{"id":1768,"date":"2019-09-21T15:14:08","date_gmt":"2019-09-21T13:14:08","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=1768"},"modified":"2019-09-21T17:30:25","modified_gmt":"2019-09-21T15:30:25","slug":"von-religioesem-zwang-und-selbstbestimmung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=1768","title":{"rendered":"Von religi\u00f6sem Zwang und Selbstbestimmung"},"content":{"rendered":"\n<p><br><br><strong>Schauspiel-Chef Stefan Bachmann inszeniert Wajdi Mouawads \u201eV\u00f6gel\u201c erfolgreich in K\u00f6ln<\/strong><br><br>Von <strong>G\u00fcnther Hennecke<\/strong><br><br>K\u00f6ln \u2013 Man denkt an \u201eRomeo und Julia\u201c, nicht selten auch an den weisen \u201eNathan\u201c. Denn es geht um Leben, Liebe und Tod. Um die Liebe zwischen einem Berliner Juden, dem Jungen Eitan, und einer Pal\u00e4stinenserin, der ebenso jungen Wahida. Und es geht zugleich um mehr: um die Frage nach der eigenen Identit\u00e4t: Bin ich Jude, bin ich Araber, oder einfach \u201enur\u201c Mensch \u201eUnseren Genen\u201c, so der aufs\u00e4ssige Eitan, \u201eist das egal\u201c. Da spricht der aufgekl\u00e4rte Biogenetiker &#8211; und die dramatischen Folgen sind absehbar.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine Welt droht zusaamenzubrechen<\/strong><br>Denn m\u00f6gen sich die Beiden auch lieben. Da ist immer noch die\nFamilie, sind die religi\u00f6s-kulturellen Wurzeln, von denen zu l\u00f6sen\nkeinem so recht gelingen mag. Und als sich herausstellt, dass\nEitans sich als Jude kompromisslos gebender Vater David in\nWirklichkeit ein arabisches Findelkind ist, einst nach einem\nKriegsgemetzel von Davids Vater Etgar gerettet, droht eine ganze\nWelt zusammenzubrechen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Drei Generationen auf drei Zeitebenen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Unterk\u00fchlt ist die erste Szene in Stefan Bachmanns K\u00f6lner\nInszenierung des St\u00fccks, dessen Titel \u201eV\u00f6gel\u201c scheinbare Freiheit\nverhei\u00dft. Sein Autor Wajdi Mouawad, im Libanon geborener,\n50-j\u00e4hriger, in Frankreich lebender Frankokanadier, ist mit diesem\nDrama, das drei Generationen auf drei Zeitebenen miteinander\nverbindet und zugleich die Unterschiede aufzeigt, ein packendes\nSt\u00fcck Zeit-Theater gelungen. Dass sie in vier Sprachen miteinander\nreden, auf Hebr\u00e4isch und Arabisch, Englisch und Deutsch,\nerleichtert zwar nicht gerade das Verst\u00e4ndnis&nbsp; &#8211; wenn auch mit\n\u00dcbertiteln -, macht aber auch die Fremdheit zwischen den Kulturen\ndeutlich.<br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vom Zwang der Herkunft<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sieben Tische, St\u00fchle, sieben vereinzelte Menschen vor einem Lamellenvorhang (B\u00fchne: Jana Findeklee und Joki Tewes). Hier lernen sich Eitan und Wahida kennen. In New York, in einer Universit\u00e4ts-Bibliothek. Und das Drama kann beginnen. Dass beide letztlich nicht aus ihrer vermeintlich so aufgekl\u00e4rten Haut heraus k\u00f6nnen, wird sich bald zeigen: Papa David, ein Bulle von einem Mann und j\u00fcdischer als jeder Rabbi, \u00fcberschl\u00e4gt sich vor Abneigung \u2013 Eitands Liebe Wahida gegen\u00fcber. Selbst Mama, Ex-DDR-Kommunistin, kommt dagegen nicht an. So wird pers\u00f6nliches Schicksal unaufl\u00f6sbar mit der Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Gemeinschaft verbunden \u2013 und Mouawads \u201eV\u00f6gel\u201c werden zu einer ambivalenten Metapher sowohl f\u00fcr die Freiheit der L\u00fcfte wie den immer wieder notwendigen Kontakt zur Erde, zu den Wurzeln.