{"id":392,"date":"2015-11-05T09:59:17","date_gmt":"2015-11-05T07:59:17","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=392"},"modified":"2019-06-02T21:06:43","modified_gmt":"2019-06-02T19:06:43","slug":"392","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=392","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<h1><strong>\u201eDer Pass ist der edelste Teil eines Menschen\u201c<\/strong><\/h1>\n<h2>Aktuell in D\u00fcsseldorf: Mit dem Fl\u00fcchtling Bertolt Brecht in die Nazi-Jahre<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Von G\u00fcnther Hennecke<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>D\u00fcsseldorf \u2013 Sie sollten erst sp\u00e4ter auf den Brettern des D\u00fcsseldorfer Schauspiels auftauchen. Doch die aktuelle Situation lie\u00df Beelitz und seine Crew beherzt handeln: Bertolt Brechts \u201eFl\u00fcchtlingsgespr\u00e4che\u201c rutschten zeitlich nach vorne. Nicht schlecht, denn Brechts Physiker Ziffel k\u00f6nnte f\u00fcr die vielzitierten syrischen \u00c4rzte stehen, der Arbeiter Kalle f\u00fcr das \u201enormale\u201c Volk. So l\u00e4sst der Sprung ins Jahr 1940, als Brecht selbst als Fl\u00fcchtling in Finnland lebte und die \u201eGespr\u00e4che\u201c zu schreiben begann, erstaunliche Parallelen zum Heute zu.<\/p>\n<p>Ziffel und Kalle, die sich zuf\u00e4llig im Bahnhofsrestaurant von Helsinki kennenlernen, suchen ebenso nach einem Land, das sie aushalten kann und das sie aushalten k\u00f6nnen wie die Hilfesuchenden von heute. Der entscheidende Unterschied: In den 40-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts verlie\u00dfen Deutsche das Land, das nun von Hunderttausenden als vermeintliches Paradies glorifiziert wird.<\/p>\n<p>Ehe sich Andreas Wei\u00dfert alias Ziffel und J\u00fcrgen Mikol alias Kalle an einem kleinen Tisch niederlassen und dort \u00fcber den \u201eedelsten Teil von einem Menschen\u201c, n\u00e4mlich einen \u201ePass\u201c, r\u00e4sonieren und philosophieren, kommen ein paar \u201eNibelungen\u201c-Verse \u00fcber Kalles Lippen, lebt Fontanes \u201eIch hab es getragen sieben Jahr\u201c aus \u201eArchibald Douglas\u201c auf, und beschw\u00f6ren einige Heine-Verse die verlassene Heimat. \u201eAlles Fl\u00fcchtlingsgeschichten\u201c, meint Ziffel, der elegant gekleidete Physiker, neben dem Kalle, mit Schlagm\u00fctze und Joppe, wie eine Wiedergeburt Brechts erscheint.<\/p>\n<p>18 Szenen sind es, in denen der Autor Brecht mit Witz, trockenem Humor und einer Menge Ironie und Sarkasmus Erziehung und Demokratie, Sozialismus und Kapitalismus, Tugend und Realit\u00e4t \u00fcber die verbale Klinge springen l\u00e4sst \u2013 w\u00e4hrend eine Woodhouse-Karikatur, auf der ein Mann ein Hakenkreuz auf die Stra\u00dfe pinkelt, gro\u00df im Hintergrund prangt. Deutschsein bekommt sein Fett ab, und dass \u201escharfes Denken schmerzhaft\u201c ist, meint wohl (auch) all die Verantwortlichen der heutigen Malaise, denen Entschlusskraft abhandengekommen ist.<\/p>\n<p>Einige Male muss Brecht sogar selbst schweigen, um den Seehofern, de Maizieres und von der Leyens kaum vom Denken belasteten \u00c4u\u00dferungen zu \u00fcberlassen. Auf die Spitze treibt es Ziffel, wenn er den Gedanken \u00e4u\u00dfert, man sollte, um Kriege ungest\u00f6rter f\u00fchren zu k\u00f6nnen, die eigenen Zivilisten im Feindesland absetzen. Doch was ist, wenn der Feind dasselbe tut, denkt Kalle laut.<\/p>\n<p>Ein Abend im Kleinen Haus in D\u00fcsseldorf, der nach- und mitdenken l\u00e4sst, ohne einfache Antworten zu liefern. Mit zwei Akteuren, denen der ironische Spa\u00df sp\u00fcrbar aus allen Poren dringt.<\/p>\n<p><em>Auff.: 9., 24. November; 3., 12., 27., 29. Dezember; <\/em><a href=\"http:\/\/www.duesseldorfer-schauspielhaus.de\"><em>www.duesseldorfer-schauspielhaus.de<\/em><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDer Pass ist der edelste Teil eines Menschen\u201c Aktuell in D\u00fcsseldorf: Mit dem Fl\u00fcchtling Bertolt Brecht in die Nazi-Jahre &nbsp; Von G\u00fcnther Hennecke &nbsp; D\u00fcsseldorf \u2013 Sie sollten erst sp\u00e4ter auf den Brettern des D\u00fcsseldorfer Schauspiels auftauchen. 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