{"id":381,"date":"2015-10-26T16:02:16","date_gmt":"2015-10-26T14:02:16","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=381"},"modified":"2019-06-02T20:32:18","modified_gmt":"2019-06-02T18:32:18","slug":"phaenomenologie-der-furcht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=381","title":{"rendered":"Ph\u00e4nomenologie der Furcht"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Falk Richters &#8222;Fear&#8220; in Berlin uraufgef\u00fchrt<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>BERLIN. Falk Richter bl\u00e4ttert in seinem neuesten St\u00fcck \u201eFear\u201c einige Facetten der aktuellen Furcht auf \u2013 er beginnt mit der Angst vor den Fremden. Zu ohrenbet\u00e4ubendem Heavy Metal Rock sind im Hintergrund Videos von einst\u00fcrzenden Wohnblocks zu sehen \u2013 sie werden gesprengt. Wir Zuschauer sehen den Moment der Ersch\u00fctterung \u2013 dann den Zerfall.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Videos bebildern die Angst einiger Mitb\u00fcrger, das Vaterland werde zerfallen wie die Geb\u00e4ude, weil die Fremden kommen. Sie werden uns unsere Kultur (Weihnachten) wegnehmen, sie werden uns ihre Kultur aufzwingen, sie werden uns unterwerfen. Aber die Bebilderung legt nahe, dass die Mitb\u00fcrger schrecklich \u00fcbertreiben, ihre Furcht unbegr\u00fcndet ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Angst vor dem R\u00fcckschritt<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die andere Facette dieser Angst ist die der liberalen St\u00e4dtebewohner vor den zur\u00fcckgebliebenen Reaktion\u00e4ren. Hier begehen Falk Richter, verantwortlich f\u00fcr das St\u00fccke, die Inszenierung und die Choreographie, und sein Ensemble (sechs Herren, zwei Damen) den Fehler, den sie den Rechten (zu Recht) vorwerfen: Sie \u00fcbertreiben die Gefahr, deshalb wirkt auch ihre Angst \u00fcbertrieben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Urauff\u00fchrung am Sonntag in der Berliner Schaub\u00fchne nimmt vor allem Damen der AfD ins Visier. Ihre Kritik richtet sich gegen Formen der Sexualit\u00e4t, die von konventionellen Vorstellungen abweichen. Mann &amp; Frau zeugen Kinder, so soll, so muss die Familie aussehen, alles was dar\u00fcber ist, ist von \u00dcbel. Kurz vor Schluss tritt eine ehemalige Herzogin von Oldenburg in einer Szene wie in einem komischen Horrorfilm auf, die ihren verstorbenen Gro\u00dfonkel, einen Minister aus Hitlers Kabinett, beschw\u00f6rt und bittet, sie zu befruchten. Sie will seine Ideologie zu neuem Leben erwecken, um dem deutschen Volk Nachwuchs und Dauer zu bescheren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ungenau<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Szene entgleitet, weil allzu viel geschrien wird; aber auch inhaltlich ist sie anfechtbar. Die Propagierung der Heiligen Familie, die Beschr\u00e4nkung von Sexualit\u00e4t auf die Zeugung von Kindern, ist zwar Bestandteil nationalsozialistischer Ideologie, aber sie geh\u00f6rt auch zu Kernauffassungen des Katholizismus. Wenn im St\u00fcck beklagt wird, man wisse nicht, wie die Gedankenwelt der Nazis heute wiederauferstehen k\u00f6nne, so erscheint das naiv und geschichtsvergessen. Diese Auffassungen wurden auch nach Ende des 2. Weltkriegs fr\u00f6hlich weiter propagiert. In der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Deutschland\">Bundesrepublik Deutschland<\/a> bestand der \u00a7\u00a0175 bis 1969 in der von den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nationalsozialismus\">Nationalsozialisten<\/a> versch\u00e4rften Fassung weiter. Da muss niemand bis in die Nazizeit zur\u00fcckgehen, da kann er an die Adenauer\u00e4ra ankn\u00fcpfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Intention der St\u00fcckeschreiber ist gut und zu loben \u2013 es geht gegen Dumpfbacken von rechts \u2013 aber die Auff\u00fchrung ist so ungeschickt, laut und so wenig analytisch, dass den Zuschauer immer wieder das ungute Gef\u00fchl beschleicht, hier werde mit Kanonen auf Spatzen geschossen. \u00dcberdies fehlt k\u00fcnstlerische Sorgfalt, die Inszenierung erinnert streckenweise, vor allem in den Tanzszenen, an entfesseltes, ungemeistertes Studententheater. Eine Stoffsammlung, work in progress, an der Schaub\u00fchne h\u00e4tte ich mehr erwartet. Und von Falk Richter, einem begnadeten Polemiker und Dramatiker auch. &#8222;Fear&#8220; ist, soweit ich sehe, sein bislang schw\u00e4chstes St\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eFear\u201c- Angst \u2013 ist kein guter Berater. Mehr Analyse, kaltes Blut, vielleicht auch mehr Gelassenheit helfen weiter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen das schaffen.<\/p>\n<p>Ulrich Fischer<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auff\u00fchrungen am 27., 30. und 31. Okt.;\u00a0\u00a0 3., 4., 7. und 8. Nov. &#8211; Spieldauer: 2 Std.<\/p>\n<p>Kartentelefon: 030 890023 &#8211; Internet: www.schaubuehne.de<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Falk Richters &#8222;Fear&#8220; in Berlin uraufgef\u00fchrt &nbsp; BERLIN. Falk Richter bl\u00e4ttert in seinem neuesten St\u00fcck \u201eFear\u201c einige Facetten der aktuellen Furcht auf \u2013 er beginnt mit der Angst vor den Fremden. 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