{"id":2359,"date":"2021-05-30T06:33:17","date_gmt":"2021-05-30T04:33:17","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=2359"},"modified":"2021-05-30T08:25:23","modified_gmt":"2021-05-30T06:25:23","slug":"dramatikerpreis-21","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=2359","title":{"rendered":"Dramatikerpreis 21"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Frauen, M\u00fctter, Gro\u00dfm\u00fctter &#8211; Genreationinnenfolge<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>M\u00dcLHEIM an der Ruhr. Das Theater verdankt seinen \u00fcberragenden Ruf nicht zuletzt seiner K\u00fchnheit. Es spricht Gedanken aus, die Zeitgenossen verwerfen. Nachdem&nbsp;&nbsp; &#8222;Die Weber&#8220; vom jungen Gerhart Hauptmann uraufgef\u00fchrt worden waren, k\u00fcndigte der Kaiser seine Loge im Deutschen Theater. Als Frank Wedekind &#8222;Fr\u00fchlings Erwachen&#8220; schrieb, wagten die fortschrittlichsten Theaterleute nicht, das St\u00fcck zur Urauff\u00fchrung anzunehmen. Der Zensor war emp\u00f6rt und angewidert.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-rounded\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/benbenek-14096b06226266aa9fe1030e0fbf8c8b3dbd71fb.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2365\" width=\"239\" height=\"319\"\/><figcaption>Ewe Benbenek<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>An diesen Ruhm des Theaters, an diese Tradition k\u00fchner Dramatiker*innen kn\u00fcpft Ewe Benbenek an. In Ihrem St\u00fcck &#8222;Trag\u00f6dienbastard&#8220; sind im Personenverzeichnis drei Buchstaben verzeichnet, A, B und C. Es k\u00f6nnte sein, dass dies drei Facetten einer Figur bezeichnen. Sie ist eine junge Frau, hoch begabt, exzellentes Abi, herausragendes Studium und v\u00f6llig mit sich zerfallen auf der Suche nach ihrer Identit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Anfang des St\u00fccks besucht sie ihre Gro\u00dfmutter in Polen. Die will wissen, wann ihre Enkelin endlich ihr ein Urenkelchen schenkt. Wie soll die junge Feministin der geliebten Oma erkl\u00e4ren, dass sie gar nicht daran denkt, ein Kind zur Welt zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein zweiter Anker zur Entdeckung ihrer Identit\u00e4t sind die Eltern. Sie kamen in die Bundesrepublik als Gastarbeiter. Das Leben war hart, die Arbeit schwer, die Wohnung zu klein &#8211; die Eltern schnallten ihre G\u00fcrtel eng, damit ihre Tochter auf die Schule und zur Universit\u00e4t gehen konnte. Und was macht sie jetzt nach dem erstklassigen Examen? Warum sucht sie nicht sofort einen guten, sicheren und angesehen Job? Die Eltern k\u00f6nnen nur entt\u00e4uscht und verzweifelt den Kopf sch\u00fctteln.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mutter hatte ein Erlebnis in Deutschland, das sie ersch\u00fcttert, ihr Selbstbewusstsein zu Nichts zermahlen hat. Eine Beschimpfung. Dieses Wort ist ein Unwort. Man darf es nicht aussprechen und nicht niederschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Wort, das die Autorin vermeidet, zun\u00e4chst vermeidet, zwingt sie zu Umwegen. Sie ist schwatzhaft, sie ist larmoyant. Dann aber rei\u00dft sie sich zusammen und kritisiert die eigene Weinerlichkeit &#8211; sie hat ja drei Seiten, da kann A B oder C schon mal den Kopf zurecht setzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das feine Leben ist es nicht, die schicken Schuhe, die Ausschweifungen, der Rausch, die Kleider, die Schuhe, nein &#8211; alles nur Ausfl\u00fcchte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die Autorin zur Sache &#8211; weg von den Konsumr\u00e4uschen. Sie erinnert sich sehr gut an das Wort, mit dem ihre Mutter gedem\u00fctigt wurde. Und sie nimmt das Wort in den Mund. Sie schreibt es nieder. Es wird auf der B\u00fchne ausgesprochen. Mehrmals.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann dieses Wort nicht niederschreiben. Es ist eine Beleidigung. Eine Beleidigung von Ausl\u00e4ndern. Es soll auch und gerade die treffen, die lang hier bei uns gearbeitet haben und Deutsche geworden sind; es ist eine Herabw\u00fcrdigung von Frauen. Es ist&nbsp; niederschmetternd. Ich werde das Wort nicht gebrauchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es erinnert ein bisschen an &#8222;Nigger&#8220;. In den Vereinigten Staaten wurde &#8222;Nigger&#8220; z.B. gebraucht, zur Sklavenzeit, aber auch lange noch danach. Eine Herabw\u00fcrdigung &#8211; und es gab eine Zeit, in der das Wort dann zum Unwort wurde &#8211; bessere Kreise haben es vermieden &#8211; das &#8222;N&#8220;-Wort &#8211; ; schlie\u00dflich&nbsp;&nbsp; begannen schwarze Aktivisten, sich das Wort zu erobern &#8211; es verlor im neuen Zusammenhang seine urspr\u00fcnglich pejorative Bedeutung und wurde zu einem Begriff neuen Selbstbewusstseins: Wir nennen uns &#8222;Nigger&#8220;, wie unsere Feinde uns nennen, wir haben keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste. Im Gegenteil. Die &#8222;Nigger&#8220; wurden eine bedrohliche Macht, mit der sich besser niemand anlegen sollte. Weg von der Opferrolle.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich ist der Prozess hier. Ewe Benbenek ist k\u00fchn, sie k\u00e4mpft um das Wort, mit dem ihre Mutter beschimpft wurde, will es in sein Gegenteil verwandeln. Und das gelingt ihr.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird noch dauern, bis dieses Wort in die Umgangssprache aufgenommen werden kann, heute ist es noch zu unfl\u00e4tig, zu beleidigend. Aber Ewe Benbenek &nbsp;rei\u00dft die Z\u00e4une des guten Geschmacks ein. Geschmack ist ihr piepegal. Sie will Emanzipation. Und die ist ohne Kampf nicht zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ewe Benbenek nutzt ihren &#8222;Trag\u00f6dienbastard&#8220; als Waffe im Geschlechterkampf. In ihren H\u00e4nden eine scharfe Waffe. Sie hat in diesem Jahr den M\u00fclheimer Dramatikerpreis gewonnen: verdient!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Ulrich Fischer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frauen, M\u00fctter, Gro\u00dfm\u00fctter &#8211; Genreationinnenfolge M\u00dcLHEIM an der Ruhr. Das Theater verdankt seinen \u00fcberragenden Ruf nicht zuletzt seiner K\u00fchnheit. Es spricht Gedanken aus, die Zeitgenossen verwerfen. Nachdem&nbsp;&nbsp; &#8222;Die Weber&#8220; vom jungen Gerhart Hauptmann uraufgef\u00fchrt worden waren, k\u00fcndigte der Kaiser seine Loge im Deutschen Theater. Als Frank Wedekind &#8222;Fr\u00fchlings Erwachen&#8220; schrieb, wagten die fortschrittlichsten Theaterleute nicht, &#8230; <a title=\"Dramatikerpreis 21\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=2359\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Dramatikerpreis 21\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-2359","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-theater"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2359","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2359"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2359\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2366,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2359\/revisions\/2366"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2359"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2359"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2359"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}