{"id":2590,"date":"2022-03-19T20:02:29","date_gmt":"2022-03-19T18:02:29","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=2590"},"modified":"2022-03-19T20:04:05","modified_gmt":"2022-03-19T18:04:05","slug":"ueber-terror-tod","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=2590","title":{"rendered":"\u00dcber Terror &#038; Tod"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Michel<\/strong> <strong>Houellebecqs &#8222;Vernichten&#8220; &#8211; (k)ein Schwanengesang?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Michel Houellebecqs neuer Roman &#8222;Vernichten&#8220; spielt im Frankreich der nahen Zukunft und dreht sich um Terror &amp; Tod. Im Mittelpunkt steht Paul, Freund und Berater eines hochrangigen franz\u00f6sischen Ministers, der auf dem Sprung ist, als Pr\u00e4sidentschaftskandidat nominiert zu werden. Er wird von Terroristen bedroht, sie ver\u00f6ffentlichen im Internet ein Video, in dem der Minister gek\u00f6pft wird &#8211; wie sich das in Frankreich auch bei derartigen Fakenews geh\u00f6rt per Guillotine.<\/p>\n\n\n\n<p>Houellebecq schildert die Verfolgung der Terroristen &#8211; sie ist vergeblich. Dieser Strang des Romans zeigt, dass die Propagandisten des Schreckens mutma\u00dflich alleinstehende Wirrk\u00f6pfe sind &#8211; und Houellebecq prophezeit, dass niemand &nbsp;ihnen &nbsp;&nbsp;auf die Spur kommen kann. Sie sind isoliert, gef\u00e4hrlich, t\u00f6dlich &#8211; trotz aller Anstrengung wird man mit ihnen leben m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/HOUELLEBECQ_1_c-Philippe-Matsas_CMYK.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/HOUELLEBECQ_1_c-Philippe-Matsas_CMYK-924x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2591\" width=\"565\" height=\"625\" srcset=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/HOUELLEBECQ_1_c-Philippe-Matsas_CMYK-924x1024.jpg 924w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/HOUELLEBECQ_1_c-Philippe-Matsas_CMYK-271x300.jpg 271w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/HOUELLEBECQ_1_c-Philippe-Matsas_CMYK-768x851.jpg 768w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/HOUELLEBECQ_1_c-Philippe-Matsas_CMYK.jpg 1083w\" sizes=\"auto, (max-width: 565px) 100vw, 565px\" \/><\/a><figcaption>Michel Houellebecq &#8211; Foto: Philippe Metsas<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Der zweite Strang besch\u00e4ftigt sich mit einem anderen Terror &#8211; dem des Lebens und des Todes. Paul erkrankt an Mundkrebs &#8211; und k\u00e4mpft darum, sich nicht operieren zu lassen. Er wehrt sich vehement, Kinn und Zunge wegschneiden zu lassen, auch, wenn eine solche Operation sein Leben verl\u00e4ngern k\u00f6nnte. Chemotherapie hilft, aber schw\u00e4cht &#8211; der Tod kommt n\u00e4her. Houellebecq hat sorgf\u00e4ltig recherchiert, breitet wichtige Details aus &#8211; und verbindet die Leidens- mit einer Liebesgeschichte. Paul hatte sich von seiner Frau getrennt, aber sie kommen wieder zusammen. Seine Frau h\u00e4lt zu ihm. Eine zu Herzen gehende Geschichte, ganz Un- Houellebecqsch, die dann aber auch einen weiteren Aspekt er\u00f6ffnet, der wieder an den alten Pornographen erinnert. Es ist eine der St\u00e4rken dieses so umstrittenen Autors, \u00fcber die Gen\u00fcsse des Fleisches so offen zu schreiben, wie es wohl niemand vor ihm gewagt hat. Wo findet sich eine einf\u00fchlsamere Beschreibung der Wonnen, wenn Zunge und Lippen einer kundigen Frau die Eichel eines aufs \u00e4u\u00dferste eregierten Gliedes umschmeicheln und reizen, als bei H.? Diese K\u00fchnheit wirkt mitrei\u00dfend &#8211; in &#8222;Vernichten&#8220; allerdings nicht. Denn je schw\u00e4cher Paul wird, je weiter er sich dem Grab n\u00e4hert, desto empfindlicher wird sein &#8222;Schwanz&#8220;, verbunden mit einer geradezu unersch\u00f6pflichen Erektionsf\u00e4higkeit. Houellebecq erz\u00e4hlt auf vielen Seiten, wie Paul&nbsp; einen Steifen bekommt; seine Frau nimmt ihn in den Mund, dass es nur so spritzt. Sch\u00f6n zu lesen &#8211; aber doch (leiderleider) unwahrscheinlich&nbsp; &#8211; und einf\u00fchlsam \u00fcbersetzt von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek.<\/p>\n\n\n\n<p>Michel Houellebecq entwirft dazu eine passende commode Religion, als wolle er sich mit dem Tod vers\u00f6hnen. Dazu passt. dass er in seiner Danksagung am Schluss, mit dem allerletzten Satz mitteilt: &#8222;&#8230; f\u00fcr mich ist es Zeit aufzuh\u00f6ren.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Das klingt, als solle &#8222;Vernichten&#8220; Houellebecqs Schwan(z)engesang sein &#8211; &nbsp;&nbsp;dazu passt &nbsp;&nbsp;das Thema Tod, das er zu stark verzuckert. Hoffen wir, dass uns alle die Erde leicht werde &#8211; und Houellebecq sich eines besseren besinnt: weiter schreibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Ulrich Fischer<\/p>\n\n\n\n<p>Michel Houellebecq: <em>Vernichten<\/em>. Deutsch von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek. DuMont 2022,&nbsp; 621 S., 28,00 \u20ac.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michel Houellebecqs &#8222;Vernichten&#8220; &#8211; (k)ein Schwanengesang? 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