{"id":1514,"date":"2019-06-12T10:41:06","date_gmt":"2019-06-12T08:41:06","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=1514"},"modified":"2019-06-30T11:29:10","modified_gmt":"2019-06-30T09:29:10","slug":"pfingsten-in-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=1514","title":{"rendered":"Pfingsten in Berlin"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Pergamon-Panorama<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Pergamon-Museum tr\u00e4gt\nseinen Namen wegen eines Frieses, der einst einen Tempel in Pergamon, einer\nStadt im antiken Griechenland (heute Bergama in der T\u00fcrkei) &nbsp;im 2. Jahrhundert vor der Zeitenwende, zierte.\nDer Fries ist nur in Teilen erhalten, in kunst- und kenntnisreicher Kleinarbeit\nsind \u00dcberbleibsel zusammengef\u00fcgt \u2013&nbsp;&nbsp; sein\nAnblick ist f\u00fcr Laien entt\u00e4uschend. Nur, weil der Betrachter im 21. Jahrhundert\nahnt, dass das Kunstwerk Jahrhunderte \u00fcberdauert hat und f\u00fcr Kundige Kunde aus\nversunkener Zeit \u00fcberliefert, ist er geh\u00f6rig beeindruckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch entt\u00e4uschter ist der\nBesucher des Pergamon-Museums heute. Meine Frau und ich fanden an Pfingsten nur\nindirekte Spuren. Das Museum wird noch immer umgebaut und der Altarschmuck,\ngenauer: die von ihm \u00fcbrig gebliebenen Reste, ruhen sicher in einer Holzkiste,\nbis das Museum (in ein paar Jahren) soweit wiederhergestellt ist, dass der\nAltar, nein, der Fries, (gefahrlos) wieder ausgestellt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber es gibt einen Ausgleich.\n300 m vom Museum entfernt ist provisorisch ein Industriebau errichtet, um einem\n360\u00b0- Panorama ein\nObdach zu bieten. In der DDR gab es ein solches Rundbild vom Bauernkrieg, viel\ngeliebt und h\u00e4ufig besucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Panorama von&nbsp; Pergamon ist \u00fcberw\u00e4ltigend, gigantisch.\nZun\u00e4chst kann der Zuschauer im Kreis gehen, um &nbsp;&nbsp;Pergamon von allen Seiten aus zu betrachten.\nMittel- und Ausgangspunkt ist nat\u00fcrlich der Altar. Yadegar Asisi, der Sch\u00f6pfer\ndes Panoramas, hat zun\u00e4chst, ausgehend von den erhaltenen \u00dcberbleibseln,\nversucht, den Fries des Altars mit einer detailreichen Zeichnung in unsere Zeit\nzu retten \u2013 und dieser Fries schm\u00fcckt auch, nicht mehr schwarz-wei\u00df wie die\nZeichnung, sonder bunt bemalt, den Altar. Auf dem Vorhof des Tempels werden\nTiere geschlachtet, deren Innereien als Opfer den G\u00f6ttern dargebracht werden.\nDas Vorfeld des Tempels ist blutverschmiert, Stiere und Schafe hauchen unter\nden Messern der Schlachter ihr Leben aus \u2013 ein barbarisches Bild. Die Gl\u00e4ubigen\ntragen Innereien die Templetreppen empor, oben werden ihre Gaben von Helfern in\nEmpfang genommen und von Priestern ins Feuer geworfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Pergamonaltar ist\nbeileibe nicht der einzige&nbsp; in der Stadt.\nBei der ersten Inspektion schon fallen weitere, aber kleinere auf, \u00fcberall\nlodern Feuer zu Ehren der G\u00f6tter. Ein weiteres Zentrum der am Berg gelegenen Stadt\nist das Theater, am Hang, mit gestuften Sitzreihen, Raum f\u00fcr 10.000 Zuschauer.\nIn der Mitte der Platz f\u00fcr den K\u00f6nig und sein Gefolge, mit einem wertvollen,\nfarbig gewobenen Baldachin vor der Sonne gesch\u00fctzt. Das Panorama wird k\u00fcnstlich\nbeleuchtet und zeigt einen Tagesablauf: Mittags die stechende Sonne, dann der\nhelle Tag, der Abend, die D\u00e4mmerung, Nacht und sp\u00e4ter, vielleicht am\ngelungensten, der Morgen. Die H\u00e4hne von Pergamon wecken sie und rufen sie\nheraus\/f, Morgen f\u00fcr Morgen. (Der akustische Hintergrund ist eine Freude f\u00fcr\nsich.)<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt viel zu entdecken \u2013\nentfernt der Sklavenmarkt, n\u00e4her das Bordell, der Markt, feine Leute, einfache\n\u2013 und nat\u00fcrlich, wichtigwichtig, Werkst\u00e4tten, z.B. die der Bildhauer.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Panorama d\u00fcrfte ein Graus\nf\u00fcr Arch\u00e4ologen und Historiker sein, f\u00fcr Laien ist es die Schlie\u00dfung einer\nL\u00fccke. Hier bekommt sie Anschauung vom Leben in einer alten Stadt, er begreift,\nwie klein der Ausschnitt mit dem Pergamonaltar ist, und wie weitreichende\nSpekulationen so erm\u00f6glicht werden. Freilich bleiben viele Fragen: Was bedeutet\nder Glaube damals, warum so viele Opfer? Wer herrschte, wer diente, wem diente\ndie Religion? Was verr\u00e4t der uns \u00fcberlieferte Fries \u00fcber die Verteilung\nvon&nbsp; Herrschaft und Knechtschaft?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und noch eine Frage<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und eine freilich ganz andere\nFrage dr\u00e4ngt sich auf. K\u00f6nnten wir&nbsp; uns\nunsere(?) Museen nicht schenken, k\u00f6nnten wir sie nicht dichtmachen?<\/p>\n\n\n\n<p>Ist nicht wichtig, was unsere\nForscher herausfinden \u00fcber die damalige Zeit? Und ist es nicht wichtig, diese\nErkenntnisse didaktisch geschickt aufzubereiten, wie es im Panorama geschieht?\nSollte nicht daf\u00fcr das Geld ausgegeben und das Suchen nach und aufwendige\nAusstellen von&nbsp; Originalen aufgegeben\nwerden? Schon Walter Benjamin er\u00f6rterte das Problem des Kunstwerks im Zeitalter\nseiner technischen Reproduzierbarkeit. Die Aura des Originals kann sich ja in\nSammlungen von Milliard\u00e4ren erhalten, die miteinander um den Ruhm der\nwertvolleren Sammlung wetteifern, bis sie zur Rechenschaft gezogen werden. Aber\nso lange sollten wir, w\u00e4hrend wir (Steuer)Milliarden f\u00fcr die Berliner\nMuseumsinsel ausgeben, dar\u00fcber nachdenken, ob sie nicht falsch aufgewendet\nwerden. Der Wettbewerb der Metropolen \u2013 Petersburg, London, New York, Paris,\nBerlin mag in einer Welt feindseliger Nationen Bestandteil des Wettbewerbs und\nsinnvoll gewesen sein. Heute geht es vorrangig um Erkenntnisgewinn und\nBewu\u00dfsteinserweiterung, um die Abl\u00f6sung der Geschichtsvergessenheit durch\nanschauliche historische Kenntnisse. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Pergamon-Panorama Das Pergamon-Museum tr\u00e4gt seinen Namen wegen eines Frieses, der einst einen Tempel in Pergamon, einer Stadt im antiken Griechenland (heute Bergama in der T\u00fcrkei) &nbsp;im 2. Jahrhundert vor der Zeitenwende, zierte. 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