{"id":387,"date":"2015-11-01T13:32:26","date_gmt":"2015-11-01T11:32:26","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=387"},"modified":"2019-06-02T20:32:18","modified_gmt":"2019-06-02T18:32:18","slug":"hilfloser-pazifismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=387","title":{"rendered":"Hilfloser Pazifismus"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>Schillers \u201eJungfrau von Orleans\u201c in Hamburg<\/strong><\/h1>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_388\" aria-describedby=\"caption-attachment-388\" style=\"width: 630px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/0_jungfrauHF_horn.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-388\" src=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/0_jungfrauHF_horn-683x1024.jpg\" alt=\"Deutsches SchauSpielHaus Hamburg: \u201eDie Jungfrau von Orleans\u201c von Friedrich Schiller Foto v.l.: Paul Herwig, Anne M\u00fcller \u00a9 Matthias Horn, 2015. Das Bild darf im Rahmen der Ank\u00fcndigung und Berichterstattung unter Nennung des Copyrights honorarfrei genutzt werden. Bitte senden Sie uns ein Belegexemplar an presse@schauspielhaus.de.\" width=\"640\" height=\"960\" srcset=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/0_jungfrauHF_horn-683x1024.jpg 683w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/0_jungfrauHF_horn-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-388\" class=\"wp-caption-text\">Deutsches SchauSpielHaus Hamburg: \u201eDie Jungfrau von Orleans\u201c von Friedrich Schiller Foto v.l.: Paul Herwig, Anne M\u00fcller \u00a9 Matthias Horn, 2015.<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>HAMBURG. Tilmann K\u00f6hler l\u00e4sst bei seiner Inszenierung der \u201eJungfrau von Orleans\u201c wenig von Schillers \u201eromantischer Trag\u00f6die\u201c \u00fcbrig. Vom Text bleiben nur Rudimente, vom Personal weniger als die H\u00e4lfte. K\u00f6hler geht es offenbar weniger um Schiller oder die Jungfrau, er m\u00f6chte Szenen gegen den Krieg zusammenf\u00fcgen. Heraus kommt eine Bilderfolge, in der M\u00e4chtige Kriege f\u00fchren, um mehr Macht an sich zu rei\u00dfen. M\u00e4dchen wie Johanna nutzen sie f\u00fcr ihre Zwecke. Am Anfang sprechen Schauspieler, die gr\u00f6\u00dften Teils Hocharistokraten der franz\u00f6sischen Seite verk\u00f6rpern, Texte, mit denen Politiker den Krieg gerechtfertigt haben: George Bush sen. und Wilhelm II., Wilhelm III. und Napoleon usw. Das Thema, so meint K\u00f6hler wohl, sei zeitlos. Die riesige B\u00fchne des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg wird von einer riesigen, in der Mitte durchgeschnittenen, metallen schimmernden Sch\u00fcssel dominiert (B\u00fchnenbild: Karoly Risz,); am oberen Rand stehen Tischmikrophone wie in einem Konferenzzentrum. Hier beraten der Dauphin und die Gro\u00dfen des Reichs in Anz\u00fcgen des 21. Jahrhunderts, Johanna tr\u00e4gt T-Shirt (Kost\u00fcme: Susanne Uhl). Regisseur K\u00f6hler und sein Ensemble warnen uns, das Publikum: Glaubt denen da oben nicht, in Wirklichkeit sind sie Kriegstreiber und verfolgen nur egoistische Zwecke, alle idealistischen Gr\u00fcnde waren und sind vorgeschoben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Theorie wirft mehr Fragen auf, als sie Antworten anbietet. Kann man wirklich imperialistische Eroberungskriege in fernen Weltgegenden (z.B. den Boxeraufstand in China 1900) gleichsetzen mit einem Verteidigungskrieg (Franzosen gegen den Einfall der Engl\u00e4nder in Frankreich im Hundertj\u00e4hrigen Krieg 1337 \u2013 1453)? Muss nicht jeder Sachverhalt f\u00fcr sich gepr\u00fcft werden? Hat Schiller nicht Recht, wenn er einen konkreten Fall sorgf\u00e4ltig betrachtet und beleuchtet, eben den Hundertj\u00e4hrigen Krieg und die sonderbare Rolle, die Johanna in ihm spielte?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Inszenierung leidet vor allem an einem Fehler, dem viele Theaterleute heute verfallen: Der Geschichtsvergessenheit. Wie ist denn zu erkl\u00e4ren, dass Johanna so viele Franzosen begeisterte, wie kam es, dass sich auf einmal das Kriegsgl\u00fcck zugunsten der Franzosen wendete, nachdem vorher die Engl\u00e4nder von Sieg zu Sieg geeilt waren? Sind V\u00f6lker so leicht zu manipulieren?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anne M\u00fcller spielt Johanna als Hysterikerin, sie rollt mit den Augen, der Mund zuckt \u2013 es ist nicht zu erkennen, woher ihre Begeisterungsf\u00e4higkeit kommt, zumal sie wenig von den flammenden Versen Schillers sprechen darf \u2013 das meiste ist gestrichen; die Vorstellung dauert (bei der Premiere am Samstag) nicht einmal zwei Stunden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Shaw w\u00e4re besser<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Niemand hat sch\u00e4rfer Schillers Trag\u00f6die kritisiert als George Bernard Shaw: Der Sp\u00f6tter urteilte: \u201eromantic nonsense\u201c. Shaw muss es wissen, er hat selbst ein St\u00fcck \u00fcber die Heilige Johanna geschrieben (<em>Saint Joan<\/em>). Der irische Meisterdramatiker ordnet Johanna geschichtlich ein und meint, sie habe zwei neue, historisch bedeutsame Ideen in die Welt gebracht: Den Nationalismus und den Protestantismus, im 15. Jahrhundert emanzipative Kr\u00e4fte. Shaws Heilige Johanna verk\u00f6rpert den geschichtlichen Fortschritt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist allemal interessanter als die Feststellung, dass Krieg Interessen dient und f\u00fcr die Mehrheit nicht gut ist \u2013 eine Binsenweisheit, f\u00fcr die niemand ins Theater gehen muss. Da w\u00e4re es schon interessanter zu erfahren, wie man aus Kriegswirren herauskommt, die heute die Welt verheeren, z.B. Syrien, um nur einen Konflikt zu nennen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dazu gibt Tilmann K\u00f6hlers Inszenierung keine Auskunft.<\/p>\n<p>Ulrich Fischer<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auff\u00fchrungen am 6., 10. und 21. Nov.; 6. und 28. Dez. \u2013 Spieldauer: knapp 2 Std.<\/p>\n<p>Kartentel.: 04024 87 13 \u2013 Internet: www.schauspielhaus.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; Schillers \u201eJungfrau von Orleans\u201c in Hamburg &nbsp; \u00a0 &nbsp; HAMBURG. 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