{"id":369,"date":"2015-09-25T18:24:14","date_gmt":"2015-09-25T16:24:14","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=369"},"modified":"2019-06-02T20:32:01","modified_gmt":"2019-06-02T18:32:01","slug":"von-der-salzach-zum-firth-of-forth","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=369","title":{"rendered":"Von der Salzach zum Firth of Forth"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die sch\u00f6nen Tage von Aranjuez sind jetzt vor\u00fcber &#8211; Bilanz des Festivalsommers<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>SALZBURG war einmal, als J\u00fcrgen Flimm noch Intendant war, ein Synonym f\u00fcr das beste Sommerfestivals Europa: weltoffen, zeitgen\u00f6ssisch, auf h\u00f6chstem Niveau. Wie ist es m\u00f6glich, dass das Festival heute im Vergleich mit Avignon, mit Edinburgh, mit der Ruhrtriennale, die rote Laterne tr\u00e4gt? Zumal der derzeitige Leiter ein Sch\u00fcler Flimms ist?<\/p>\n<p><strong>An der Salzach<\/strong><\/p>\n<p>Hier soll nur vom Schauspiel die Rede sein &#8211; die Kritiken von Shakespeares &#8222;Kom\u00f6die der Irrungen&#8220; und der &#8222;Dreigroschenoper&#8220; waren verheerend. Noch st\u00e4rker als bei der &#8222;Kom\u00f6die der Irrungen&#8220; fiel bei der &#8222;Dreigroschenoper&#8220; auf, dass zu viel Zucker, zu viel Sahne die Inszenierungen ungenie\u00dfbar machten.<\/p>\n<p>Aber es ist mehr gescheitert als nur das Schauspielprogramm 2015 an der Salzach, gescheitert ist das Konzept von Sven-Eric Bechtolf, der dieses Festspiele k\u00fcnstlerisch leitete. Es geht Bechtolf um die Erneuerung des Theaters. Er h\u00e4lt die derzeit tonangebenden Theater-, vor allem die Regiekonzepte f\u00fcr heuchlerisch, er will Kritik durch ehrliche Freude ersetzen &#8211; ein affirmatives Theater, \u00e4sthetisch gepr\u00e4gt durch F\u00fclle, durch Opulenz. &#8211; Es geht nicht. Gerade bei der &#8222;Dreigroschenoper&#8220;, die mit gro\u00dfem Aufwand extra f\u00fcr Salzburg musikalisch aufgem\u00f6belt wurde, fehlte mit dem gekappten kritischen Ansatz der tiefere Grund ihres Seins. Salzburg hat einen traurigen Sommer hinter sich, mag das reiche und sch\u00f6ne Publikum die Inszenierungen auch noch so goldig und herzig finden.<\/p>\n<p><strong>Im Ruhrpott<\/strong><\/p>\n<p>Ganz anders das Konzept der Ruhrtriennale. Hier soll in alten Industriedenkm\u00e4lern gespielt werden. Der neue Chef, Johan Simons, in M\u00fcnchen an den Kammerspielen erfolgreich, er\u00f6ffnete mit &#8222;Accatone&#8220;, einer Adaption von Pasolinis erstem Film f\u00fcr das Theater in einer au\u00dfer Dienst gestellten Kohlenmischhalle in Dinslaken &#8211; und scheiterte. Es lag nicht an der Industrieruine, die war beeindruckend mit ihrer L\u00e4nge: 270 m. Es lag an der Fabel um einen Zuh\u00e4lter, die begleitet wurde mit Bach-Kompositionen. Der Kriminelle sollte zum Erl\u00f6ser, zu einer Jesus-\u00e4hnlichen Figur stilisiert werden. Es klappte nicht. Ebenso wenig klappte eine andere ehrgeizige Produktion: Prousts &#8222;Auf der Suche nach der verlorenen Zeit&#8220; nahm ein polnisches Team aus Warschau unter dem r\u00e4tselhaften Titel &#8222;Die Franzosen&#8220; zum Ausgangspunkt f\u00fcr die Frage, wie Prousts Kritik an unserer Gegenwart wohl aussehen w\u00fcrde. Die Inszenierung litt an Anf\u00e4ngerfehlern: die Gestalten wurden nicht eingef\u00fchrt, es wurde zu viel gesprochen, was, da auf Polnisch gespielt wurde und das Deutsche auf Leinw\u00e4nde projiziert werden musste, die Aufmerksamkeit von der B\u00fchne ablenkte. Der Zuschauer starrte die ganze Zeit auf den Text und hatte keine Zeit auf der B\u00fchne nachzugucken, wer gerade sprach, geschweige denn, das Arrangement der Szene zu entr\u00e4tseln. F\u00fcnf Stunden &#8211; und was nun die Kritik an unserer Zeit war, blieb schwammig. Nur zwei von vielen Produktionen &#8211; aber das Fazit ist symptomatisch: mehr Ehrgeiz als K\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>An der Rh\u00f4ne hellem Strande<\/strong><\/p>\n<p>Meisterschaft hingegen in Avignon, das die Ruhrtriennale in den Schatten stellte. Der Intendant Olivier Py, der letztes Jahr anfing, ist Theatermann im umfassenden Sinn: Dramatiker, Theaterdirektor, Regisseur, Schauspieler &#8211; und er stellte ein starkes Programm zusammen. Er inszenierte anfangs im Ehrenhof des Papstpalastes Shakespeare &#8222;Roi Lear&#8220; &#8211; und war fair, souver\u00e4n genug, auch einen anderen Shakespeare einzuladen: &#8222;Richard III.