{"id":2988,"date":"2025-04-12T09:40:14","date_gmt":"2025-04-12T07:40:14","guid":{"rendered":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=2988"},"modified":"2025-04-16T17:32:28","modified_gmt":"2025-04-16T15:32:28","slug":"summa-summarum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=2988","title":{"rendered":"Summa Summarum"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Christoph Heins neuer Roman &#8222;Das Narrenschiff&#8220;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das Narrenschiff&#8220; wiegt als Titel in der deutschen Literaturgeschichte schwer. Sebastian Brant hat 1494 seine Satire \u00fcber Deutschland &#8222;Narrenschiff&#8220; genannt &#8211; und Narren, das waren (wir) alle. Christoph Hein kn\u00fcpft nicht nur an den Titel an, auch sein Roman hat satirische Z\u00fcge &#8211; sein Narrenschiff ist die DDR:<\/p>\n\n\n\n<p>Der zeitliche Rahmen umfasst \u00fcber vierzig Jahre und beginnt mit dem R\u00fcckflug kommunistischer deutscher Exilanten von Moskau nach Berlin 1945. Sie \u00fcbernehmen die politische F\u00fchrung unter der Vormundschaft der Sowjetunion in Deutschlands Osten und bekommen nach und nach Profil. Christoph Hein schildert frei erfundene Figuren, aber er l\u00e4sst auch historische Pers\u00f6nlichkeiten auftreten. Hier wird Heins intime Kenntnis der DDR als eine der St\u00e4rken des Romans kenntlich: bei Hein wird z. B.  Walter Ulbricht nicht in eine einfache antikommunistische Schublade gesteckt,  Hein betont dessen Engagement f\u00fcr einen unbeschnittenen Osten Deutschlands &#8211; Schlesien, Pommern; Ulbricht scheiterte, die Sowjets entschieden, diese L\u00e4nder  Polen zuzuschlagen. Mit Ulbrichts Plaidoyer f\u00fcr Schlesien und Pommern\u00a0 einher geht der Hinweis, dass ein kleiner Osten als Staat kaum lebensf\u00e4hig sein w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies ist der Generalbass des Romans, die Frage: Warum&nbsp; scheiterte die DDR?<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-rounded\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/OSK.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"224\" height=\"200\" src=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/OSK.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2989\" style=\"width:428px;height:auto\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Ein besonders \u00fcberzeugender Argumentations-Strang gelingt Hein mit\u00a0einem Mitglied des Politb\u00fcros: er ist der einzige Intellektuelle\u00a0 (und also isoliert) \u00a0in dem f\u00fchrenden Gremium, ein \u00d6konom. Die anderen haben ihn zwar in ihre Gruppe aufgenommen, aber dulden ihn nur, er dient ihnen als ihr Feigenblatt, sie sind nackt, Doktrin\u00e4re ohne Wissenschaft, halten den Finger in den Wind, um zu erfahren, wohin sie sich wenden sollen. Diese Orientierungslosigkeit, dieser Mangel an Grundlagenwissen ist einer der Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr den Untergang, folgt man Hein &#8211; \u00a0\u00a0seine Argumentation wirkt \u00fcberzeugend.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Stalinismus und dessen \u00dcberwindung &#8211; das sind starke Episoden des Romans: deutschen Opportunismus in seinen Spielarten schildert Hein so virtuos, dass es eine Lust ist. Wobei Hein sich nie \u00fcberhebt, sondern unter Hinweis auf den stalinschen Terror erkl\u00e4rt, warum so viele Kommunisten widerspruchslos gehorchen. Wie Revolution\u00e4re zu&nbsp;&nbsp; Schafen regredieren, die brav bl\u00f6kend dem Gro\u00dfen&nbsp; Sch\u00e4fer folgten, das ist auch eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr den Nieder- und Untergang, die Hein bedr\u00fcckend detailliert und \u00fcberzeugend schildert.