{"id":2527,"date":"2022-01-16T08:44:22","date_gmt":"2022-01-16T06:44:22","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=2527"},"modified":"2022-01-16T08:47:39","modified_gmt":"2022-01-16T06:47:39","slug":"ein-juwel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=2527","title":{"rendered":"<strong><u>Ein Juwel<\/u><\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Edmund de Waals &#8220; &nbsp;Hase mit den Bernsteinaugen&#8220; &#8211; eine bewegte Geschichte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Der Hase mit den Bernsteinaugen&#8220; &#8211; so der Titel von Edmund de Waals Geschichte &#8211; kommt aus Japan. Er ist ein kleines Juwel, geschnitzt, und geh\u00f6rt zu eine gr\u00f6\u00dferen Zahl von &#8222;Netsuke&#8220;, wie die Japaner diese Liebhaberst\u00fccke bezeichnen. Sie haben im 19. Jahrhundert, nachdem Amerikaner Japan gezwungen hatten, sich der Welt zu \u00f6ffnen, den Weg nach Europa gefunden &#8211; und de Waal erz\u00e4hlt ihre Geschichte bis heute.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist zugleich die Geschichte von einer reichen Familie. Sie stammt aus dem Osten, der j\u00fcdische Gr\u00fcndervater machte in Odessa ein Verm\u00f6gen als Weizenh\u00e4ndler und Bankier; dann wanderten die S\u00f6hne nach Westen; wichtige Niederlassungen konnte die Familie in Paris gr\u00fcnden und auch in Wien.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/9783423143653.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/9783423143653.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2528\" width=\"309\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/9783423143653.jpg 450w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/9783423143653-193x300.jpg 193w\" sizes=\"auto, (max-width: 309px) 100vw, 309px\" \/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Die \u00e4ltesten S\u00f6hne mussten den Karren ziehen und ins Gesch\u00e4ft, den Reichtum mehren, aber ein j\u00fcngerer durfte seinen Talenten&amp;Liebhabereien folgen. Einer wurde ein angesehener Kunsthistoriker &#8211; eines seiner sch\u00f6nsten Besitzt\u00fcmer war ein Ensemble der <em>Netsuke<\/em>, die er in einer Vitrine ausstellte, als in Paris Japan ganz gro\u00df in Mode war.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter wanderten die edlen Schnitzereien &nbsp;&nbsp;nach Wien und schm\u00fcckten das Ankleidezimmer einer reichen jungen Dame, &nbsp;die eingeheiratet hatte &#8211; sie bewohnte mit Mann\/Gatte\/Gemahl und Kindern, selbstmurmelnd beste Adresse. Der Reichtum der Familie wie der aller Juden erregte Neid, der Antisemitismus trieb schreckliche Bl\u00fcten &#8211; aber niemand stellte sich vor, was kommen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die \u00d6sterreicher sich den Nazis an den Hals warfen, folgten unmittelbar die Verfolgungen. Der Fall von h\u00f6chstem Reichtum zur Bettelarmut war schrecklich (die Fallh\u00f6he nat\u00fcrlich f\u00fcr den Poeten au\u00dferordentlich fruchtbar), wer sich ins Ausland retten konnte, durfte sich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen. Die R\u00e4uber \u00fcbersahen die <em>Netsuke<\/em>, ein treues Dienstm\u00e4dchen rettete die wertvollen St\u00fccke &#8211; und sorgte daf\u00fcr, dass sie nach dem Untergang des 3. Reiches in die H\u00e4nde der rechtm\u00e4\u00dfigen Erben kam &#8211; unter ihnen einer, der nach Japan ging, dort im Weizenhandel erneut reich wurde &#8211; und die Juwelen wieder &#8222;nach Hause&#8220; brachte, ins Reich der aufgehenden Sonne.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Roman? Eine (kunst)historische Studie? &#8211; Beides! Voller Spannung und ganz wunderbarer Anklage: schlank vorgetragen, ohne Schaum vorm Mund gegen die Antisemiten, die Nazis, die gierigen Geier. Die allerbesten Partien des Romans handeln von der Nazizeit &#8211; und von der Postnazizeit. Die Analyse, wie es in \u00d6sterreich nach der Befreiung weiterging, ist schneidend. Die alten Nazis, die nie Nazis gewesen waren, wenn man sie fragte, sorgten daf\u00fcr, dass nur wenige Besitzt\u00fcmer restituiert wurden. Das Unrecht dauert an.<\/p>\n\n\n\n<p>Edmund de Waal hat mit diesem Mix aus Fiktion und Fakten ein gro\u00dfartiges Buch geschaffen &#8211; sein Erfolg ist verdient. Die Lekt\u00fcre macht nicht nur Freude, sie erweitert auch das Wissen und das Bewusstsein. Brigitte Hilzensauers \u00dcbersetzung aus dem Englischen ist makellos.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Der Hase mit den Bernsteinaugen&#8220; ist ein Juwel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Edmund de Waals &#8220; &nbsp;Hase mit den Bernsteinaugen&#8220; &#8211; eine bewegte Geschichte &#8222;Der Hase mit den Bernsteinaugen&#8220; &#8211; so der Titel von Edmund de Waals Geschichte &#8211; kommt aus Japan. 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