{"id":2575,"date":"2022-02-19T10:09:47","date_gmt":"2022-02-19T08:09:47","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=2575"},"modified":"2022-02-21T06:29:20","modified_gmt":"2022-02-21T04:29:20","slug":"hoelle-und-paradies","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=2575","title":{"rendered":"H\u00f6lle und Paradies"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Abdulrazak Gurnahs &#8222;Paradise&#8220; &#8211; erkenntnisstiftend und bewu\u00dftseinsver\u00e4ndernd<\/p>\n\n\n\n<p>Als das Nobelkomitee im letzten Jahr Abdulrazak Gurnah mit dem Literaturpreis auszeichnete, murmelten eurozentristische Beobachter*innen: da wird jemand bedacht, um Diversit\u00e4t vorzut\u00e4uschen, &nbsp;&nbsp;diese Weltgegend &#8211; Afrika, S\u00fcden, indische Bez\u00fcge &#8211; wurden bislang stiefm\u00fctterlich behandelt. Da spielt Qualit\u00e4t eine untergeordnete Rolle &#8211; positiver Rassismus: Werch ein Illtum!<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-full\"><a href=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/290px-AbulrazakGurnahHebronPanel_cropped.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"290\" height=\"232\" src=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/290px-AbulrazakGurnahHebronPanel_cropped.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2576\"\/><\/a><figcaption>Abdulrazal Gurnah (2009)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Wer ist Abdulrazal Gurnah? Er wurde 1948 in Sansibar geboren, lehrte an verschiedenen Universit\u00e4ten, zuletzt in Kent englische und postkoloniale Literatur und hat eine erkleckliche Zahl von &nbsp;Romanen vorgelegt. Schon &#8222;Paradise&#8220; beweist: das Nobelkomitee&nbsp; hat ihn zu Recht ausgezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Gurnah erz\u00e4hlt die Geschichte von Yusuf &#8211; er w\u00e4hlt die Beziehung zu dem Namensvetter aus dem Alten Testament mit Bedacht. Wie Josef sieht Yusuf nicht nur gut aus, er ist ausgesprochen sch\u00f6n. Deshalb erregt er schon als Junge die Aufmerksamkeit des Herrn, eines reichen und einflussreichen Kaufmanns, der ihn seiner Familie, die bei ihm verschuldet ist, abnimmt. Yusuf wird Sklave, um die Schulden seines Vaters&nbsp; zu prolongieren. (Die Handlung spielt im letzten Jahrhundert!)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Junge ist nicht nur sch\u00f6n, sondern, wie sein Namensvetter, auch klug. Er w\u00e4chst heran, lernt Kaufmann und wird als junger Mann auf eine abenteuerliche Gesch\u00e4ftsreise ins Innere Afrikas mitgenommen. Die Karawane erregt mit ihren wertvollen G\u00fctern die Gier eines afrikanischen Stammmesf\u00fcrsten, der die Karawanenm\u00e4nner gefangen nimmt, misshandelt und dem Herrn seinen Besitz raubt. Deutsche Kolonialtruppen retten den Kaufmann und sein Gefolge, die unter uns\u00e4glichen M\u00fchen und Plagen den Weg zur\u00fcck finden &#8211; der Profit ist geschm\u00e4lert, mutma\u00dflich ist die Karawane sogar ein finanzieller Fehlschlag.<\/p>\n\n\n\n<p>Potiphars Weib wird in &#8222;Paradise&#8220; von der Gattin des reichen Kaufmanns vertreten &#8211; sie leidet unter einer r\u00e4tselhaften Krankheit. Als ihr Mann zu einer neuen Reise aufbricht, befielt sie Yusuf zu sich und bittet ihn, sie zu heilen. Gurnah deutet mit &nbsp;&nbsp;bestrickender Diskretion eine erotische Beziehung an, die die Krankhaftigkeit des isolierten Lebens im luxuri\u00f6sen Haus einer muslimischen Dame der besten Gesellschaft pr\u00e4gt. Der Kaufmann hat sie ihres Verm\u00f6gens wegen geheiratet und sp\u00e4ter, um seine erotischen Bed\u00fcrfnisse zu stillen, eine weitere, j\u00fcngere, attraktivere Frau geehelicht. Als er von den verbotenen Beziehungen von Yusuf zu seiner ersten Frau erf\u00e4hrt, verzeiht er milde l\u00e4chelnd. Er wei\u00df, dass seine Frau unter einer schweren Neurose leidet.<\/p>\n\n\n\n<p>Yusuf erkennt, dass er in einem Netz gefangen ist, Sklave seines Herrn. Als die Askaris kommen, afrikanische S\u00f6ldner unter deutscher F\u00fchrung, und willk\u00fcrlich M\u00e4nner festnehmen, um sie zum Dienst f\u00fcr einen bevorstehenden Krieg zu pressen, rei\u00dft Yusuf sich los und eilt den abziehenden Soldaten hinterher. Dieses Ende ist nicht gut &#8211; Yusuf vertauscht seine alten mit neuen Banden.<\/p>\n\n\n\n<p>Gurnah zeichnet das Leben in Afrika detailreich &#8211; seine Tendenz ist haarstr\u00e4ubend. Die afrikanischen Herrscher zeichnet er &#8211; leider \u00fcberzeugend &#8211; als Tyrannen, ihre Willk\u00fcr ist blutig, ihre Triebfeder keinen Deut besser als die der Kolonialherren: Gier. Die Yusufs des gro\u00dfen schwarzen Kontinents, so klug und sch\u00f6n sie sind, kennen und weisen keinen Ausweg. <em>Pire<\/em>: Rassismus ist kein Privileg blau\u00e4ugigblonder wei\u00dfer M\u00e4nner&amp;Frauen, in Gurnas Afrika glauben die Araber fest, sie seien den Afrikanern \u00fcberlegen, Pigmente grundieren nur eine von vielen Spielarten des Rassend\u00fcnkels&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Paradise&#8220; &#8211; den Titel k\u00f6nnte der &nbsp;Nobelpreistr\u00e4ger 2021 nicht sarkastischer gew\u00e4hlt haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Ulrich Fischer<\/p>\n\n\n\n<p>Abdularazak Gurnah: <em>Paradise<\/em>. London 2004 (Bloomsbury),&nbsp; 247 S., 9,99 GBP<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abdulrazak Gurnahs &#8222;Paradise&#8220; &#8211; erkenntnisstiftend und bewu\u00dftseinsver\u00e4ndernd Als das Nobelkomitee im letzten Jahr Abdulrazak Gurnah mit dem Literaturpreis auszeichnete, murmelten eurozentristische Beobachter*innen: da wird jemand bedacht, um Diversit\u00e4t vorzut\u00e4uschen, &nbsp;&nbsp;diese Weltgegend &#8211; Afrika, S\u00fcden, indische Bez\u00fcge &#8211; wurden bislang stiefm\u00fctterlich behandelt. Da spielt Qualit\u00e4t eine untergeordnete Rolle &#8211; positiver Rassismus: Werch ein Illtum! Wer ist &#8230; <a title=\"H\u00f6lle und Paradies\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=2575\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber H\u00f6lle und Paradies\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-2575","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2575","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2575"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2575\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2581,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2575\/revisions\/2581"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2575"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2575"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2575"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}