{"id":2561,"date":"2022-02-01T12:44:39","date_gmt":"2022-02-01T10:44:39","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=2561"},"modified":"2022-02-01T15:14:05","modified_gmt":"2022-02-01T13:14:05","slug":"martin-burkert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=2561","title":{"rendered":"<strong><u>Vaudeville der Insiderscherze<\/u><\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>\u201eThe Head in the Door oder das Vaudeville der Verzweiflung\u201c.<\/strong> Neues St\u00fcck von Milan Peschel und Ensemble am Schauspiel Dortmund. Urauff\u00fchrung am 29.1.2022 im Schauspielhaus Dortmund<\/p>\n\n\n\n<p>Milan Peschel kennt man als Schauspieler an der Berliner Volksb\u00fchne und aus vielen Film- und Fernsehrollen. Er spielte u.a. im \u201eTatort\u201c und \u201eTatortreiniger\u201c, in \u201eAltes Land\u201c und \u201eJim Knopf und die wilde Dreizehn\u201c. F\u00fcr seine Hauptrolle in dem Kino-Drama \u201eHalt auf freier Strecke\u201c (2011) wurde er mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Seit einigen Jahren inszeniert er an verschiedenen Theatern, jetzt zum zweiten Mal am Schauspiel Dortmund. Mit dem Ensemble und vielen Fremdtexten hat er ein St\u00fcck entwickelt mit dem r\u00e4tselhaften Titel: \u201eThe Head In The Door oder das Vaudeville der Verzweiflung\u201c.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Head-Foto-Hupfeld-2885.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"559\" src=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Head-Foto-Hupfeld-2885-1024x559.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2564\" srcset=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Head-Foto-Hupfeld-2885-1024x559.png 1024w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Head-Foto-Hupfeld-2885-300x164.png 300w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Head-Foto-Hupfeld-2885-768x419.png 768w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Head-Foto-Hupfeld-2885.png 1086w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Ensemble &#8211; Foto Birgit Hupfeld<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Den Titel erkl\u00e4rt und kl\u00e4rt die Vorstellung nicht. \u201eEin Kopf in der T\u00fcr\u201c ist ein beliebtes Motiv aus dem Boulevardtheater oder bei Sketschen. Einer guckt durch die T\u00fcr, sieht etwas, das er nicht sehen soll und l\u00f6st Verwicklungen und Komik aus. Solche Sp\u00e4\u00dfe liebte auch das Vaudeville, eine Kunstform, die im sp\u00e4ten 19., Anfang 20. Jahrhundert in Jahrmarktbuden, besonders in den USA, gepflegt wurde. Es waren kurze Solo-Nummern, Songs, Mini-Kom\u00f6dien. Die Kunstform ging sp\u00e4ter in den Stummfilm ein und wir kennen einige K\u00fcnstler der Gattung, etwa Buster Keaton, Charlie Chaplin, Laurel und Hardy. An diese Kunstform will Peschel ankn\u00fcpfen. Dabei soll der Untertitel \u201eVaudeville der Verzweiflung\u201c darauf hindeuten, dass in der Komik auch die Tragik steckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt keine Geschichte und keinen roten Faden. Die Grundsituation ist die Theaterb\u00fchne. Hier versammelt sich ein bunt kost\u00fcmiertes V\u00f6lkchen mit Zirkusuniformen oder im Charlie Chaplin Look. Es sind K\u00fcnstler mit Versagens\u00e4ngsten und sie haben offenbar kein Geld um die Miete zu bezahlen. So ziehen ins Theater und schlafen dort auch. Mit l\u00e4chelndem Zynismus laden sie die Zuschauer ein: \u201eWir k\u00f6nnen ja gemeinsam mit euch Zuschauern schlafen. Ihr d\u00fcrft nur nicht den Saal verlassen.\u201c Die Gefahr, dass man sich als Publikum langweilt, besteht allerdings. Die Texte sind redundant, wiederholen sich \u00fcbertrieben oft. Immer wieder kreisen die Gespr\u00e4che um Insiderthemen. Da geht es um Versagens\u00e4ngste, wie die Darsteller diese oder jene Rolle anlegen oder in welchen unbedeutenden Filmen sie unbedeutende Rollen gespielt haben. Emp\u00f6rt zanken sie, wenn einer dem anderen seinen Text wegnimmt. Dahinter steckt die Idee, Stillstand darzustellen und f\u00fcr Langsamkeit zu werben gegen das kapitalistische Leistungsdenken. Leider sind die von Peschel ausgew\u00e4hlten Texte dazu wenig treffend und er walzt jeden Gedanken und jede Idee zu oft hin- und her.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Head-Foto-Hupfeld-4437_1-1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"559\" src=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Head-Foto-Hupfeld-4437_1-1-1024x559.