{"id":2534,"date":"2022-01-22T14:11:46","date_gmt":"2022-01-22T12:11:46","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=2534"},"modified":"2022-01-22T14:25:02","modified_gmt":"2022-01-22T12:25:02","slug":"theaterkakao","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=2534","title":{"rendered":"Theaterkakao"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>B\u00fcrks\/Sienknechts &#8222;G\u00fcnther Gr\u00fcndgens \u2013 ein musikalischer Festakt&#8220;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>HAMBURG. Der Beifall wollte nicht enden, schrille Pfiffe, Enthusiastengegr\u00f6le, sogar Rosen flogen vom Parkett auf die B\u00fchne \u2013 das Publikum im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg war am Freitagabend nach der Urauff\u00fchrung&nbsp; von \u201eG\u00fcnther Gr\u00fcndgens\u201c aus dem H\u00e4uschen. Der gesamte Titel des gut gelaunten Spektakels von Barbara B\u00fcrk und Clemens Sienknecht lautet: \u201eG\u00fcnther Gr\u00fcndgens \u2013 ein Leben, zu wahr, um sch\u00f6n zu sein\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Wortspiele wie im Titel gibt es viele, und sie erheitern nicht nur, sondern machen auch nachdenklich. G\u00fcnther Gr\u00fcndgens \u2013 der Name erinnert an Gustaf Gr\u00fcndgens, der von 1955 bis 1963 Intendant des Deutschen Schauspielhauses war &#8211; ein Theatermann, der den Ruf eines \u00fcberragenden Genies genoss. G\u00fcnther Gr\u00fcndgens, eine Erfindung von Barbara B\u00fcrk und Clemens Sienknecht, ist sein fiktiver Bruder, der es nie aus den niederen R\u00e4ngen geschafft hat, eine Quelle vieler Witze. Das war unangenehm, wenn die ruhmreichen Schauspieler des Deutschen Schauspielhauses sich \u00fcber die Kollegen lustig machten, die es nie geschafft haben, \u00fcber L\u00fcneburg hinaus zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber sonst war der Humor h\u00e4ufig \u00fcberzeugend, weil ansteckend. Die Geschichte von G\u00fcnther war nur ein roter Faden, der dem neunk\u00f6pfigen Ensemble \u2013 zwei Damen, sieben Herren \u2013 Gelegenheit bot, ihre K\u00fcnste zu zeigen. Sie sangen und persiflierten meistens erfolgreiche Schlager. Dabei kamen sie nie an die Originale heran, aber doch so weit, dass sie wieder zu erkennen waren \u2013 und dann betonten die Interpreten die Emphase, steigerten das Forte zum Fortissimo &nbsp;&nbsp;\u2013 &nbsp;&nbsp;die Wirkung war stupend. Sofort war die \u00dcberzeugungskraft des Vorbilds gebrochen, die Masche des Stars entlarvt \u2013 das folgende Gel\u00e4chter \u00fcber den durch den Kakao Gezogenen ging einher mit Ern\u00fcchterung.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00fcnstler sind eitel, sie wollen wirken, um sich ins rechte Licht zu setzen \u2013 hier wurde die Show selbstkritisch, das Theater nahm sich selbst unter die Lupe \u2013 und den Film, das Fernsehen, die Unterhaltung.<\/p>\n\n\n\n<p>G\u00fcnther wurde wie sein gro\u00dfer Kollege Gustaf 1899 geboren \u2013 er lebte im 20. Jahrhundert. Und das Ergebnis der K\u00fcnste war bescheiden. Sie haben wenig bewirkt \u2013 wenn, dann haben sie zur Aufkl\u00e4rung beigetragen. Das Programmheft liefert einen Meisterstreich, um die kritischen Aspekte des Abends zu betonen, einen Aufsatz von Pierre Bourdieu. Er glaubt nicht an Biographien \u2013 die Zielgerichtetheit der Erz\u00e4hlung verdeckt, wie der Zufall regiert. Das ist auch eine Botschaft des Abends \u2013 wenn er denn eine Botschaft hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Am besten waren die Schauspieler \u2013 