{"id":2513,"date":"2022-01-12T18:55:20","date_gmt":"2022-01-12T16:55:20","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=2513"},"modified":"2022-01-15T08:38:11","modified_gmt":"2022-01-15T06:38:11","slug":"besser-spaet-als-nie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=2513","title":{"rendered":"<strong><u>Besser sp\u00e4t als nie<\/u><\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Tom Stoppards \u201eCoasts of Utopia\u201c endlich auf Deutsch<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>WIESBADEN.&nbsp; In der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts wetteiferten zwei herausragende Dramatiker in England um den Lorbeer. David Hare schrieb eine Trilogie &#8211; die Spitze dramatischer Meisterschaft im Abendland \u2013&nbsp;&nbsp; Tom Stoppard folgte. Sir David, den die Queen wegen seiner Verdienste um das britische Theater zum Ritter geschlagen hat, ist ein Progressiver. In seiner Trilogie greift er die herrschende Klasse an: sie ist inkompetent, herz- und hirnlos, unf\u00e4hig zu herrschen. Sir Tom, den Elisabeth II. ebenfalls zum Ritter geschlagen hat, ist konservativ. In seiner Trilogie attackiert er f\u00fchrende Revolution\u00e4re: sie haben ein falsches Menschenbild, predigen Solidarit\u00e4t, obwohl sie schon untereinander spinnefeind sind, und sehen als alte M\u00e4nner ein, dass die Ideale ihrer Jugend sie fehlgeleitet haben. Revolution, ein sch\u00f6ner Traum, aber er ist nicht zu verwirklichen in der Welt, wie sie nun einmal ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In der j\u00fcngsten deutschen Theatergeschichte gibt es nichts Vergleichbares auf derart hohem Niveau. Dennoch dauerte es von der Urauff\u00fchrung von Stoppards \u201eCoasts of Utopia\u201c 2002 in London bis zur deutschen Erstauff\u00fchrung in Wiesbaden sagenhafte 20 Jahre.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/28091_9291_utopia_aufbruch_forster___356_-2-2.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/28091_9291_utopia_aufbruch_forster___356_-2-2.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2519\" width=\"404\" height=\"522\"\/><\/a><figcaption>Matze Vogel als Alexander Herzen &#8211; Foto: Karl und Monika Forster<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aufbruch<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Teil, \u201eAufbruch\u201c, r\u00fcckt Stoppard Bakunin in den Mittelpunkt. Er skizziert ihn als idealistischen Wirrkopf. Sein Vater, ein kleiner russischer Landadliger, schickt den Jungen zur Armee, er soll Offizier werden, wie sich das f\u00fcr einen jungen Mann seiner Klasse schickt. Bakunin wirft 20j\u00e4hrig hin, liest die modischen neuen B\u00fccher aus dem Westen und schw\u00e4rmt f\u00fcr die Franz\u00f6sische Revolution. Er wird zum Wolkenschieber, versucht sich in den Z\u00e4nkereien der gro\u00dfen Philosophen zurechtzufinden \u2013 vergeblich. Was ihm heute richtig scheint, wirkt morgen falsch. Und von Philosophie kann man ebenso wenig leben wie von Literatur. Bakunin macht Schulden, die sein Vater bezahlt, lebt also auf Kosten der Leibeigenen, die er befreien will \u2013 ein unaufhebbarer Widerspruch.<\/p>\n\n\n\n<p>Stoppard skizziert treffend indirekt die Schrecken der zaristischen Selbstherrschaft, die Gefahren der Zensur \u2013 die jungen Leute haben ja Recht, wenn sie rebellieren \u2013 aber sie haben keine Strategie und werden leichte Beute ihrer gnaden- und gewissenlosen Feinde. Bakunins Vater versucht den Sohn zu Raison zu bringen, er soll wenigstens Landwirtschaft studieren. Die Mahnung ist in den Wind gesprochen..<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Teil ist kein \u201eAufbruch\u201c, wie der Titel verspricht, sondern ein krachendes Scheitern. Der Vater, alt, fett und unbeweglich geworden, hat sein Augenlicht verloren.&nbsp; Bei der deutschsprachigen Erstauff\u00fchrung in Wiesbaden erinnert er an \u201ePozzo\u201c aus Samuel Becketts \u201eWarten auf Godot\u201c \u2013 und Vater Bakunin beschreibt einen Sonnenuntergang(!), den er nicht mehr sehen kann. Das ganze Ensemble ist auf der B\u00fchne, eine Familie im Niedergang wie bei Tschechow, mitten drin eine symbolistische Figur, gro\u00df wie ein Athlet, in rotem Kost\u00fcm&nbsp; wie der Tod bei Edgar Allen Poe, mit einer Katzenmaske \u2013 vielleicht verk\u00f6rpert diese Kunstfigur das Verh\u00e4ngnis, das der Grund f\u00fcr die Aussichtslosigkeit jeder Umw\u00e4lzung, jeder \u00c4nderung ist, das r\u00e4tselhafteVerh\u00e4ngnis, dem die Revolution\u00e4re zum Opfer fallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber es kommt noch schlimmer.