{"id":378,"date":"2015-10-18T07:39:57","date_gmt":"2015-10-18T05:39:57","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=378"},"modified":"2019-06-02T21:06:43","modified_gmt":"2019-06-02T19:06:43","slug":"meeresrauschen-im-museum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=378","title":{"rendered":"Meeresrauschen im Museum"},"content":{"rendered":"<p>Deutschsprachige Erstauff\u00fchrung von Jon Fosses angeblich letztem B\u00fchnenst\u00fcck durch Barbara Frey am Schauspiel Z\u00fcrich<\/p>\n<p>Von G\u00fcnther Hennecke<\/p>\n<p>Z\u00fcrich &#8211; Die Zwingli-Stadt Z\u00fcrich und der wortkarge Jon Fosse &#8211; das geht offenbar bestens zusammen. So puritanisch sich die Stadt an der Limmat gibt, so spartanisch dazu passend zeigt sich der 56-j\u00e4hrige Norweger. Schon Christoph Marthaler inszenierte hier den &#8222;Gitarrenmann&#8220; 2001, Matthias Hartmann bannte &#8222;Ich bin der Wind&#8220; 2009 auf die Bretter des Schauspiels Z\u00fcrich, &#8222;Sch\u00f6nes&#8220; lie\u00df Werner D\u00fcggelin 2013 folgen, und 2000 lie\u00df Falk Richter Fosses &#8222;Die Nacht singt ihre Lieder&#8220; erklingen.<br \/>\nNun griff Hausherrin Barbara Frey nach dessen &#8222;Meer&#8220;. 2014 im norwegischen Bergen uraufgef\u00fchrt, wird es, wie der Autor wissen lie\u00df, sein &#8222;letztes Theater-St\u00fcck&#8220; sein. Mit &#8222;langsamer&#8220; Prosa will der Mann k\u00fcnftig gl\u00e4nzen, dessen St\u00fccke in \u00fcber 40 Sprachen \u00fcbersetzt wurden. Wer die Wortkargheit des Ibsen-Verehrers in einem seiner 33 Dramen erlebt hat, versteht die Neigung zur &#8222;Langsamkeit&#8220;, die zudem meist mehr Intensit\u00e4t in sich birgt als die B\u00fchnengeschw\u00e4tzigkeit manch&#8216; verbaler Weltversteher.<br \/>\nDunkelheit, Stille. Sechs Personen suchen &#8211; nein, nicht ihren Autor. Der hat sie in eine fast sprachlose Welt geworfen. Die Sechs werden immer wieder fragen: &#8222;Wo sind wir?&#8220; Die Szene erinnert an ein Museum. B\u00e4nke laden zum Verweilen ein. Doch bereits mit dem B\u00fchnenbild beginnt die Verwirrung: An schwarzen Stellw\u00e4nden h\u00e4ngen Bilder. Doch was wir sehen, ist das immer gleiche Bild, im Detail kaum erkennbar. Erst ganz zum Schluss, nach 75 Minuten konzentriertester Identit\u00e4tssuche, wird das Bild klar erkennbar. Es ist, braun in braun get\u00f6nt, eine Flussszene mit Segelboot &#8211; die &#8222;Flussm\u00fcndung&#8220; von Jan van Goyen (1596-1656). See und Innenraum &#8211; aus diesem Kontrast schl\u00e4gt Fosse dramatische Funken.<br \/>\n&#8222;Ich bin der Kapit\u00e4n&#8220;, behauptet ein Mann ganz zu Beginn. Ein J\u00fcngerer h\u00e4lt dagegen: &#8222;Wir sind aber nicht auf einem Schiff!&#8220; Und schon sind wir in Fosses ver-r\u00fcckter Innenwelt gefangen. Wenig sp\u00e4ter fassen sich die Beiden bei den H\u00e4nden, umarmen sich &#8211; und \u00fcberlassen einem jungen Paar die Szene. &#8222;Kennen wir uns?&#8220;, zweifelt sie. Es darf ger\u00e4tselt werden. Auch sie gehen ab, Hand in Hand. Ein \u00e4lteres Ehepaar, ganz auf Distanz eingeschworen, versucht sich danach zu vergewissern: &#8222;Das bist ja du!&#8220;, staunt er. Ann\u00e4herung sieht anders aus.<br \/>\nBilder und Szenen reihen sich zu starken Tableaus an- und ineinander. Sie machen Fremdsein und Einsamkeit schmerzlich erkennbar. Dass weder &#8222;Die \u00e4ltere Frau&#8220; noch &#8222;Der \u00e4ltere Mann&#8220; den &#8222;Kapit\u00e4n&#8220; als ihren Sohn noch &#8222;Die Frau&#8220; als ihre Tochter erkennen, ist schon von subtiler Realit\u00e4t. Keiner erkennt den Anderen, aber auch keiner sich selbst. Sie scheinen Menschen aus einer verlorenen Vergangenheit, die zeit- und namenlos \u00fcber die Weltmeere treiben.<br \/>\nZum Schluss spielt der Gitarrenspieler auf seiner Luftgitarre, alle legen sich, jeder einzeln, auf eine der sechs spartanischen B\u00e4nke &#8211; und das zuvor schwach beleuchtete und kaum erkennbare Flussbild wird klar erkennbar. Das Spiel ist aus. Ein Spiel, das eindringlich von innerer Spannung erz\u00e4hlt und in der konzentrierten Inszenierung von Barbara Frey das Publikum zu lang anhaltendem Applaus bewegen konnte.<\/p>\n<p>Auff.: 20.,21.,28.,30. Oktober; 5.,8.,10.,12.,23.,27.,28. November; 75 Minuten; www.schauspielhaus.ch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschsprachige Erstauff\u00fchrung von Jon Fosses angeblich letztem B\u00fchnenst\u00fcck durch Barbara Frey am Schauspiel Z\u00fcrich Von G\u00fcnther Hennecke Z\u00fcrich &#8211; Die Zwingli-Stadt Z\u00fcrich und der wortkarge Jon Fosse &#8211; das geht offenbar bestens zusammen. So puritanisch sich die Stadt an der Limmat gibt, so spartanisch dazu passend zeigt sich der 56-j\u00e4hrige Norweger. 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