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2569\" srcset=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Head-Foto-Hupfeld-4437_1-1-1024x559.png 1024w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Head-Foto-Hupfeld-4437_1-1-300x164.png 300w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Head-Foto-Hupfeld-4437_1-1-768x419.png 768w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Head-Foto-Hupfeld-4437_1-1.png 1086w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Foto: Birgit Hupfeld<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Eine bedeutende Rolle spielt die Drehb\u00fchne. Sie hat etwas von Kirmes in der Provinz und M\u00f6chtegern-Glanz. Naiv gemalte Spielorte zeigen Rokoko-Zimmer, den Wilden Westen, eine Wolke aus der k\u00fcnstlicher Regen f\u00e4llt, der wie Lametta aussieht. Die Drehb\u00fchne wird h\u00e4ufig in Gang gesetzt und das Ensemble rennt dann durch das Innere der Aufbauten voller illusionsfreier Balken, Klappen, und T\u00fcren aus Sperrholz. Auch dieses Mittel wird zu oft eingesetzt und l\u00e4uft sich tot.<\/p>\n\n\n\n<p>Milan Peschel ist als Texter und als Regisseur nicht viel eingefallen. Das Spiel ist statisch, es wird haupts\u00e4chlich geredet, Slapstick oder Choreographie sind viel zu selten eingesetzt. Musikst\u00fccke werden lediglich eingespielt, keiner darf singen. Da wird viel an theatralen, auch inhaltlichen Wirkungsm\u00f6glichkeiten verschenkt. Vaudeville war unterhaltsamer und hatte mehr Gehalt, denkt man etwa an Charlie Chaplin, der aus Hunger seinen Schuh isst.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Head-Foto-Hupfeld-2938.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"900\" height=\"584\" src=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Head-Foto-Hupfeld-2938.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2570\" srcset=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Head-Foto-Hupfeld-2938.png 900w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Head-Foto-Hupfeld-2938-300x195.png 300w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Head-Foto-Hupfeld-2938-768x498.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><figcaption>Foto: Birgit Hupfeld<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Die Schauspielerinnen und Schauspieler geben ihr Bestes. Sie zeigen durchaus Spielfreude, insbesondere wenn es um Insiderscherze geht. Am Ensemble liegt es nur teilweise, wenn der Abend mit wenig Gehalt und \u00e4sthetisch simpel verl\u00e4uft. Sie k\u00f6nnen wenig oder d\u00fcrfen es nicht zeigen. Kleine akrobatische Kunstst\u00fccke fehlen, singen darf keiner, der Schauspieler Linus Ebner kann immerhin mit drei B\u00e4llen jonglieren aus der er eine sehenswerte tragikomische Nummer entwickelt. Sein gesellschaftliches Engagement gegen Rassismus, f\u00fcr den Klimaschutz, so demonstriert er, wird stets dem Leistungsprinzip unterworfen, weil alle meinen, er m\u00fcsste doch mit vier, f\u00fcnf oder zehn B\u00e4llen jonglieren k\u00f6nnen. Hier n\u00e4hert sich die Auff\u00fchrung mal dem Titel \u00fcber das Vaudeville der Verzweiflung.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Sowohl von der Zusammenstellung als auch von der Regie dominiert das Theaterthema. Es ist kein Vaudeville der komischen Verzweiflung, eher ein Vaudeville der m\u00fchsamen Insiderscherze.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>Martin Burkert<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eThe Head in the Door oder das Vaudeville der Verzweiflung\u201c.<\/strong> von Milan Peschel und Ensemble<\/p>\n\n\n\n<p>Regie: Milan Peschel<\/p>\n\n\n\n<p>B\u00fchnenbild: Magdalena Musial hat das B\u00fchnenbild entworfen, Kost\u00fcme: Nicole Timm<\/p>\n\n\n\n<p>Dramaturgie Sabine Reich.<\/p>\n\n\n\n<p>Fotos: Birgit Hupfeld<\/p>\n\n\n\n<p>Ensemble: Anton Andreew, Alexander Darkow, Linus Ebner, Bettina Engelhardt, Ekkehard Freye, Marlena Keil und Nika Mi\u0161kovi\u0107.<\/p>\n\n\n\n<p>Premiere: 29.1.2022, weitere Vorstellungen: 2.2.; 3.2.; 18.2.; 19.2.2022 jeweils um 19.30 Uhr im Schauspielhaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Auff\u00fchrungsort: Dortmunder Schauspielhaus, Theaterkarree 1-3, 44137 Dortmund. Theaterkasse: 0231-50-25547<\/p>\n\n\n\n<p>Link zur Website: <a href=\"http:\/\/www.theaterdo.de\/\">www.theaterdo.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eThe Head in the Door oder das Vaudeville der Verzweiflung\u201c. Neues St\u00fcck von Milan Peschel und Ensemble am Schauspiel Dortmund. Urauff\u00fchrung am 29.1.2022 im Schauspielhaus Dortmund Milan Peschel kennt man als Schauspieler an der Berliner Volksb\u00fchne und aus vielen Film- und Fernsehrollen. 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