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schiffbruch<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Teil \u2013 \u201eSchiffbruch\u201c \u2013 r\u00fcckt &nbsp;Stoppard&nbsp; Alexander Herzen in den Mittelpunkt. Der Dramatiker schildert seinen Protagonisten als scharfsinnigen Denker, Revolution\u00e4r mit menschlichem Antlitz und erfolgreichen Publizisten. Er schreibt nicht nur grundlegende Artikel, er ist auch als Herausgeber t\u00e4tig. Herzen ist reich und kann in seine Bl\u00e4tter investieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Reichtum macht ihn aber auch angreifbar \u2013 gerade bei seinen Genossen. Warum sollte ein Reicher ihre Sache vertreten? Aber Herzen wird auch zur Anlaufsteller vieler W\u00fcnsche \u2013 er soll dieses Projekt unterst\u00fctzen und jenen Aufstand. Vor allem Bakunin bittet ihn immer wieder um nicht unerhebliche Summen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Privaten folgt auf Gl\u00fcck Schmerz. Seine Frau wird ihm untreu \u2013 Anlass f\u00fcr viele hochexplosive Konflikte zwischen den Damen \u2013 und hier f\u00e4llt zum ersten Mal auf, dass das Ensemble doch nicht so gro\u00dfartig und leistungsf\u00e4hig wirkt wie anfangs. Expressive Exaltationen \u00fcberfordern einige Schauspielerinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die revolution\u00e4ren Aufbr\u00fcche scheitern \u2013 sie erleiden \u201eSchiffbruch\u201c \u2013 daher der Name des Mittelst\u00fccks.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bergung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Finale \u2013 \u201eBergung\u201c &#8211; folgt dem begonnenen Prozess \u2013 es geht bergab mit Herzen und seinem gro\u00dfen Projekt. Hier beschreibt Stoppard ausf\u00fchrlich den Streit zwischen den Revolution\u00e4ren, nicht nur deren Elend im Exil, sondern auch ihre Rechthaberei, ihre Streitsucht und ihre Unf\u00e4higkeit, aus Fehlern zu lernen. Obwohl der Spaltpilz der beste Freund ihrer Feinde ist, finden die Revolution\u00e4re nicht mehr zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ende hat Stoppard sorgf\u00e4ltig vorbereitet. Angesichts des nie endenden Streits, der ewigen Geldw\u00fcnsche, des Egoismus, der seine giftigsten Bl\u00fcten bei den Frauen, die um ihn werben, und bei seinen Kindern treibt, f\u00e4llt seine Quintessenz bitter aus: Die Revolution sei gescheitert. Erwachsen werden hei\u00dfe, das einzusehen. Es werde immer Konflikte geben \u2013 man m\u00fcsse mit ihnen leben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/30793_9324_bergung_forster___443_-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"569\" src=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/30793_9324_bergung_forster___443_-1-1024x569.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2524\" srcset=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/30793_9324_bergung_forster___443_-1-1024x569.jpg 1024w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/30793_9324_bergung_forster___443_-1-300x167.jpg 300w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/30793_9324_bergung_forster___443_-1-768x426.jpg 768w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/30793_9324_bergung_forster___443_-1.jpg 1221w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Ensemble &#8211; Foto: Karl und Monika Forster<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>\u00dcberzeugungskraft<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Auffassung vertreten viele Konservative \u2013 aber nur wenige haben sich so umfassende Kenntnisse aus der Geschichte der Revolution angeeignet &#8211; Stoppard hat sich gr\u00fcndlich mit seinem Thema auseinander gesetzt, er kennt sich viel besser aus als die meisten seiner Gesinnungsgenossen, die einfach nur behaupten, was ihnen zu pass kommt. Stoppard f\u00fchrt eine echte