{"id":356,"date":"2015-09-13T13:53:41","date_gmt":"2015-09-13T11:53:41","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=356"},"modified":"2019-06-02T20:32:01","modified_gmt":"2019-06-02T18:32:01","slug":"sozialistischer-realismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=356","title":{"rendered":"Sozialistischer Realismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8222;Rheingold&#8220; bei der Ruhrtriennale in Bochums Jahrhunderthalle<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>BOCHUM. Wagners &#8222;Ring&#8220; ist vieldeutig. Johan Simons schlie\u00dft sich bei seiner Neuinszenierung vom &#8222;Rheingold&#8220; der von George Bernard Shaw begr\u00fcndeten marxistischen, gesellschaftskritischen Interpretationsschule an. Simons, zur Zeit Intendant der Ruhrtriennale, deutet Wagner geistreich und witzig, vor allem aber engagiert, weil er im &#8222;Rheingold&#8220; mehr als nur Spuren der Geschichte vom Ruhrpott sucht &#8211; und findet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Oben und unten<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Simons inszeniert souver\u00e4n holzschnittartig. Unten flie\u00dft der Rhein, Ort f\u00fcr die einfachen Geister, die Bergleuten \u00e4hneln (B\u00fchnenbild: Bettina Pommer); oben wohnen die G\u00f6tter, sie tragen Frack oder Abendkleid (Kost\u00fcme: Teresa Vergho). In der Mitte, und der Gedanke bew\u00e4hrt sich, sitzen die Musiker, das Orchester MusicAeterna, ein russisches Ensemble aus Perm. Ihr Leiter, Teodor Currentzis, ist ein geradezu unheimlich koboldhaft-beweglicher Dirigent; er schwingt mit dem ganzen, geschmeidigen, jungenhaften K\u00f6rper, ja er tanzt, springt in die Luft, macht die Partitur sichtbar. Das Orchester geht mit, bei Fortissimi erheben sich die Musiker, damit sie sich besser ins Zeug legen k\u00f6nnen \u2013 mitrei\u00dfend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Ensemble singt makellos \u2013 aber die Artikulation l\u00e4sst zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. Klugerweise wird der Text auf Leinw\u00e4nde projiziert, so dass man die Dialoge lesen kann. Das \u00e4ndert nat\u00fcrlich nichts an Wagners verquaster, schwer verst\u00e4ndlicher Sprache. Spielen kann keiner der S\u00e4nger, das alte Lied: sie brauchen zu viel Kraft f\u00fcr den Gesang, da bleibt nur das abgebrauchte Bewegungsvokabular. Macht nichts, sagt sich Regisseur Simons \u2013 ihm geht es nicht darum, dass die Figuren lebensecht scheinen \u2013 er l\u00e4sst episch spielen wie in Brechts Theater, die S\u00e4nger deuten an, den Rest kann sich jeder selber denken. Wichtig ist der Gegensatz von G\u00f6ttern und minderen Geistern \u2013 er wird hier als Klassengegensatz gedeutet, ganz einfach \u2013 nie simpel. Kapital und Arbeit, ein noch l\u00e4ngst nicht abgeschlossenes Kapitel im Ruhrgebiet, einst des Reiches Waffenschmiede.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Flammender Appell<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Also eine gute, durchschnittliche Inszenierung \u2013 wenn es nicht eine Unterbrechung gegeben h\u00e4tte, besser: einen Unterbruch. In der Szene in der unterirdischen Kluft, ziemlich in der Mitte, tritt eine Figur auf, die Wagner f\u00fcrs Rheingold gar nicht vorgesehen hat, ein Diener. Hier wird der servile Mann zum Revolution\u00e4r (z\u00fcndendz\u00fcndelnd, excellent: Stefan Hunstein) \u2013 die Collage, die er ins Publikum br\u00fcllt, hat es in sich. Eines der wichtigsten Elemente ist ein Originaltext von Richard Wagner selbst. In seiner Kampfschrift \u201eDie Revolution\u201c notierte der Komponist: \u201eZerst\u00f6ren will ich die bestehende Ordnung der Dinge, welche die einige Menschheit in feindliche V\u00f6lker, in M\u00e4chtige und Schwache, in Berechtigte und Rechtlose, in Reiche und Arme theilt, denn sie macht aus allen nur Ungl\u00fcckliche. Zerst\u00f6ren will ich die Ordnung der Dinge, die Millionen zu Sclaven von Wenigen, und diese Wenigen zu Sclaven ihrer eigenen Macht, ihres eigenen Reichthumes macht.\u201c \u2013 \u201eBezahlt wird nicht\u201c, hei\u00dft es in der Collage sp\u00e4ter, eine Anspielung auf eine revolution\u00e4re Farce von Nobelpreistr\u00e4ger Dario Fo \u2013 und so weiter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wagner w\u00fcnschte sich, dass am Ende seiner Oper die Leute Feuer legten, dass sein Theater der z\u00fcndende Funke zur Umw\u00e4lzung w\u00e4re \u2013 und das unterst\u00fctzt Johan Simons, gerade mit diesem Riesenextempore, das musikalisch noch verst\u00e4rkt wurde von Musikern, die mit H\u00e4mmern auf Ambosse hieben. Fafner stand vorn, mit Riesenh\u00e4mmern und einem gigantischen Amboss \u2013 das war sozialistischer Realismus pur. Wenn unser starker Arm es will \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie w\u00fcrde das Publikum reagieren? Protest gegen diese Art Provokation, Ablehnung dieses revolution\u00e4ren Theaters \u00e0 la Wagner und Simons? \u2013 Keineswegs. Standing Ovations, Jubel. Aber dann eilten alle zur Garderobe, holten sich ihre Schirme ab und gingen brav nach Haus, schlafen. Der revolution\u00e4re Funken z\u00fcndete nicht. Es regnete in Bochum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Dynamik des \u201eRheingolds\u201c ist wohl nur selten wenn \u00fcberhaupt je so rein entbunden, ja entfesselt worden. Wenn Simons im Ruhrgebiet fertig ist, kann er in Bayreuth weitermachen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ulrich Fischer<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auff. in Bochum, Jahrhunderthalle, am 16., 18., 20., 22. und 24. Sept.<\/p>\n<p>Internet: <a href=\"http:\/\/www.ruhrtriennale\/\">www.ruhrtriennale<\/a>.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Rheingold&#8220; bei der Ruhrtriennale in Bochums Jahrhunderthalle &nbsp; BOCHUM. Wagners &#8222;Ring&#8220; ist vieldeutig. 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