{"id":2323,"date":"2021-05-04T16:46:41","date_gmt":"2021-05-04T14:46:41","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=2323"},"modified":"2021-05-09T14:55:13","modified_gmt":"2021-05-09T12:55:13","slug":"rundum-humorvoll-selbstkritisch-witzig-geistreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=2323","title":{"rendered":"Rundum humorvoll. Selbstkritisch. Witzig. Geistreich."},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Klaus Modicks &#8222;Bestseller&#8220;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Modicks &#8222;Bestseller&#8220; ist, obwohl nur 272 Seiten schmal, ein ungemein reicher Roman; eine Satire; mehr, eine Abrechnung mit dem Literaturbetrieb; noch mehr: mit der Kultur unserer Tage &#8211; die Kritik gleich mit einbezogen. Und ein Pageturner.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"225\" height=\"225\" src=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Modick-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2324\" srcset=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Modick-1.jpg 225w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Modick-1-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><figcaption>Klaus Modick<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Lukas erbt; er ist Schriftsteller, sein Erfolg \u00fcberschaubar wie auch seine Eink\u00fcnfte. Deshalb freut er sich, als er \u00fcberraschend die Nachricht erh\u00e4lt, eine l\u00e4ngst vergessene, weit entfernte Tante habe ihm&nbsp; ihr ganzes Erbe hinterlassen. Lukas wird entt\u00e4uscht, denn statt des erhofften Verm\u00f6gens ist ein Koffer mit vergilbten Fotos und vollgeschriebenen Seiten die ganze Hinterlassenschaft. Lukas liest lustlos, was die Tante aufgeschrieben hat &#8211; wie war mal Nazisse, wendete sich zur Antifaschistin und endete &nbsp;als Katholikin, als die sie, hochbetagt stirbt.<\/p>\n\n\n\n<p>Lukas&#8216; Frau ist abwesend, vielleicht in Berlin um Tennis zu spielen, und Lukas geht oft ins Theaterrestaurant zum Essen (und Trinken) &#8211; dabei verliebt er sich in eine junge Sch\u00f6nheit, die am Theater ein Praktikum als Maskenbildnerin absolviert. Er sucht Vergessen&nbsp; (warum nicht in einer Aff\u00e4re), denn sein Verleger hat ihm ans Herz gelegt, der letzten literarischen Mode zu folgen, um endlich mal einen &#8222;Bestseller&#8220; zu landen. Da kommt Lukas seine Idee: warum sollte er nicht die Wandlungen der verstorbenen Tante verwursten. Nazivergangenheit ist in. Und dazu noch die neue Freundin als Autorin gewinnen, denn junge Autorinnen mit ansprechendem \u00c4u\u00dferen, das hat alle Voraussetzungen f\u00fcr einen&nbsp; Star!<\/p>\n\n\n\n<p>Gesagt, getan, Lukas schiebt alle Bedenken seines guten literarischen Gewissens energisch beiseite, schreibt erst einen Abriss, dann den Roman, die Freundin schickt ihn unter ihrem Namen nach und nach an Lukas&#8216; Verlag, der ist entz\u00fcckt von der Schmonzette, die Lukas mit hundertachtundzwanzig Klischees \u00a0\u00a0ausstattet, und lanciert die junge Frau mit dem einnehmenden \u00c4u\u00dferen. Nicht nur das, der Verlag zahlt auch, aber die junge Frau gibt Lukas statt der versprochenen H\u00e4lfte nichts ab &#8211;\u00a0 sie verschwindet. Kein Anschluss unter dieser Nummer, diese Adresse gibt es nicht mehr im Internet.<\/p>\n\n\n\n<p>Modicks Geschichte vom betrogenen Betr\u00fcger ist schon an sich ein Lesevergn\u00fcgen, es wird gesteigert durch seine tiefempfundene, w\u00fctende Abrechnung mit dem Kulturbetrieb, vor allem kenntnisreich bei den Verlagen. Und opportunistischen Verlegern. Das Theater bekommt Seitenhiebe, das Regietheater wird vernichtet und die Literaturkritik versenkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Modick legt nahe, &nbsp;&nbsp;es g\u00e4be einen Zusammenhang gibt zwischen Kritiken und Anzeigen: dass Zeitungen positive Kritiken ver\u00f6ffentlichen, wenn sie eine (hochbezahlte) Anzeige vom Verlag bek\u00e4men, diejenigen, die \u00fcbergangen w\u00fcrden, schrieben kritisch (und kommen tats\u00e4chlichen Zusammenh\u00e4ngen mitunter gef\u00e4hrlich nahe.) Wie kann Modick so etwas auch nur annehmen &#8211; und dann noch schreiben. Unerh\u00f6rt!<\/p>\n\n\n\n<p>Das Vergn\u00fcgen an den treffsicheren Attacken auf die selbst verschuldeten Gebresten unserer Kulturindustrie wandelt sich in Entz\u00fccken, wenn Modick zus\u00e4tzlich noch mit der Literaturwissenschaft abrechnet, vor allem mit den Strukturalisten und Poststrukturalisten &#8211; mit ihrem Theoriebombast und ihrer m\u00fchsam erarbeiteten Unverst\u00e4ndlichkeit. Den Gipfel der Leserlust erreicht Modick, wenn er Lukas&#8216; (und seine eigene) Poetik kurz und b\u00fcndig darlegt: &#8222;&#8230;angesichts der hochgestylten, nicht selten verblasenen Theorien hielt sich der Erkenntnisgewinn allerdings in engen Grenzen: Mit mir oder mit dem, was mich zum Schreiben antrieb, hatte das wenig bis nichts zu tun. Schlie\u00dflich schrieb ich, und schreibe immer noch, B\u00fccher &#8211; und nicht das, was sie bedeuten sollen; zum Beispiel solche B\u00fccher, die ich selber gerne lesen w\u00fcrde. Was mich interessierte und immer noch interessiert, sind gut erz\u00e4hlte Geschichten, und mit &#8218;gut erz\u00e4hlt&#8216; meine ich eine unpr\u00e4tenti\u00f6se Schreibweise, die auf stilistische Effekthascherei verzichtet und zugleich Abstand zum Trivialen h\u00e4lt.&#8220; (S. 140)<\/p>\n\n\n\n<p>Genau das ist Modick gelungen &#8211; und er hat doch gleichzeitig auch noch das Programm der Postmodernen wie nebenbei, ganz ohne Pr\u00e4tention, erf\u00fcllt: die Reflexion seines Schreibens innerhalb der geschichtlichen Schranken des Betriebs. Humorvoll. Selbstkritisch. Witzig. Geistreich.<\/p>\n\n\n\n<p>Fulminant.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Ulrich Fischer<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Modick: <em>Bestseller.<\/em> 272 S. kosten 9,99 \u20ac . (Geschrieben 2005 &#8211; 2006)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klaus Modicks &#8222;Bestseller&#8220; Klaus Modicks &#8222;Bestseller&#8220; ist, obwohl nur 272 Seiten schmal, ein ungemein reicher Roman; eine Satire; mehr, eine Abrechnung mit dem Literaturbetrieb; noch mehr: mit der Kultur unserer Tage &#8211; die Kritik gleich mit einbezogen. Und ein Pageturner. Lukas erbt; er ist Schriftsteller, sein Erfolg \u00fcberschaubar wie auch seine Eink\u00fcnfte. Deshalb freut er &#8230; <a title=\"Rundum humorvoll. Selbstkritisch. Witzig. Geistreich.\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=2323\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Rundum humorvoll. Selbstkritisch. Witzig. 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