{"id":383,"date":"2015-10-31T12:59:44","date_gmt":"2015-10-31T10:59:44","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=383"},"modified":"2019-06-02T21:06:43","modified_gmt":"2019-06-02T19:06:43","slug":"ein-fluechtling-ohne-pass-und-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=383","title":{"rendered":"Ein Fl\u00fcchtling ohne Pass und Arbeit"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>110 Jahre nach dem realen Coup des \u201eHauptmanns von K\u00f6penick\u201c: Wunderbare Wiedergeburt in D\u00fcsseldorf<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von G\u00fcnther Hennecke<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>D\u00fcsseldorf \u2013 Das St\u00fcck nahm, nach der Urauff\u00fchrungs 1931 durch Heinz Hilpert und Karl Krau\u00df in der Titelrolle, die deutschen Theaterb\u00fchnen im Sturm. Kaum zwei Jahre sp\u00e4ter war es verboten. Die Nazis hatten das Subversive des Stoffes scharfsinnig erkannt.<\/p>\n<p>Was freilich kaum bekannt ist: Carl Zuckmayers Berlin-Ballade um einen arbeitslosen und vorbestraften Mann, der sich zum \u201eHauptmann von K\u00f6penick\u201c aufschwingt, nur um einen Pass zu bekommen, hat eine reale Geschichte als Vorlage. Wilhelm Voigt, der die uniformgl\u00e4ubige Welt seiner Zeit zum Narren hielt, spielte seine subversive Tragikom\u00f6die am 16. Oktober 1906, also vor exakt 110 Jahren. Im Gro\u00dfen Haus des D\u00fcsseldorfer Schauspiels bejubelte das Premierenpublikum jetzt Christian von Treskows Inszenierung minutenlang.<\/p>\n<p>Ovationen f\u00fcr einen vermeintlichen Schinken, dessen Aktualit\u00e4t sich in den Falten eines Jahrhunderts verloren hat? Mitnichten, weil Treskow sich mit seinen glorreichen Akteuren weniger dem Uniform-Coup widmet als der Geschichte eines Mannes, der zeitlebens ein Zuhause sucht, denn \u201ees muss ja nu`n Platz geben, wo der Mensch hingeh\u00f6rt\u201c.<\/p>\n<p>Zuckmayers St\u00fcck einmal anders. Gesehen durch die Seelenwindungen eines Mannes, der es nicht verwinden kann, seinem Gott auf dessen Finalfrage, was er mit seinem Leben gemacht habe, meint antworten m\u00fcssen: \u201cIch bin eine Fu\u00dfmatte\u201c, auf der \u201ese alle druff rumjetrampelt sind\u201c. Das gro\u00dfe Plus dieses Abends, an dem es ungew\u00f6hnlich leise, ja melancholische Szenen gibt, ist die Vielfalt seiner szenischen und darstellerischen Momente. Der Satire gibt die Regie grandios \u00fcberzogene karikaturistische Sporen, wenn Milit\u00e4r und Uniformen sich aufplustern zum wahren Deutschtum. Doch erst die feine Ziselierung der Voigt`schen Momente der Verzweiflung, seiner Sehnsucht nach einem Ort der Ruhe, nach einem Zuhause machen die Inszenierung zu mehr als einer Historien-Schau. Voigts Dilemma, dem Paradox zu entgehen, dass nur wer eine Arbeitserlaubnis hat, einen Pass bekommt; und nur, wer einen Pass hat, eine Aufenthaltserlaubnis erh\u00e4lt, zeigt Tilo Nest als allseits herumgesto\u00dfene Kreatur voller Nachdruck und Verve. Da ist \u00fcbrigens keiner ein Schelm, wer an ganz aktuelle Probleme unserer Tage denkt.<\/p>\n<p>Der Begriff \u201eHeimat\u201c bildet den Kern der D\u00fcsseldorfer Inszenierung. In gro\u00dfen orangeroten Lettern prangt das Wort auf der grellwei\u00dfen Wand einer B\u00fchne, auf der die handelnden Personen durch vier bullaugengro\u00dfe R\u00f6hren auf die Spielfl\u00e4che gesp\u00fclt werden, um sich wenig sp\u00e4ter mit Schwung wieder durch sie zu entfernen. Aus dieser in sich geschlossenen Welt kann keiner der Akteure ausbrechen.<\/p>\n<p>Erst wenn Wilhelm Voigt seine Schwester besucht und seine Nichte beim Sterben begleitet, \u00f6ffnen sich die wei\u00dfen W\u00e4nde, und aus dem Hintergrund schiebt sich eine b\u00fcrgerliche Idylle ins klinische saubere Bild: Eine Couch, ein Tisch, ein Schrank \u2013 und erstmals ist Wilhelm willkommen in einem Zuhause, auch wenn es nicht das eigene ist.<\/p>\n<p>Dass der fremde Onkel mit dem sterbenskranken M\u00e4dchen dann auf den Schrank klettert und von dort aus, als s\u00e4\u00dfe er auf seinen heimatlichen b\u00f6hmischen Bergspitzen, die Sch\u00f6nheit des Landes unter ihnen auf seine berlinerische Art preist, ist eine der ebenso herb-poetischen wie symboltr\u00e4chtigen Szenen, in denen Wilhelm Voigts Traum fl\u00fcchtige Wirklichkeit wird.<\/p>\n<p>Auff.: 3., 14., 19., 30. November; 2 \u00bd Std. inkl. Pause; <a href=\"http:\/\/www.duesseldorfer-schauspielhaus.de\">www.duesseldorfer-schauspielhaus.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 110 Jahre nach dem realen Coup des \u201eHauptmanns von K\u00f6penick\u201c: Wunderbare Wiedergeburt in D\u00fcsseldorf &nbsp; Von G\u00fcnther Hennecke &nbsp; D\u00fcsseldorf \u2013 Das St\u00fcck nahm, nach der Urauff\u00fchrungs 1931 durch Heinz Hilpert und Karl Krau\u00df in der Titelrolle, die deutschen Theaterb\u00fchnen im Sturm. Kaum zwei Jahre sp\u00e4ter war es verboten. 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