&#8220; aus Berlin , von der Schaub\u00fchne, Regie: Thomas Ostermeier. Ostermeier stellte Py in den Schatten, Py war bei der Zusammenstellung seines Programms erfolgreicher als als Regisseur. Auch sein St\u00fcck &#8222;Der Freude entgegen&#8220;, ein Monodram, das in Spanien uraufgef\u00fchrt worden war, zeigte nicht seine St\u00e4rke &#8211; riesenlange St\u00fccke, die neben der irdischen Sph\u00e4re auch Himmel und H\u00f6lle auf die B\u00fchne zaubern. Aber f\u00fcr den zweiten Platz in dem imagin\u00e4ren und imaginierten Wettbewerb der europ\u00e4ischen F\u00fcnfsternesommerfestivals reichte es allemal.<\/p>\n<p><strong>Am Firth of Forth<\/strong><\/p>\n<p>Den Vogel schoss Edinburgh ab. Dort begann Fergus Linehan als neuer k\u00fcnstlersicher Leiter, ein Ire, der sich vor allem als Musiktheatermann einen Namen gemacht hat. Aber Linehan bewies gerade im Schauspiel eine gl\u00fcckliche Hand: Es begann mit Simon McBurneys &#8222;Encounter&#8220; &#8211; &#8222;Treffen&#8220; &#8211; , eine \u00e4sthetisch blendende und originelle Odyssee zu sich selbst; wurde fortgesetzt mit einem zweiten Monodram eines nicht minder bekannten Theatermannes: Robert Lepage. Er nannte seine Geschichte &#8222;887&#8220; &#8211; das ist die Nummer des Hauses in Qu\u00e9bec, in dem er aufwuchs. Die diffuse Erinnerung f\u00fchrt zur konzisen Analyse &#8211; ihm wird klar, dass seine Kindheit, die ihm durchschnittlich gl\u00fccklich schien, eine Kindheit und Jugend in einem Ghetto war. Lepage zeigt die Unterdr\u00fcckung der franz\u00f6sischsprachigen Minderheit in Kanada &#8211; und die Mittel, mit denen er anprangert, anklagt, aufs Notwendigste beschr\u00e4nkt, sind atemberaubend. Dass Gegenteil von Salzburg: sparsam statt opulent, bitter statt s\u00fc\u00df. &#8211; Aber die Schotten pr\u00e4sentieren nicht nur internationale Produktionen der Extraklasse, sie zeigen auch, dass sie mithalten k\u00f6nnen. David Greig bearbeitete einen schottischen Roman f\u00fcr die B\u00fchne, &#8222;Lanark&#8220;, und zeigte mit dem Ensemble des Citizen&#8217;s Theatres aus Glasgow, dass die Szene genauso geschmeidig sein kann wie der Roman. Die Inszenierung wei\u00df die aberwitzigsten Stilmittel zu gebrauchen, kann sie spielerisch zu einem bunten Strau\u00df zusammenbinden, und die traurigste Bilanz eines Lebens mit Heiterkeit und Souver\u00e4nit\u00e4t ziehen. Die Schotten stellten fest, dass es in Glasgow regnet &#8211; im w\u00f6rtlichen wie im \u00fcbertragenen Sinn. Die Sehnsucht nach Licht, nach der Sonne blieb unbefriedigt &#8211; und gerade deshalb bleibt sie.<\/p>\n<p><strong>Lorbeer f\u00fcr \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Ein sch\u00f6ner Theatersommer geht zu Ende &#8211; den Schotten geb\u00fchrt die Krone. Wenn man bedenkt, dass nicht nur das International Festival \u00fcber die Bretter geht, sondern auch das Fringe, das Festival der freien B\u00fchnen, die viel Neu-zu- Entdeckendes bieten zwischen Kammerspiel und Comedy, zwischen zirzensischer Akrobatik und four-letter-lastiger, obsz\u00f6ner Einfl\u00fcsterung, die einem die Schamr\u00f6te auf die Wangen treibt und den verlogenen, pr\u00fcden Puritanismus attackiert, dann ist ganz klar, dass auch im n\u00e4chsten Jahr die Reise an den Firth of Forth gehen sollte.<\/p>\n<p>Ulrich Fischer<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die sch\u00f6nen Tage von Aranjuez sind jetzt vor\u00fcber &#8211; Bilanz des Festivalsommers &nbsp; SALZBURG war einmal, als J\u00fcrgen Flimm noch Intendant war, ein Synonym f\u00fcr das beste Sommerfestivals Europa: weltoffen, zeitgen\u00f6ssisch, auf h\u00f6chstem Niveau. Wie ist es m\u00f6glich, dass das Festival heute im Vergleich mit Avignon, mit Edinburgh, mit der Ruhrtriennale, die rote Laterne &#8230; <a title=\"Von der Salzach zum Firth of Forth\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=369\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Von der Salzach zum Firth of Forth\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-369","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-theater"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/369","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=369"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/369\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":370,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/369\/revisions\/370"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=369"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=369"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/theaterfischer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=369"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}