Feinde bek\u00e4mpften. Zudem heiratet er Julie (Ines Marie Westernstr\u00f6er), die wenig sp\u00e4ter aus der Ehe, die sie \u201emuseales Gef\u00e4ngnis\u201c nennt, ausbricht. Karl verliert sich in Kneipen und Bordellen. Ehe er, des Kampfes m\u00fcde, zu seinen Wurzeln zur\u00fcckgekehrt. V\u00f6llig kaputt ist freilich, was das St\u00fcck vor allem thematisiert, die \u201eFestung Familie\u201c. Doch auch die \u201eMasse ist ein trauriges Kapitel\u201c: Nichts bietet wirklich die von allen ersehnte Sicherheit. Zumal die Ehekrise und der heraufziehende wirtschaftliche Niedergang parallel verlaufen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gro\u00dfe Video-Bilder begleiten gro\u00dfe Gef\u00fchle<\/strong><br>Sanchez\u2018 Inszenierung, die nie Arm gegen Reich, Kapitalismus gegen Sozialismus ausspielt, ist von gro\u00dfer Bild- wie Sprachkraft. Die Gr\u00f6\u00dfe des Raums, selbst die fast permanent laufenden Filmstreifen aus den drei\u00dfiger Jahren und per Video-Kameras riesig vergr\u00f6\u00dferten Gesichter, dr\u00e4ngen die traurig\u2013tragische Familien- und Wirtschaftsgeschichte nicht in den Hintergrund. Im Gegenteil: Je mehr \u00d6ffentlichkeit auf den Leinw\u00e4nden erscheint, desto zupackender und emotional &nbsp;ansprechender sind die Familienszenen und Momente einsamer Verzweiflung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mitrei\u00dfend zarte Szenen voller Bitterkeit<\/strong><br>Dabei gibt es hinrei\u00dfend zarte Szenen. Ob zwischen den Kindern und der Mutter, ob zwischen Karl und seiner die Ehe fliehenden Julie. Gef\u00fchle abseits jeder Gef\u00fchlsduselei. Getragen sind sie von dem mitrei\u00dfend agierenden Septett, an deren Spitze Simon Kirsch als Karl und Martin Reinke als Erz\u00e4hler und Karls reicher Onkel. Es sind immer wieder Szenen gro\u00dfer Menschlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p><br><em>Auff\u00fchrungen: 7., 12., 14., 18., 21., 22., 27., 30. Juni; <a rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.schauspielkoeln.de\">www.schauspielkoeln.de<\/a><\/em><br>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<br><strong>&#8222;Pardon wird nicht gegeben&#8220;<\/strong><br>Nach Alfred D\u00f6blin<br>B\u00fchnenfassung von Petschinka<\/p>\n\n\n\n<p>Schauspiel K\u00f6ln<br>Premiere der Erstauff\u00fchrung: 24.5.2019<\/p>\n\n\n\n<p>Regie: Rafael Sanchez<br>B\u00fchne: Thomas Drei\u00dfigacker<br>Kost\u00fcme:&nbsp; Maria Roers<br>Video: Stefan Bischoff<br>Live-Kamera: Nazgol Emami und Nora Daniels<br>Musik Knut Jensen<br>Licht: J\u00fcrgen Kapitein<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rafael Sanchez&#8216; bildkr\u00e4ftige Inszenierung von D\u00f6blins Roman &#8222;Pardon wird nicht gegeben&#8220; in K\u00f6ln Von G\u00fcnther Hennecke K\u00f6ln &#8211; Sein Roman \u201eBerlin Alexanderplatz\u201c, 1929 erschienen, hat ihn ber\u00fchmt gemacht. Den 1878 in Stettin geborenen deutschen Juden Alfred D\u00f6blin, der 1933 \u00fcber Z\u00fcrich nach Paris floh. Wenig sp\u00e4ter erschien sein Roman \u201ePardon wird nicht gegeben\u201c. Es wurde &#8230; <a title=\"\ufeffDie Masse ist ein trauriges Kapitel\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=1401\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber \ufeffDie Masse ist ein trauriges Kapitel\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1401","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-theater"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1401","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1401"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1401\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1443,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1401\/revisions\/1443"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1401"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1401"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1401"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}