{"id":398,"date":"2015-11-09T15:00:49","date_gmt":"2015-11-09T13:00:49","guid":{"rendered":"http:\/\/theaterfischer.de\/?p=398"},"modified":"2019-06-02T20:32:18","modified_gmt":"2019-06-02T18:32:18","slug":"dormite-schlaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theaterfischer.de\/?p=398","title":{"rendered":"Dormite \u2013 schlaft!"},"content":{"rendered":"<h1><strong><u>Dormite \u2013 schlaft!<\/u><\/strong><\/h1>\n<h3>&#8222;S\u00f6hne &amp; S\u00f6hne&#8220; &#8211; Eine Performance-Installation von SIGNA<\/h3>\n<figure id=\"attachment_399\" aria-describedby=\"caption-attachment-399\" style=\"width: 630px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/0a_SoehneSoehne_koestler.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-399\" src=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/0a_SoehneSoehne_koestler-683x1024.jpg\" alt=\"Deutsches SchauSpielHaus Hamburg: \u201eS\u00f6hne &amp; S\u00f6hne\u201c \u2013 Eine Performance-Installation von SIGNA. Urauff\u00fchrung am 06.11.2015 in der ehemaligen staatlichen Gewerbeschule f\u00fcr Bauhandwerker. Foto: Signa K\u00f6stler \u00a9 Arthur K\u00f6stler, 2015. Die Bilder d\u00fcrfen im Rahmen der Ank\u00fcndigung und Berichterstattung unter Nennung des Copyrights honorarfrei genutzt werden. Bitte senden Sie uns ein Belegexemplar an presse@schauspielhaus.de.\" width=\"640\" height=\"960\" srcset=\"https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/0a_SoehneSoehne_koestler-683x1024.jpg 683w, https:\/\/theaterfischer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/0a_SoehneSoehne_koestler-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-399\" class=\"wp-caption-text\">Deutsches SchauSpielHaus Hamburg: \u201eS\u00f6hne &amp; S\u00f6hne\u201c Eine Performance-Installation von SIGNA. \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Foto: Signa K\u00f6stler \u00a9 Arthur K\u00f6stler, 2015<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>HAMBURG. Das Deutsche Schauspielhaus ist f\u00fcr seine neueste Produktion \u201eS\u00f6hne &amp; S\u00f6hne\u201c umgezogen, in die ehemalige Gewerbeschule f\u00fcr Bauhandwerker. Eine gute Entscheidung, denn \u201eS\u00f6hne &amp; S\u00f6hne\u201c ist keine konventionelle Auff\u00fchrung mit B\u00fchne und Zuschauerraum, sondern eine \u201ePerformance-Installation\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir, die Zuschauer, m\u00fcssen erst einmal warten, ehe die Pforte zur Firma \u00f6ffnet. Unsere Rolle: wir sollen uns um eine Stelle bewerben und haben die erste H\u00fcrde geschafft. Jetzt sind wir eingeladen und m\u00fcssen einen Parcours durchlaufen, in dem wir auf Herz und Nieren gepr\u00fcft werden, f\u00fcr welche Abteilung wir am besten geeignet sind. Wir bekommen einen Laufzettel und m\u00fcssen uns vorstellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Konzept von SIGNA (Signa &amp; Arthur K\u00f6stler) in Zusammenarbeit mit Sybille Meier und Mona el Gammal lehnt sich an Einstellungsgespr\u00e4che an, \u00fcbertreibt aber und l\u00e4sst sich auch von religi\u00f6sen (vor allem katholischen) Initiationsriten leiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die traditionsreiche Firma S\u00f6hne &amp; S\u00f6hne wirkt ziemlich heruntergekommen. Sie setzt ganz offenbar auf besondere Loyalit\u00e4t, um eine willf\u00e4hrige Belegschaft heranziehen, die bereit ist, sich ausbeuten und mit ein bisschen Blech und fragw\u00fcrdiger Ideologie abspeisen zu lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Schauspieler \u2013 ein riesiges Ensemble, \u00fcber 40 K\u00f6pfe \u2013 m\u00fcssen nicht nur ihren Text lernen, sie m\u00fcssen ihre Figur kennen und beherrschen. Denn sie treten ja ihrem