{"id":396,"date":"2015-11-08T08:46:28","date_gmt":"2015-11-08T06:46:28","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=396"},"modified":"2019-06-02T21:06:42","modified_gmt":"2019-06-02T19:06:42","slug":"396","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=396","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<h1><strong>Geheimnis und Komik des Dschihad <\/strong><\/h1>\n<h3><strong>Urauff\u00fchrung \u201eStirb, bevor du stirbst\u201c des syrischen Kurden Ibrahim Amir in K\u00f6ln<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Von G\u00fcnther Hennecke<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>K\u00f6ln \u2013 Er ist, wenn man so will, ein Fl\u00fcchtling der ersten Generation. Wegen seines Engagements f\u00fcr eine kurdische Studenten-Organisation wurde er exmatrikuliert und vom weiteren Studium der Theaterwissenschaft ausgeschlossen: Ibrahim Amir, 1982 im syrischen Aleppo als Sohn kurdischer Eltern geboren, zog es daraufhin 2002 nach Wien. Dort begann er ein Medizin-Studium, das er 2012 erfolgreich abschloss.<\/p>\n<p>Die Liebe zur Sprache trieb den Mediziner freilich auch in die F\u00e4nge der Literatur und des Theaters. F\u00fcr seinen Roman \u201eIn jener Nacht schlief sie fest\u201c erhielt er 2009 den Exil-Literaturpreis f\u00fcr in \u00d6sterreich lebende Autoren mit Migrationshintergrund. F\u00fcr seinen B\u00fchnen-Erstling, das 2013 in Wien uraufgef\u00fchrte und im Mai 2014 am Schauspiel K\u00f6ln deutsch erstaufgef\u00fchrte St\u00fcck \u201eHabe die Ehre\u201c, wurde ihm ebenfalls eine Auszeichnung ans Revers geheftet: der Nestroy-Preis.<\/p>\n<p>Nun ergriffen die Amir-erfahrenen K\u00f6lner die Chance und ermunterten den Klinik-Arzt, nur f\u00fcr sie in die Tasten zu greifen. Heraus kam sein neuestes Drama \u201eStirb, bevor du stirbst\u201c. Mit dessen Urauff\u00fchrung in der Regie von Rafael Sanchez fand ein aktuelles Thema auf die B\u00fchne: Weshalb zieht es junge M\u00e4nner, scheinbar im Westen fest verankert, in den Dschihad, den \u201eHeiligen Krieg\u201c. Nat\u00fcrlich findet selbst ein Dramen schreibender Mediziner keine einfachen Antworten. Also etikettierte er die kaum l\u00f6sbare Aufgabe als Kom\u00f6die.<\/p>\n<p>Die deutsche Oma Gertrud, ein wenig dement in ihrer Altklugheit, bietet sich bestens an, dem Spa\u00df am Spiel die Sporen zu geben. Mit ihr hat die neue Nachbarin, die quirlig-beredte Magda, leichtes Spiel. Mit S\u00fc\u00dfem aus dem Libanon, ihrer einstigen Heimat, gewinnt sie deren Zu- und Vertrauen. Doch als Gertruds Tochter Sabine, \u00fcberreizt, schlecht gelaunt und voller Misstrauen gegen\u00fcber der Ex-Libanesin nach Hause kommt, ist der Spa\u00df zu Ende. Diese permanent gut gelaunte und kokettierend den Raum f\u00fcllende Libanon-S\u00fc\u00dfe ist eine bedrohliche Ausl\u00e4nderin. Bis Sabine, v\u00f6llig verst\u00f6rt und verwirrt, erfahren muss, dass ihr Sohn Philipp mit einem Freund nach Syrien unterwegs ist, um sich dem Dschihad anzuschlie\u00dfen. F\u00fcr Mama st\u00fcrzt eine Welt ein. Andere m\u00fcssen schuld sein: Es ist der Imam von der Moschee nahebei.<\/p>\n<p>Es kommt, was kommen muss. Freilich in ein Bild umgesetzt, das als \u00fcberzogenes Klischee ganz der Kom\u00f6die verpflichtet ist: In elegantes, K\u00f6rper und Gesicht ganz bedeckendes Schwarz geh\u00fcllt, und damit eher an die Frauen in Lorcas Dramen erinnernd als an Tschador tragende Mohammed-T\u00f6chter, treten Oma, Tochter und Muslimin Magda dem Iman vor die Augen. Der, von Sabine voller Wut mit allen Islamisten in einen Topf geworfen, macht die Gesellschaft f\u00fcr alles moralisch Verwerfliche verantwortlich. Misstrauen und Hass in allen Ecken. Bis der Imam erf\u00e4hrt, dass auch sein Sohn, Mustafa, auf dem Weg nach Syrien ist.<\/p>\n<p>\u201eTun wir was dagegen!\u201c, fordert Sabine den Imam k\u00e4mpferisch vereint auf.<\/p>\n<p>Doch die gemeinsame Suche erweist sich als unn\u00f6tig: Philipp und Mustafa tauchen unvermittelt auf. Sie waren gar nicht in Syrien, sondern bildeten sich in der T\u00fcrkei zu toleranten Sufis aus, denen Liebe, Harmonie und Sch\u00f6nheit h\u00f6chste Ziele sind. Eine Volte, die weniger dramatisch als komisch wie ein Blitz aus heiterem Himmel kommt.<\/p>\n<p>Rasender Applaus f\u00fcr einen spielerisch sich zunehmend steigernden Theaterabend.<\/p>\n<p>Auff\u00fchrungen: 7., 8., 13., 15. November; 2., 8., 12., 16., 25. Dezember; <a href=\"http:\/\/www.schauspielkoeln.de\">www.schauspielkoeln.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geheimnis und Komik des Dschihad Urauff\u00fchrung \u201eStirb, bevor du stirbst\u201c des syrischen Kurden Ibrahim Amir in K\u00f6ln &nbsp; Von G\u00fcnther Hennecke &nbsp; K\u00f6ln \u2013 Er ist, wenn man so will, ein Fl\u00fcchtling der ersten Generation. 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