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende kommt die Wende; die meisten Figuren werden sogar noch um ihr k\u00e4rgliches Erbe betrogen &#8211; die Niederschriften des Grundbuchs erweisen sich st\u00e4rker als die neubegr\u00fcndete Tradition &#8211; die folgenlos bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine traurige Bilanz, ein gro\u00dfartiges Buch; der Verlust hochfliegender Hoffnungen und der Hinweis auf eine langanhaltende Tradition deutscher Literatur und Politik &#8211; ein Narrenschiff.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p>P.S. Ein paar Korinthen, die das Gesamtpr\u00e4dikat &#8222;gro\u00dfartig&#8220; nicht wirklich beeintr\u00e4chtigen k\u00f6nnen und sollen: Es gibt Schwerf\u00e4lligkeiten im Stil: mitunter Imperfekt, wo Perfekt n\u00e4her gelegen h\u00e4tte; mehrfach verwendet Hein die in letzter Zeit wieder in Mode gekommene Wendung &#8222;geschuldet&#8220; &#8211; wo er &nbsp;&nbsp;ungebl\u00e4hter formulieren k\u00f6nnte, es geht eigentlich um Ursachen, hat nix mit &#8222;Schuld&#8220; zu tun (Marx hat \u00fcbrigens den Ausdruck auch mehrfach benutzt, ebenso unpassend). Einmal hab ich gemeint, ein Komparativ w\u00e4re geschmeidiger gewesen. &nbsp;Das sind Korinthen, die aber weniger Christoph Hein angelastet werden sollten als seinem Lektor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><sup>*<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Korinthen stehen indes nicht allein oder isoliert. Mitunter hatte ich bei der ersten Lekt\u00fcre den Eindruck, eine Beschreibung stehe im Widerspruch zu einer anderen &nbsp;&nbsp;oder eine Mitteilung k\u00e4me zweimal vor, Doppelungen, Redundanzen. Das f\u00fchrte mich zu einer abenteuerlichen Vermutung: Christoph Hein hat sein Buch aus einzelnen Kapiteln zusammengestellt, sie (chronologisch) hintereinander gef\u00fcgt (gehauen), dann aber den letzten Schritt vergessen oder aus anderen Gr\u00fcnden unterlassen, so dass er letztendlich keine Widerspruchsfreiheit hergestellt hat. Das kann passieren (zumal er Jg. 44 ist, also nicht mehr der J\u00fcngste) oder Absicht sein, letzteres z.B. um darauf hinzuweisen, wie unzuverl\u00e4ssig die Erinnerung ist.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich ist aber eine andere M\u00f6glichkeit plausibler, ein Hinweis auf das Werk Christoph Heins &#8211; er hat sich nicht ausschlie\u00dflich mit deutscher Geschichte besch\u00e4ftigt &#8211; aber dies ist doch der Schwerpunkt seiner Arbeit. Und so erscheint <em>Das Narrenschiff<\/em> eine Kompilation, ein Zusammenf\u00fcgen von Heins gesamter (Lebens)Arbeit. In\u00a0Jahren, in denen die Arbeitsf\u00e4higkeit sich vermindert, zieht Hein Bilanz. Und die Episoden f\u00fcgen sich &#8211; kleine Unebenheiten sind unerheblich.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr uns &nbsp;&nbsp;ist die Bilanz unerfreulich (- eher als f\u00fcr ihn): wir sind hinter unseren M\u00f6glichkeiten zur\u00fcck geblieben (er kaum) &#8211; hinter unseren Tr\u00e4umen weit. Es ist gut, sich dar\u00fcber klar zu werden und sich nicht zu t\u00e4uschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer redlich ist, m\u00fcsste sich jetzt entschlie\u00dfen, neu anzufangen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Christoph Hein: <em>Das Narrenschiff<\/em>. &nbsp;Suhrkamp 2025.&nbsp; 750 S.; 28,00 \u20ac.<\/h2>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Heins neuer Roman &#8222;Das Narrenschiff&#8220; &#8222;Das Narrenschiff&#8220; wiegt als Titel in der deutschen Literaturgeschichte schwer. Sebastian Brant hat 1494 seine Satire \u00fcber Deutschland &#8222;Narrenschiff&#8220; genannt &#8211; und Narren, das waren (wir) alle. 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