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Gro\u00dfeltern .- ein&nbsp; Trio Infernale<\/strong><br>Da kann Eitan, der junge Revolution\u00e4r, noch so sehr mit den Fl\u00fcgeln\nschlagen, die Verkrustungen vermag er nicht aufzubrechen. Erst als\nsich um ihn, den von einer Bombenexplosion schwer Verwundeten,\ngleich drei Generationen zusammenfinden, deutet sich eine leichte\nEntspannung an. Zumal Gro\u00dfmutter Leah (Margot G\u00f6dr\u00f6s) und Gro\u00dfvater\nEtgar (Martin Reinke) das L\u00fcgengespinst der Familie um Vater David\n(Bruno Cathomas) lustvoll zerrei\u00dfen. Ein altes Trio Infernale, das,\nb\u00f6se und weise zugleich, scheinbare Wahrheiten und vermeintlich\nfestgef\u00fcgte Identit\u00e4ten abst\u00fcrzen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Szenen voller Eruptionen &#8211; und Z\u00e4rtlichkeiten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt, bei aller inszenatorischen K\u00fchle, Szenen, in denen die Emotionen ausbrechen wie Vulkane. Aber auch solche, deren distanzierte Z\u00e4rtlichkeiten zu r\u00fchren verm\u00f6gen. Wenn Papa David sich von seinem Vater sagen lassen muss, \u201edu bist das, was du verabscheust\u201c \u2013 das arabische Findelkind \u2013, st\u00fcrzt f\u00fcr ihn eine ganze Welt ein. Morsch war sie und ist sie, auf einer L\u00fcge basierend. Und selbst der wieder genesene Eitan (Nikolay Sidorenko) gesteht: \u201eIch, Erbe zweier V\u00f6lker, werde so lange keinen Trost finden, so lange &#8222;sie sich einander zerrei\u00dfen&#8220; \u2013 und fliegt mit Papa David, als w\u00e4ren sie von den Fesseln der Wirklichkeit befreite V\u00f6gel, davon.<br>Langer und intensiver Applaus<br><\/p>\n\n\n\n<p><em>Schauspiel K\u00f6ln, Depot 1, M\u00fclheim; Auff\u00fchrungen am 29. September;\n6.,11.,15.,19.,20.,26.,31. Oktober; 3 Stunden inkl. Pause;\nwww.schauspielkoeln.de<\/em><br><\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8222;V\u00f6gel&#8220;<\/strong><br><\/p>\n\n\n\n<p>Von Wajdi Mouawad<br><\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<br><\/p>\n\n\n\n<p>Premiere am 20. September 2019<br><\/p>\n\n\n\n<p>In Hebr\u00e4isch, Arabisch, Deutsch und Englisch<br><\/p>\n\n\n\n<p>Schauspiel K\u00f6ln, Depot 1, M\u00fclheim<br><\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<br><\/p>\n\n\n\n<p>Regie: Stefan Bachmann<br><\/p>\n\n\n\n<p>B\u00fchne und Kost\u00fcme: Jana Findeklee und Joki Tewes<br><\/p>\n\n\n\n<p>Licht: Michael G\u00f6\u00f6ck<br><\/p>\n\n\n\n<p>Mit Bruno Cathomas, Margot G\u00f6dr\u00f6s, Lena Kalisch, Lola Klamroth,\nMelanie Kretschmann, Martin Reinke, Kais Setti, Nicolay Sidorenko<br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schauspiel-Chef Stefan Bachmann inszeniert Wajdi Mouawads \u201eV\u00f6gel\u201c erfolgreich in K\u00f6ln Von G\u00fcnther Hennecke K\u00f6ln \u2013 Man denkt an \u201eRomeo und Julia\u201c, nicht selten auch an den weisen \u201eNathan\u201c. Denn es geht um Leben, Liebe und Tod. 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