{"id":361,"date":"2015-09-19T09:26:24","date_gmt":"2015-09-19T07:26:24","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=361"},"modified":"2019-06-02T20:32:01","modified_gmt":"2019-06-02T18:32:01","slug":"tanztheater-wuppertal-zeigt-neue-urauffuehrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=361","title":{"rendered":"Tanztheater Wuppertal zeigt neue Urauff\u00fchrung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Neue St\u00fccke<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>WUPPERTAL. Das Tanztheater Wuppertal hat sich nach dem Tod seiner Choreographin Pina Bausch (2009), Zeit, zu viel Zeit gelassen, bis es mit einer neuen Produktion herauskam. Am Freitagabend war es endlich so weit: Vier Choreographen waren beauftragt, drei Choreographien in der Wuppertaler Oper f\u00fcr einen Abend zu schaffen \u2013 kurze Probenzeit, begrenzte Budgets und jeweils nur etwa zehn T\u00e4nzerInnen \u2013 die Compagnie hat insgesamt 35 Mitglieder.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Leitstern<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Los ging es mit Theo Clinkard aus Gro\u00dfbritannien, er nannte seine Kreation \u201esomewhat still when seen from above\u201c. Das R\u00e4tselhafte des Titels l\u00f6ste sich bald auf. Zun\u00e4chst traten zwei B\u00fchnenarbeiter mit einer riesigen Stehleiter auf. Einer fixierte sie, der andere kletterte mit einer Nebelmaschine hoch und lie\u00df eine mittelgro\u00dfe Wolke entstehen. Man konnte raten, wer aus dem Himmel \u00fcber der Wolke (\u201efrom above\u201c) wohl aufs Opernhaus herabschaute \u2013 dies war eine Femmeage an Pina.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei der akustischen Kulisse stach ein Band mit Maschinenger\u00e4uschen heraus \u2013 wer genau zuh\u00f6rte, konnte die Wuppertaler Schwebebahn h\u00f6ren. Schweben auf der einen Seite, auf der anderen verbunden sein mit der Welt, mit der ganz konkreten, mit Wuppertal \u2013 das war und ist eine Spezialit\u00e4t des Wuppertaler Tanztheaters. Hier wiesen viele Bewegungen nach oben, ob es nun die Arme waren, die die T\u00e4nzer reckten, oder die Gesichter, die nach oben blickten. Vom Staub zu den Sternen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Theo Clinkard hatte, wie alle seine Choreographen-Kollegen, die T\u00e4nzerInnen gebeten, ihm Vorschl\u00e4ge f\u00fcr das Bewegungsmaterial zu machen \u2013 eine Methode Pina Bauschs \u2013 und er hat dann ausgew\u00e4hlt &amp; zusammengef\u00fcgt. Es ist gelungen \u2013 Clinkard und sein neunk\u00f6pfiges Ensemble haben genau die Situation, in der sie sich befinden, t\u00e4nzerisch gespiegelt: Dank und Erinnerung an das gro\u00dfe Vorbild, an Pina Bausch, Lernen von ihren Methoden \u2013 und sie weiterf\u00fchren. Die Idee mit der Wolke, die die B\u00fchnenarbeiter entstehen lie\u00dfen, war heiter. Humor spielte eine tragende Rolle; ein gegl\u00fcckter Auftakt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>S\u00fc\u00df &amp; seicht<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er sollte nicht \u00fcberfl\u00fcgelt werden. \u201eThe Lighters Dancehall Polyphony\u201c von Cecilia Bengolea und Fran\u00e7ois Chaignaud war zu s\u00fc\u00dflich, zu seicht \u2013 Pina Bausch war herb, realistisch; das passte schlecht. Der Hauptgedanke des Choreographenpaares war, die T\u00e4nzerInnen singen zu lassen. Die Lieder \u00fcberforderten die T\u00e4nzerInnen, es ist unm\u00f6glich, gleichzeitig zu singen und zu tanzen, das macht der Atem nicht mit. Dieser Mittelteil wirkte verfehlt, obwohl Ditta Miranda Jasjfi auftrat, eine koboldhaft-kleine unglaublich bewegliche wunderbare T\u00e4nzerin aus S\u00fcdostasien und Andrey Berezin, ein erfahrener T\u00e4nzer, eine S\u00e4ule des Ensembles.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Scherben bringen nicht unbedingt Gl\u00fcck<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den Abend beschloss \u201eIn Terms Of Time\u201c von Tim Etchells. Etchells hat einen klingenden Namen, er ist ein Gr\u00fcndungsmitglied von Forced Entertainment. Er begann mit einer Szene, die stark an Pina Bausch erinnerte: Die T\u00e4nzer traten auf mit Plastikbechern, hochget\u00fcrmt. Vielleicht hundert, hundertf\u00fcnfzig, eine prek\u00e4re S\u00e4ule. Sie versuchten, sie zu balancieren, aber rasch verloren die Plastikbecher das Gleichgewicht, sie fielen zu Boden und zerbrachen \u2013 es war unm\u00f6glich noch zu tanzen, gef\u00e4hrlich, man h\u00e4tte sich die F\u00fc\u00dfe zerschneiden k\u00f6nnen. Also holten sich nach und nach die T\u00e4nzer Besen \u2013 aber sie konnten sich nicht einigen, sie konnten die Scherben nicht wegfegen \u2013 das Chaos blieb bis zum Ende dieser Szene.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Scheitern \u2013 das ist ein Thema Pina Bauschs, ein anderes (oder eine Variation), das man nicht zur gemeinsamen sinnvollen Aktion kommt, ein \u00fcbersteigerte Individualismus verhindert eine vern\u00fcnftige Ordnung, die allen dient.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es folgten weitere Szenen mit guten Grundgedanken (z. B. das Haschen nach Wind mit M\u00fcllbeuteln), die allerdings zu breit ausgewalzt wurden. Die neue Urauff\u00fchrung dauerte insgesamt drei Stunden, der letzte, dritte Teil h\u00e4tte gek\u00fcrzt werden k\u00f6nnen \u2013 und sollen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie weiter?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vielleicht war dieser Abend ein Test, der Versuch herauszubekommen, wer sich von den vier Choreographen am besten bew\u00e4hren w\u00fcrde \u2013 und der sollte dann weitermachen. Den Lorbeer hat Theo Clinkard verdient \u2013 aber auch andere k\u00f6nnten berufen werden. Den Qualit\u00e4tskern des Wuppertaler Tanztheaters bilden die T\u00e4nzerInnen und die Ideen Pina Bauschs \u2013 vor allem eben, die T\u00e4nzerInnen einzubinden, zum wichtigsten Bestandteil der Produktion von Anfang an zu machen. Deshalb sollte sich endlich jemand vom Ensemble ermannen oder erfrauen und sich vorwagen: Ein Choreograph aus der alten Compagnie, das w\u00e4re die beste Idee und der zuverl\u00e4ssigste Garant daf\u00fcr, Pina Bauschs Erbe zu bewahren und weiterzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Ulrich Fischer<\/p>\n<p>Kartentelefon: 0202 563 7666 \u2013 Internet: www.pina-bausch. de<\/p>\n<p>Auff\u00fchrungen am 19., 20., 22., 23. und 24. Sept.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neue St\u00fccke &nbsp; WUPPERTAL. Das Tanztheater Wuppertal hat sich nach dem Tod seiner Choreographin Pina Bausch (2009), Zeit, zu viel Zeit gelassen, bis es mit einer neuen Produktion herauskam. 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