Debatte, fair \u2013 und Fairness geh\u00f6rt(e)&nbsp; zu den Ruhmesbl\u00e4ttern der Briten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber sein Rivale argumentiert \u00fcberzeugender, David Hare zeigt, dass es so nicht weitergehen kann mit der Inkompetenz, der Habgier und dem Machtmissbrauch der herrschenden Klasse. Es gibt nur einen Ausweg:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wiesbaden muss ran<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wiesbaden hat gezeigt, dass ein mittleres Stadttheater eine gro\u00dfe Trilogie stemmen kann. Sie haben endlich ein wichtiges englisches St\u00fcck unseren B\u00fchnen erschlossen \u2013 ein gro\u00dfes Verdienst. &nbsp;Das Ensemble wirkte trotz eines Ausfalles leistungsstark, spielfreudig und hatte mit Matze Vogel einen herausragenden Darsteller, der die h\u00f6chst anspruchsvolle Rolle von Alexander Herzen meisterte.&nbsp;&nbsp; Auch in mittleren Ensembles finden sich immer wieder Spitzenkr\u00e4fte.&nbsp; Henriette H\u00f6rnigk f\u00fchrte wacker Regie, allerdings nahm sie mitunter zu sehr Partei gegen die armen Revolution\u00e4re, Georg Herwegh z. B. erschien einseitig als pfaueneitler Salonsozialist \u2013 die Meinung Stoppards w\u00e4re auch ohne diese \u00dcberdeutlichkeit zum Tragen gekommen. \u2013 Um die Fairness der britischen Debatte \u00fcber den \u00c4rmelkanal auf den Kontinent zu retten bleibt nur eins: Die Wiesbadener m\u00fcssen nun auch David Hares Trilogie inszenieren. Dann bleibt jedem Zuschauer die M\u00f6glichkeiten, die Argumente zu w\u00e4gen und selbst zu entscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Rest ist \u2026?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nein, keineswegs Schweigen. Einmal wird die Frage aufgeworfen: \u201eWarum sollte jemand jemand anderem gehorchen?\u201c \u2013 Ja, warum eigentlich?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>P.S<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Urauff\u00fchrung 2002 in London war besser &#8211; das ist kein Wunder: das Staatstheater in Wiesbaden ist eine mittlere deutsche B\u00fchne, das Royal National Theatre in London das Flaggschiff englischsprachiger Schauspiele. Das Ensemble ist leistungsf\u00e4higer und Henriette H\u00f6rnigk, Regisseurin in Wiesbaden, kann sich nicht mit Trevor Nunn (LondonNewYork) messen, dessen Ruhm bis zum Himmel reicht. Aber es liegt auch an der Sprache: Wolf Christian Schr\u00f6ders \u00dcbersetzung, so trefflich&nbsp; sie ist, reicht nicht ans englische Original heran. Englisch ist zupackender, k\u00fcrzer, b\u00fcndiger, hat mehr Biss als unser umst\u00e4ndlicheres Deutsch, und Stoppard nutzt es, um bis zum Aphorismus zu verk\u00fcrzen, Pointen zu schleifen, zuzuspitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber Londoner Glanz verk\u00fcrzt das Verdienst der Wiesbadener um keinen Deut.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tom Stoppards \u201eCoasts of Utopia\u201c endlich auf Deutsch WIESBADEN.&nbsp; In der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts wetteiferten zwei herausragende Dramatiker in England um den Lorbeer. David Hare schrieb eine Trilogie &#8211; die Spitze dramatischer Meisterschaft im Abendland \u2013&nbsp;&nbsp; Tom Stoppard folgte. Sir David, den die Queen wegen seiner Verdienste um das britische Theater zum Ritter &#8230; <a title=\"Besser sp\u00e4t als nie\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=2513\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Besser sp\u00e4t als nie\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,1],"tags":[],"class_list":["post-2513","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schauspiel","category-theater"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2513","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2513"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2513\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2526,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2513\/revisions\/2526"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2513"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2513"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2513"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}