Michael Wittenborn zu beobachten ist einen Abend wert. Er wird alt, Falten dominieren sein Mimenantlitz. Er sieht beim ersten, oberfl\u00e4chlichen Blick aus wie ein Mann, der der Schlaffheit nachgegeben hat. Nicht einen Tag oder eine Woche, nein, Jahre, gar ein Leben lang. Aber welch ein Irrtum, der Schein&nbsp; tr\u00fcgt: auf einmal singt er, dass er alle mitreisst \u2013 und er tanzt. Alle tanzen gro\u00dfartig \u2013 nicht \u00fcberzeugend, sondern zur\u00fcckgenommen, so dass man die niedertr\u00e4chtige Oberfl\u00e4chlichkeit des Gehampels bei Revuen, bei Schlagerparaden &#8211; immer an der Rampe &#8211; mit Lust erkennen kann.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/16_Gruendgens_Horn-3739-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"675\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/16_Gruendgens_Horn-3739-1-675x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2537\" srcset=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/16_Gruendgens_Horn-3739-1-675x1024.jpg 675w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/16_Gruendgens_Horn-3739-1-198x300.jpg 198w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/16_Gruendgens_Horn-3739-1-768x1165.jpg 768w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/16_Gruendgens_Horn-3739-1.jpg 791w\" sizes=\"auto, (max-width: 675px) 100vw, 675px\" \/><\/a><figcaption>Michael Wittenborn &#8211; Foto: Matthias Horn<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Gustaf Gr\u00fcndgens bleibt im Hintergrund \u2013 einmal wird sein Geist beschworen \u2013 irrt\u00fcmlich, und er wird rasch wieder verabschiedet \u2013 ein andermal tritt er als Mephisto auf, als er zum ersten Mal auf Faust trifft. Auch er hat nicht dazu beigetragen, der Kunst gro\u00dfen Wert im letzten Jahrhundert mitzugeben \u2013 der \u201cmusikalische Festakt\u201c \u2013 wie der Klamauk im Schauspielhaus im Untertitel ironisch hei\u00dft, legt nahe, dass Gr\u00fcndgens mit seiner Eitelkeit nur einer war unter anderen und seine Kunst trivial. B\u00f6ser kann man den lorbeergekr\u00e4nzten Mimen kaum angreifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Beifall war verdient, der Abend mit seinen kaum 120 Minuten vielleicht manchmal &nbsp;&nbsp;lang, aber es gab viele gl\u00e4nzende Einf\u00e4lle und vor allem gro\u00dfartige Schauspieler.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Besuch lohnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Frau meint das nicht. Sie war oft gelangweilt, guckte&nbsp;&nbsp; auf die Uhr. Alles zu oberfl\u00e4chlich, fand sie \u2013 und erinnerte an Abende mit und von Franz Wittenbrink, die auf der gleichen B\u00fchne (und anderswo) ebenso f\u00fcr gl\u00e4nzende Unterhaltung mit singenden und tanzenden Schauspielern boten \u2013 aber kritischer, bissiger, eben auf viel h\u00f6herem Niveau. \u2013 Recht hat sie.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Ulrich Fischer<\/p>\n\n\n\n<p>Vorstellungen am 23.Jan.; 5., 12. und 25. Feb. \u2013 Dauer: 2 Std.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>B\u00fcrks\/Sienknechts &#8222;G\u00fcnther Gr\u00fcndgens \u2013 ein musikalischer Festakt&#8220; HAMBURG. Der Beifall wollte nicht enden, schrille Pfiffe, Enthusiastengegr\u00f6le, sogar Rosen flogen vom Parkett auf die B\u00fchne \u2013 das Publikum im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg war am Freitagabend nach der Urauff\u00fchrung&nbsp; von \u201eG\u00fcnther Gr\u00fcndgens\u201c aus dem H\u00e4uschen. 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