{"id":2313,"date":"2021-04-30T18:08:26","date_gmt":"2021-04-30T16:08:26","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=2313"},"modified":"2021-04-30T18:08:26","modified_gmt":"2021-04-30T16:08:26","slug":"gut-erzaehlt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=2313","title":{"rendered":"Gut erz\u00e4hlt"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Klaus Modicks &#8222;Der kretische Gast&#8220;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Modick hat mit seinem &#8222;Kretischen Gast&#8220; einen antifaschistischen Roman geschrieben. Ein junger Historiker, der eben (1975) sein Examen bestanden hat, bekommt Streit mit seinem Vater, einem wohlsituierten Rechtsanwalt, als er ihn nach einem alten Foto fragt, das im Zweiten Weltkrieg auf Kreta aufgenommen wurde. Warum regt der Vater sich so auf, warum erz\u00e4hlt er nicht, was er damals (1943 &#8211; 45) &nbsp;in Griechenland erlebt hat? Der Sohn begiebt sich, zun\u00e4chst halbherzig, sp\u00e4ter energischer auf die Suche.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-rounded\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Modick.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2314\" width=\"362\" height=\"362\" srcset=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Modick.jpg 225w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Modick-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 362px) 100vw, 362px\" \/><figcaption>Klaus Modick<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Er findet heraus, dass sein Vater sich zum Schergen der Nazis gemacht hat &#8211; obwohl er durchschaut und verabscheut&nbsp; hatte, was sie planten. Johannes, ein Kunsthistoriker, wird nach Kreta beordert, um Sch\u00e4tze zu katalogisieren. Es wird nie ausgesprochen, aber offenbar ist dies die Vorbereitung eines Raubzugs zugunsten einer Nazigr\u00f6\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Johannes d\u00e4mmert, wozu er missbraucht werden soll &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;wechselt er die Seiten. Die entsetzlichen Grausamkeiten der Wehrmacht, Geiselerschie\u00dfungen und Niederbrennung ganzer D\u00f6rfer, emp\u00f6ren ihn. Im entscheidenden Moment warnt er seinen Fahrer &#8211; ein Mann des Widerstands, der seine Nachricht rechtzeitig \u00fcberbringt. Am spannendsten wird es, wenn Johannes von der Wehrmacht gefangen genommen wird &#8211; auf dem Weg zum Kriegsgericht befreien ihn die Widerst\u00e4ndler. Eine heroische Geschichte, eine patriotische Geschichte &#8211; und eine Liebesgeschichte darf nicht fehlen. Die Fabeln sind reich, das Schwelgen im Detail bei Beschreibungen der Landschaft, des Lichts, des Meers schweifen ein bisschen aus, aber die Schw\u00e4che wird mehr als nur ausgeglichen durch die politische Analyse: Die Auff\u00e4cherung des Widerstands und seiner Gruppen, die Darstellung der Wehrmacht und der Befehle, die dem V\u00f6lkerrecht Hohn sprechen, und die gewissen- und prinzipienlose Kooperation der Briten mit den besiegten Deutschen 1945, auch mit belasteten Nazis, &nbsp;um die Kommunisten einzuhegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ars docet et delectat &#8211; der Roman lehrt viel \u00fcber den Zweiten Weltkrieg, \u00fcber die Untaten von Wehrmacht &amp; Nazis &#8211; und sie erfreut mit einem Pl\u00e4doyer f\u00fcr Lebenslust im S\u00fcden unseres Kontinents, in hohen Liedern auf die Freundschaft, auf Kreta und die Kreter*innen. Der kretische &#8222;Gast&#8220; &#8211; der Titel ist nicht zuletzt gew\u00e4hlt, weil das griechische Wort f\u00fcr &#8222;Fremder&#8220; auch &#8222;Gast&#8220; bedeutet&nbsp; &nbsp;und Gast eine menschliche Beziehung umschreibt, die dem Menschenbild der Nationalsozialisten entgegensteht, aber auch &nbsp;&nbsp;Konkurrenzvorstellungen der neoliberalen \u00c4ra.<\/p>\n\n\n\n<p>1945 versucht der junge Kunsthistoriker sich seiner Festnahme zu entziehen, um von seiner Frau Abschied zu nehmen &#8211; der Leutnant, der Vater, der nichts \u00fcber seien Zeit in Griechenland erz\u00e4hlen will, erschie\u00dft ihn. Er hat Angst, dass sein Gegner beweisen k\u00f6nnte, welche Untaten er begangen hat, ihn als M\u00f6rder anklagen k\u00f6nnte. Seines Feindes entledigt, &nbsp;lebt er herrlich und in Freuden unbehelligt in Deutschland, angesehen als Anwalt. Das Buch endet, ohne dass der Sohn Rechenschaft von seinem Vater fordert. Das ist ebenso unbefriedigend wie realit\u00e4tsnah &#8211; ein Buch, das endet, ehe die Erz\u00e4hlung h\u00e4tte zu Ende sein sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Modick: Der kretische Gast (geschrieben 2000 &#8211; 2003), Eichborn, 453 S. (Gibt es auch als Taschenbuch f\u00fcr 10.00 \u20ac).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klaus Modicks &#8222;Der kretische Gast&#8220; Klaus Modick hat mit seinem &#8222;Kretischen Gast&#8220; einen antifaschistischen Roman geschrieben. Ein junger Historiker, der eben (1975) sein Examen bestanden hat, bekommt Streit mit seinem Vater, einem wohlsituierten Rechtsanwalt, als er ihn nach einem alten Foto fragt, das im Zweiten Weltkrieg auf Kreta aufgenommen wurde. 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