{"id":2540,"date":"2022-01-25T05:48:28","date_gmt":"2022-01-25T03:48:28","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=2540"},"modified":"2022-01-25T07:32:38","modified_gmt":"2022-01-25T05:32:38","slug":"moliere-im-blick-von-frank-castorf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=2540","title":{"rendered":"Moli\u00e8re \u2013 Im Blick von Frank Castorf"},"content":{"rendered":"\n<p>Martin Burkert<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Seit gut vier Jahren ist Frank Castorf nicht mehr Intendant der Berliner Volksb\u00fchne (1992 bis 2017). Seitdem tingelt er als gern gesehener und viel besch\u00e4ftigter Gastregisseur an vielen deutschsprachigen B\u00fchnen: Hamburg, Wien, Berlin, M\u00fcnchen. Zum dritten Mal in den letzten drei Jahren inszeniert er jetzt am K\u00f6lner Schauspielhaus. Dieses Mal hat er sich einen der ber\u00fchmtesten und produktivsten Autoren der Theatergeschichte vorgenommen, der vor fast genau 400 Jahren (15. Januar 1622) geboren wurde: Moli\u00e8re. Untertitel des Abends: Ich bin ein D\u00e4mon, Fleisch geworden und als Mensch verkleidet. Aufgekl\u00e4rt wird dieser Satz nicht. Er ist wohl eine Mischung aus Schopenhauer und Bibel.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/4093__nz61824-1.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"712\" height=\"471\" src=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/4093__nz61824-1.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2544\" srcset=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/4093__nz61824-1.jpeg 712w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/4093__nz61824-1-300x198.jpeg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 712px) 100vw, 712px\" \/><\/a><figcaption>B\u00fchnenbild &#8211; Foto: Thomas Aurin<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Das B\u00fchnenbild erinnert an alte franz\u00f6sische Filme. Auf dem R\u00fcckaushang sehen wir vier schwarz gekleidete, riesengro\u00dfe M\u00e4nner mit Zylinderhut, die offenbar aus Zeitungen vor-singen. Davor steht ein alter gelber Citroen-Kastenwagen mit kolonialer Bananenwerbung. Um ihn gruppiert sich ein buntes V\u00f6lkchen und spielt das L\u2019illustre Th\u00e9\u00e2tre, in dem Moli\u00e8re Schauspieler, Autor, Regisseur und Chef der Truppe ist.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/4099_moliere3_4206m.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"686\" src=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/4099_moliere3_4206m-1024x686.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2547\" srcset=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/4099_moliere3_4206m-1024x686.jpg 1024w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/4099_moliere3_4206m-300x201.jpg 300w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/4099_moliere3_4206m-768x515.jpg 768w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/4099_moliere3_4206m.jpg 1368w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Ensemble &#8211; Foto: Thomas Aurin<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Eine theatergeschichtliche Abhandlung ist bei einem Regisseur wie Frank Castorf nicht zu erwarten. Es gibt immerhin zu Anfang und am Ende des f\u00fcnfeinhalbst\u00fcndigen Abends einige biographische Informationen \u00fcber Figur und Wirkung von Moli\u00e8re. Dann folgt ein <a>breiter Assoziations-Kosmos ohne roten Faden<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Da zankt Moli\u00e8re witzig-fiktiv mit seinem Ensemble und kriegt Contra von den Frauen, Madeleine, Mitgr\u00fcnderin der Schauspieltruppe und Amande, seiner Ehefrau. Oder. Das von der Kirche verbotene St\u00fcck \u201eTartuffe\u201c gibt Anlass an den ebenfalls zensierten russischen Dichter Michail Bulgakow zu erinnern und den im sowjetischen Gulag ermordeten Regisseur Meyerhold. Das St\u00fcck \u201eDer B\u00fcrger als Edelmann\u201c bietet Gelegenheit einen komischen Blick auf Menschen zu werfen, die in h\u00f6here Kreise aufsteigen wollen durch Unterricht im eloquenten Sprechen, in Philosophie, Fechten oder Tanz.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/4097_moliere3_1915m.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"675\" src=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/4097_moliere3_1915m-1024x675.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2550\" srcset=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/4097_moliere3_1915m-1024x675.jpg 1024w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/4097_moliere3_1915m-300x198.jpg 300w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/4097_moliere3_1915m-768x506.jpg 768w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/4097_moliere3_1915m-1536x1012.jpg 1536w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/4097_moliere3_1915m.jpg 1800w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Lola Klamroth, Alexander Angeletta, Jeanne Balibar &#8211; Foto: Thomas Aurin<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Die Live-Kamera leuchtet beeindruckend in geheime Orte, eine feudale Badewanne oder ein festliches Esszimmer. Manchmal macht sich das Ensemble vor der Kamera einen Jux, etwa wenn es den Song \u201eLola\u201c von den Kinks schmettert. Ganz ohne Bezug zu Moli\u00e8re monologisiert das japanisch-st\u00e4mmige Ensemblemitglied Kei Muramoto ausf\u00fchrlich \u00fcber Japan und den Butoh-Tanz, dazu laufen amerikanische Filmbilder vom Abwurf der Atombombe auf Hiroshima.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/4103_moliere3_5129m-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"677\" src=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/4103_moliere3_5129m-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2555\" srcset=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/4103_moliere3_5129m-1.jpg 1024w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/4103_moliere3_5129m-1-300x198.jpg 300w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/4103_moliere3_5129m-1-768x508.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption><br>Vorne: Kei Muramoto, Jeanne Balibar &#8211; Foto: Thomas Aurin<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das K\u00f6lner Ensemble zeigt gro\u00dfe Spiellaune. Im Castorf-Stil, der Naturalismus oder Fernseh-Realismus vermeiden will, geben dabei vor allem die M\u00e4nner viel Druck und Lautst\u00e4rke in die Texte. Diese schreiende Sprechart macht die franz\u00f6sische Gast-Schauspielerin Jeanne Balibar nicht mit. Sie spricht angenehm besonnen, spielt mutig, auch nackt, tanzt und singt sehens- und h\u00f6renswert. Mit hervorragendem Deutsch ist die aparte Spielerin der leuchtende Stern, der Star dieser Auff\u00fchrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das St\u00fcck \u201eMoli\u00e8re\u201c ist weniger provokant und politisch als fr\u00fchere Castorf-Abende, aber durchaus abwechslungsreich. Das hilft dar\u00fcber hinweg, dass der f\u00fcnfeinhalbst\u00fcndige Abend im Grunde eine Zumutung ist, zu lang und zu selbstverliebt. Aber die Herausforderung lohnt sich. Die Auff\u00fchrung bietet \u00fcberraschende Ideen, grandiose Bilder und ist auf jeden Fall ein Erlebnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Die n\u00e4chsten Vorstellungen: 28.1.; 4.2. jeweils um 18.00 Uhr, 6.2.2022 um 16.00 Uhr. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Link zur Webseite: <a href=\"http:\/\/www.schauspiel.koeln\/\">www.schauspiel.koeln<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Burkert Seit gut vier Jahren ist Frank Castorf nicht mehr Intendant der Berliner Volksb\u00fchne (1992 bis 2017). Seitdem tingelt er als gern gesehener und viel besch\u00e4ftigter Gastregisseur an vielen deutschsprachigen B\u00fchnen: Hamburg, Wien, Berlin, M\u00fcnchen. Zum dritten Mal in den letzten drei Jahren inszeniert er jetzt am K\u00f6lner Schauspielhaus. 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