{"id":372,"date":"2015-10-04T11:21:27","date_gmt":"2015-10-04T09:21:27","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=372"},"modified":"2019-06-02T20:32:18","modified_gmt":"2019-06-02T18:32:18","slug":"dramatikerpublikum-entschaedigungslos-enteignet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=372","title":{"rendered":"Dramatiker&#038;Publikum entsch\u00e4digungslos enteignet"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_373\" aria-describedby=\"caption-attachment-373\" style=\"width: 630px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/12_kassette_aurin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-373\" src=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/12_kassette_aurin-1024x684.jpg\" alt=\"Deutsches SchauSpielHaus Hamburg: \u00bbDie Kassette\u00ab von Carl Sternheim im SchauSpielHaus. Auf dem Foto v.l.: Anja La\u00efs als herrschs\u00fcchtige Tante und G\u00f6tz Schubert als Gatte der Nichte \u00a9 Thomas Aurin, 2015. \" width=\"640\" height=\"428\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-373\" class=\"wp-caption-text\">Deutsches SchauSpielHaus Hamburg: \u00bbDie Kassette\u00ab von Carl Sternheim\u00a0 v.l.: Anja La\u00efs als herrschs\u00fcchtige Tante und G\u00f6tz Schubert als Gatte der Nichte \u00a9 Thomas Aurin, 2015.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>HAMBURGS Schauspielhaus hat nicht zuletzt einen exzellenten Ruf, weil es oft das rechte St\u00fcck zur rechten Stunde zeigt. Am Samstag hatte &#8222;Die Kassette&#8220; Premiere. Carl Sternheim nimmt in seiner h\u00e4ufig gespielten Kom\u00f6die die Habsucht aufs Korn. In der &#8222;Kassette&#8220; liegt ein kleines Verm\u00f6gen; es geh\u00f6rt der Tante. Der Mann ihrer Nichte will, dass seine Frau das Geld erbt, koste es, was es wolle. Auf dem Altar des Goldenen Kalbes opfert er bedenkenlos seine Selbstachtung\u00a0\u00a0 &#8211; und verliert so den Respekt der herrsch(?)s\u00fcchtigen Tante, die ihr Geld lieber der Kirche vermacht. Die Maxime der Tante, die Maxime aller: \u201e<em>Ich will Genuss aus meinem Reichtum.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Regie f\u00fchrt in Hamburg Herbert Fritsch. Er ist ber\u00fcchtigt f\u00fcr seinen entfesselten Witz. Am besten gelangen die Kost\u00fcme von Victoria Behr. Die Tante (herrschs\u00fcchtig und sexuell frustriert: Anja La\u00efs), ein Drachen, der den Schatz h\u00fctet, tr\u00e4gt ein pfirsichfarbenes Kleid im Stil des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit einem \u00fcberdimensionierten Cul de Paris (k\u00fcnstlich betontes Hinterteil). Dazu geschminkt als litte sie unter Scharlachfieber in der finalen Phase wirkt die Erbtante wie ein Alptraum auf der Suche nach einem Mann. Die anderen bleiben dahinter kaum zur\u00fcck und sprechen wie getrieben rasch \u2013 zu rasch. Man kann sie kaum verstehen. Sternheims Sprache ist sowieso schon verr\u00fcckt steil angegipfelt expressivexpressionistisch. Wenn die Schauspieler den Zuschauern diese Manierismen nicht um Verst\u00e4ndnis bem\u00fcht servieren, fallen die ganzen Pointen unter den Tisch. Es ist paradox: auf der (verkrampft wirkenden) Suche nach Komik bringt der Regisseur eine ganze Dimension des Komischen um seine Wirkung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dabei wird wenig gelacht im Schauspielhaus bei gr\u00f6\u00dftem K\u00f6rpereinsatz der Schauspieler. Michael Weber als Notar hat einen Mix von Charleston und Sch\u00fcttelr\u00fcttell\u00e4hmung einstudiert &#8211; nicht einmal Spielfreude verspr\u00fchte dieser sinnfreie Quatsch; bei der dritten Wiederholung sp\u00e4testens enth\u00fcllte er, was er schon anfangs war: \u00f6de.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Offenbar m\u00f6chte sich der Regisseur auf Kosten des Dramatikers profilieren. Das f\u00fchrt zu Unmut, in der Pause geht ein Teil der Zuschauer, am Ende gibt es Buhs \u2013 aber viele klatschen. Warum? Der Regisseur hat auf der Suche nach Witzen das Zentrum des St\u00fccks aus den Augen verloren: die Attacke auf die Habgier.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es g\u00e4be ja einige Zielscheiben: VW \u2013 Wolfsburg liegt nahe, gar nicht so weit von Hamburg entfernt; oder wir, die Zuschauer. In Hamburg machen sich Herbert Fritsch und sein Ensemble stattdessen lustig \u00fcber die Oper \u2013 manchmal treten die Schauspieler nach vorn und schreien laut \u2013 begleitet von abgebrauchten Gesten alternder S\u00e4nger wirkt das so komisch wie S\u00e4nger eben wirken, wenn sie den Mund weit aufrei\u00dfen m\u00fcssen, um das O zu runden und den Ton zu treffen. Aber dieser Spott ist harmlos im Vergleich zu Carl Sternheim \u2013 der ist bissiger. Er meint uns.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf die Idee kommt man bei dem Gehampel und Gezappel auf der B\u00fchne kaum; solche Zerrbilder kann sich jeder leicht vom Leib halten. Die ma\u00dflosen \u00dcbertreibungen lenken nur ab. Der Witz ist richtungs- und deshalb zahnlos.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Inszenierung verharmlost die Kom\u00f6die.<\/p>\n<p>Ulrich Fischer<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auff\u00fchrungen am 8., 14. und 17. Okt., 8. Nov. \u2013 Spieldauer: 2 1\/2 Std.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 &nbsp; \u00a0 &nbsp; HAMBURGS Schauspielhaus hat nicht zuletzt einen exzellenten Ruf, weil es oft das rechte St\u00fcck zur rechten Stunde zeigt. Am Samstag hatte &#8222;Die Kassette&#8220; Premiere. Carl Sternheim nimmt in seiner h\u00e4ufig gespielten Kom\u00f6die die Habsucht aufs Korn. In der &#8222;Kassette&#8220; liegt ein kleines Verm\u00f6gen; es geh\u00f6rt der Tante. 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