{"id":385,"date":"2015-11-01T13:09:53","date_gmt":"2015-11-01T11:09:53","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=385"},"modified":"2019-06-02T21:06:43","modified_gmt":"2019-06-02T19:06:43","slug":"eine-nackte-unschuld-auf-der-drehscheibe-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=385","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>Eine nackte Unschuld auf der Drehscheibe Welt<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Hausherr Stefan Bachmann startet mit Horv\u00e1ths \u201eWienerwald\u201c eindringlich in K\u00f6lns neue Spielzeit<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von G\u00fcnther Hennecke<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>K\u00f6ln \u2013 K\u00f6ln, das scheint eine Stadt mit eigenen Gesetzen. Man k\u00f6nnte auch sagen: eine Stadt des theatralischen Chaos. Pl\u00e4ne sind Makulatur, ehe sie auch nur ann\u00e4hernd umgesetzt sind. Umbauten verz\u00f6gern sich um Jahre. Und selbst vermeintlich festgezurrte Fixpunkte zerfallen nicht selten zu Staub. So geht es etwa dem Schauspiel, das, statt wie geplant, nach Jahren der Diaspora am kommenden Wochenende ins alte neue Haus in der Innenstadt zur\u00fcckzukehren, weiterhin im rechtsrheinischen M\u00fclheim sein Dasein fristen muss. Erwartete Dauer der Verz\u00f6gerung: ein Jahr. Doch wer wei\u00df das schon.<\/p>\n<p>Stefan Bachmann, leidgepr\u00fcfter Intendant des Schauspiels, wollte im runderneuerten Haus am Offenbachplatz ganz anders starten. Stattdessen musste er kurzfristig umplanen. \u00d6d\u00f6n von Horv\u00e1th sprang in die Bresche. Und wie sich nun zeigte, kann auch aus geplatzten Pl\u00e4nen Gro\u00dfes entstehen. Zudem k\u00f6nnten seine \u201eGeschichten aus dem Wienerwald\u201c als Metapher f\u00fcr das theatralische Elend dieser Stadt stehen. Schlie\u00dflich geht es auch in dieser Tragikom\u00f6die von 1931 dr\u00fcber und drunter, wird Gl\u00fcck nur als Illusion erfahren und ist Schicksal stets Zerst\u00f6rung. Also doch ein Spielzeit-Auftakt nach Ma\u00df \u2013 im Depot 1 in M\u00fclheim.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der rote Vorhang verbirgt anfangs alles andere als ein klassisches Drama. Wenn er sich \u00f6ffnet, sind wir sofort mitten drin in einer Totenmesse. Der Tod kommt aus dem Hintergrund, begleitet von Gestalten, die Lemuren und Geistern \u00e4hnlicher sind als lebendigen Menschen. Eine Gruppe am Rande der Gesellschaft bewegt sich gebeugt, in verkrampften Bewegungen und \u00fcberspitzt karikaturesk in die Welt. Drau\u00dfen herrscht an diesem Premierenabend \u00fcbrigens Halloween. Real.<\/p>\n<p>Scheinen die Personen schon aus der Zeit gefallen, so verweist eine riesige Holzscheibe (B\u00fchne Olaf Altmann) auf eine Welt, an deren R\u00e4ndern man, wie das Mittelalter zu wissen meinte, ins Unendliche abst\u00fcrzte. Und bei Horv\u00e1th, radikal intensiviert durch Bachmanns Regie, st\u00fcrzen alle ab. In einem Drama, in dem das Wort Liebe zur Floskel und beliebigen Gef\u00fchlsware verkommt. Bis zu Oskars Drohgeb\u00e4rde in Richtung seiner Verlobten Marianne (Lou Z\u00f6llkau), nachdem sie auf den Hallodri Alfred (Robert D\u00f6lle) reingefallen ist und von Oskar (Bruno Cathomas) nichts mehr wissen will: \u201eIch werde Dich weiterlieben, du entgehst mir nicht!\u201c Er wird Recht behalten, weil die um Liebe und Kind betrogene Tochter des Prinzipienreiters und bigotten Moralisten Zauberk\u00f6nig (Martin Reinke) am Ende dem Spie\u00dfer Oskar in die Arme sinkt.<\/p>\n<p>Auf ihrem Weg erlebt die zarte Frau so manche Dem\u00fctigung. Bis sie, nackt und in grellwei\u00dfes Kunstlicht getaucht, ein Bild verwirrender Unschuld, in einer Bar der m\u00e4nnlichen Begierde ausgesetzt ist. Wenn sich, w\u00e4hrend sich am Rande der Drehscheibe die Szenen aneinanderreihen, der bigotte und besoffene eigene Vater der marmorn wirkenden Tochter von hinten n\u00e4hert, mit Fl\u00fcgelschl\u00e4gen metaphorisch eindeutig zu Werke geht, ist das eine der zahlreichen eindrucksvollen Szenen dieser Inszenierung.<\/p>\n<p>Am Ende haben falsche Gef\u00fchle und der Tod gewonnen. Marianne h\u00e4ngt schlaff und aller Kr\u00e4fte beraubt, am Hals dessen, der ihr seine Liebe angedroht hat. Neben beiden steht, wie zu Beginn des Abends, der Tod. In seinen Armen h\u00e4lt er den toten K\u00f6rper von Mariannes Kind. Nicht nur die Gegenwart, auch die Zukunft scheint verloren.<\/p>\n<p>Ein packender und kunstvoll arrangierter Theaterabend in K\u00f6ln.<\/p>\n<p>Auff.: 3., 6., 7., 21., November; 1., 6., 17., 20., 27. Dezember; <a href=\"http:\/\/www.schauspielkoeln.de\">www.schauspielkoeln.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine nackte Unschuld auf der Drehscheibe Welt &nbsp; Hausherr Stefan Bachmann startet mit Horv\u00e1ths \u201eWienerwald\u201c eindringlich in K\u00f6lns neue Spielzeit &nbsp; Von G\u00fcnther Hennecke &nbsp; K\u00f6ln \u2013 K\u00f6ln, das scheint eine Stadt mit eigenen Gesetzen. Man k\u00f6nnte auch sagen: eine Stadt des theatralischen Chaos. Pl\u00e4ne sind Makulatur, ehe sie auch nur ann\u00e4hernd umgesetzt sind. 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