Publikum nicht auf der B\u00fchne entgegen und sind durch die Rampe und die Entfernung zum Zuschauerraum gesch\u00fctzt \u2013 sie treten ihren Zuschauern direkt gegen\u00fcber \u2013 und die k\u00f6nnen sich wehren, sie provozieren, ausprobieren, ob sie auch im Konflikt in der Lage sind, in ihrer Rolle zu bleiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anne Hartung bew\u00e4hrte sich bei einem solchen Test gl\u00e4nzend. Sie spielte Ronda Sohn (das ist ihr <em>nom de guerre<\/em>, alle Mitarbeiter nehmen den Nachnamen \u201eSohn\u201c an, um ihre Loyalit\u00e4t zum Unternehmen unter Beweis zu stellen). Ronda leitet das \u201eB\u00fcro f\u00fcr interne Gesetze (BIG)\u201c. Sie muss allen Angst einjagen, damit sie spuren, gehorchen, sich widerspruchslos einf\u00fcgen und unterwerfen. Ronda ist die erste Frau auf diesem Platz \u2013 sie ist klein und zierlich \u2013 und von der Aufgabe heillos \u00fcberfordert. Aber sie arbeitet hart und weist Angriffe eines frechen neuen Mitarbeiters tapfer zur\u00fcck. Anne Hartung portr\u00e4tiert eine Frau, die bereit ist, ihre Seele zu verkaufen f\u00fcr ihre Karriere \u2013 und sie ist nicht aus der Ruhe zu bringen. Sie erweist sich als willige Vollstreckerin eines repressiven Systems.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gerade solche spannungsvollen Augenblicke bilden H\u00f6hepunkte. Aber das ganze Firmenportr\u00e4t ist brillant. Wer auf den Fluren von einem B\u00fcro zum andern geht, h\u00f6rt, wie der Hausmeister schikaniert wird \u2013 er ist nicht der einzige der s\u00e4uft \u2013 und der Flurfunk meldet, dass, seitdem ein neuer Chef da ist, sich einige das Leben genommen haben. Die Hierarchie ist heillos, die Chefs unf\u00e4hig &#8211; die Angst vorm Scheitern zerm\u00fcrbt sie. Und die Untergebenen zittern noch mehr. Angst essen Seele auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit einem Wort: das Arbeitsklima ist schauerlich. Ob es so war bei VW? Der Chef macht Druck und keiner wagt zu widersprechen? Alles unter dem l\u00e4ngst l\u00f6chrig gewordenen Dach der angeblich heilen Firmenfamilie?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erwachet!<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Ende steht ein weiterer H\u00f6hepunkt: Die neuen Mitglieder werden in die Firma aufgenommen wie Priester in die Kader der katholischen Kirche. Die Zuschauer m\u00fcssen sich auf den Boden legen und werden geweiht, bekommen neue Namen. Ein Verblendungszusammenhang wird erzeugt, Menschen erheben sich \u00fcber Mitmenschen \u2013 es ist grauenhaft, komisch, entlarvend und stark. Die alten Priester, die die jungen in die Gemeinschaft der \u201eS\u00f6hne\u201c aufnehmen, singen im Bass immer wieder \u201eDormite!\u201c \u2013 Schlaft!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das St\u00fcck ist stark, die Auff\u00fchrung (Regie: Signa K\u00f6stler) provoziert, aber das Beste sind die Schauspieler, die ihre Rolle \u00fcberzeugend verk\u00f6rpern und so dem Wahnsinn der Hierarchie &#8211; sie es in der Religion, sei es in der \u00d6konomie \u2013 eine angemessen kritische Theaterh\u00fclle schneidern: das Narrenkleid des Absurden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ulrich Fischer<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auff\u00fchrungen 16. \u2013 22. 11; 30. 11. \u2013 6. 12; 14. \u2013 20. 12. \u2013 Spieldauer: 6 Std.<\/p>\n<p>Kartentel.: 04024 87 13 \u2013 Internet: www.schauspielhaus.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dormite \u2013 schlaft! &#8222;S\u00f6hne &amp; S\u00f6hne&#8220; &#8211; Eine Performance-Installation von SIGNA &nbsp; &nbsp; HAMBURG. 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